Home
http://www.faz.net/-gbp-12881
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Rezession, ganz persönlich „Ich habe meinen Job verloren“

06.04.2009 ·  Wenn gestandene Männer nachts im Hausflur weinen, wenn die Vermieter in Manhattan kaum noch Interessenten haben, wenn im Supermarkt der billige Wein ausverkauft ist und die Pennysammlerin auf der Straße nichts mehr findet, dann ist man angekommen: mitten in New York, mitten in der Rezession.

Von Corinna Budras, New York
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Vor einigen Tagen erlebte Naela El-Hinnawy die Auswirkungen der Rezession zum ersten Mal direkt vor ihrer Haustür: Mitten in der Nacht wurde sie von einem lauten Streit im Treppenhaus geweckt. Irgendwo wurde ein Mann aus einer Wohnung geworfen, eine Tür knallte. Danach saß der Mann eine Stunde lang auf der Treppe und weinte. „Ich habe meinen Job verloren“, rief er immer wieder. „Es war sehr beängstigend“, erzählt El-Hinnawy. Doch niemand rief die Polizei: „Ich nehme an, meine Nachbarn taten das Gleiche wie ich: auf der anderen Seite der Tür sitzen und mit ihm weinen.“

Geschichten aus den Zeiten der Wirtschaftskrise. Während in den Nachrichten vor allem astronomische Zahlen über neue Rettungspakete dominieren, sammelt der New Yorker Radiosender WNYC die Erfahrungen seiner Hörer. Millionen New Yorker sind aufgerufen, von ihren persönlichen Konjunkturindikatoren zu erzählen - und diese Anekdoten sind ebenso individuell wie bezeichnend. So spricht schon die wachsende Anzahl von Tupperdosen im Bürokühlschrank Bände über den Zustand der amerikanischen Wirtschaft: Während in den Firmenkühlschränken im vergangenen Jahr allenfalls einige Milchtüten lagerten, stapelten sich nun Mikrowellengerichte und Vorgekochtes, berichtet Justin auf der Internetseite des Radiosenders. Und wer in den Zeiten der Rezession nicht ganz auf Wein verzichten will, wird im Discounter bitter enttäuscht: Der billige Fusel für 2,99 Dollar, der sonst das ganze Wandregal einnimmt, ist plötzlich ausverkauft.

Die Mieten fallen

Selbst in den beliebten New Yorker Stadtteilen Manhattan und Brooklyn fallen inzwischen die Mieten. So mancher Vermieter, der früher Heerscharen von Interessenten abwimmeln musste, wird nun selbst zum Bittsteller: „Wenn Sie jemanden kennen, der eine Wohnung sucht, melden Sie sich bitte bei meiner Assistentin“, schreibt einer auf einem Zettel, den er seinen Mietern unter der Tür durchschiebt. Läden, die noch vor wenigen Monaten mit großen Hoffnungen eröffnet wurden, müssen gleich wieder schließen: Neben dem Schild „Neueröffnung“ prangt in ebenso großen Lettern der neue Hinweis: „Zu Vermieten“.

Auch in den Schulen macht sich der Abschwung bemerkbar. Die Grundschullehrerin Mandy Kwan beobachtet einen wahren Ansturm auf die staatliche Schule, in der sie unterrichtet. „Viele Eltern können sich das Schulgeld für die privaten nicht mehr leisten“, sagt sie. Dafür holen nachmittags inzwischen immer mehr arbeitslose Väter ihre Kinder ab. Den Dominoeffekt der Massenentlassungen bekommt auch Amy zu spüren, die sich mit Nachhilfeunterricht den Lebensunterhalt verdient. Innerhalb von zwei Wochen verlor sie all ihre Schüler.

Die Zähne knirschen

Doch die Krise zeigt sich auch in weniger offensichtlichen Lebensbereichen: Zahnärzte stellen immer häufiger fest, dass ihre Patienten nachts mit den Zähnen knirschen, um Stress abzubauen. Gleichzeitig berichtet Alaina Lynn, dass sie auf ihrem Weg zur Arbeit inzwischen immer häufiger auf Raucher trifft. „Ich verstehe ja, dass die Menschen gestresst sind“, sagt sie. „Aber ich kann mir kaum einen schnelleren Weg vorstellen, um sein Arbeitslosengeld zu verprassen.“ Die staatliche Unterstützung scheinen dagegen immer mehr Menschen auf ungewöhnlichem Weg aufbessern zu wollen. Erica Reiner, die schon seit Jahren mit ihrem Mann Glückspfennige von der Straße aufsammelt, findet inzwischen kaum mehr welche. „Ich fürchte, man kann den Zustand einer Stadt an dem Willen der Menschen ablesen, sich für einen Penny zu bücken“, sagt sie.

Auch die Kleinsten der Gesellschaft leiden: Adoptionsagenturen vermelden eine sinkende Nachfrage, die Telefone klingeln kaum mehr. „Wir können im Moment nur ahnen, dass die Menschen nicht mehr willens sind, Adoptivkinder aufzunehmen, wenn sie um ihr Einkommen fürchten müssen“, sagt Rich Buley-Neumar, der für eine gemeinnützige Adoptivagentur arbeitet, die Kinder aus Pflegefamilien zur Adoption vermittelt. „Wegen der Haushaltskürzungen des Staates New York haben wir zudem die Sorge, ob die Kinder überhaupt noch die notwendige Zuwendung erhalten.“ Und noch mehr als das: „Ihnen könnte das Einzige vorenthalten bleiben, das sie am meisten brauchen: eine liebevolle Familie.“ Doch ein echter New Yorker kann der Krise auch etwas Gutes abgewinnen: „Zum ersten Mal seit vier Jahren habe ich an der U-Bahn-Station Wall Street heute einen Sitzplatz bekommen“, jubiliert Andrew.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen