27.10.2009 · Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler George Akerlof ist einer der wenigen Ökonomen, der die Finanzkrise vorhergesehen hat. Im Interview lobt er Deutschland dafür, mit der Kurzarbeit vorbildlich auf die Krise reagiert zu haben. Für die Zukunft fordert er: Die Ökonomie muss noch mathematischer werden.
Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler George Akerlof ist einer der wenigen Ökonomen, der die Finanzkrise vorhergesehen hat. Im Interview lobt er Deutschland dafür, mit der Kurzarbeit vorbildlich auf die Krise reagiert zu haben. Für die Zukunft fordert er: Die Ökonomie muss noch mathematischer werden.
Herr Akerlof, jahrelang haben die Ökonomen erzählt, wir bräuchten Wachstum. Heute fragen sich viele: Sollten wir nicht lieber das Glück steigern?
Das widerspricht sich doch gar nicht. Ich glaube, dass Menschen vor allem dann glücklich sind, wenn sie einen Arbeitsplatz haben. Und den haben sie, wenn die Wirtschaft gut läuft, also wächst. Gerade kurzfristig hängen Beschäftigung und Wachstum eng zusammen.
Arbeit macht uns also glücklich?
Ja.
Dann müsste Deutschland zur Zeit ein glückliches Land sein. Anders als in Amerika ist die Arbeitslosigkeit in der Krise bisher kaum gestiegen.
Ja, und das finde ich tatsächlich sehr gut. In einer Rezession ist es sowieso schon schwierig, eine neue Stelle zu bekommen. Wenn dann auch noch Leute entlassen werden und auf den Arbeitsmarkt strömen, wird es nur noch schwieriger.
Die Entlassenen könnten sich doch eine neue Arbeit suchen, in einer Branche, die mehr Zukunft hat als die, aus der sie kommen.
In einer Krise wie dieser stellt doch kaum ein Unternehmen ein. Das deutsche System der Kurzarbeit funktioniert in der Rezession besser. Es ist doch sinnvoller, dass alle Leute einen Tag weniger arbeiten in der Woche und etwas weniger verdienen, als dass viele weiterarbeiten wie bisher, aber einige Unglückliche ihre Stelle verlieren und gar kein Geld mehr haben. Dazu kommt: Die deutsche Kurzarbeit stabilisiert auch die Wirtschaft.
Weil die Menschen so weitermachen wie bisher?
Genau. Sie kaufen weiter ein, das wirkt wie ein automatischer Stabilisator für die Wirtschaft, weil nicht auch noch der Konsum wegbricht.
Der Preis dafür ist hoch: Der Staat bezuschusst die Kurzarbeit mit Milliarden.
Aber ist das tatsächlich teurer, als die Wirtschaft durch viele Arbeitslose noch weiter zu bremsen? Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber ich wäre mir da nicht so sicher.
Eins ist aber sicher: Das deutsche System animiert die Menschen dazu, sehr lange in Jobs zu verharren, die wenig Zukunft haben.
Langfristig werden sie da nicht bleiben können, auch nicht in Deutschland. Aber das deutsche System gibt ihnen mehr Zeit, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Sie müssen das nicht gerade dann tun, wenn es nur wenige Stellen gibt und sie sowieso kaum etwas finden. Zum Beispiel zur Zeit.
Das könnte doch bald besser werden, wenn man den Prognosen glaubt. Ist die Krise nicht bald vorbei?
Wir sollten uns nicht zu sicher sein.
Wieso?
Ich glaube, dass unsere Einstellung nicht richtig ist. Wir glauben momentan entweder, die Krise ist mit Sicherheit vorbei, oder das Gegenteil davon - je nachdem, wie die Nachrichten gerade sind.
Und was sollen wir stattdessen tun?
Etwas gelassener an das Thema herangehen. Jetzt sollten wir uns darüber freuen, dass die Rettungsmaßnahmen für die Banken offenbar funktionieren. Zugleich sollten wir aber trotz allem Pläne in der Tasche haben für den Fall, dass noch etwas schiefgeht.
Sie legen sich lieber nicht darauf fest, was im kommenden Jahr passiert?
Nein.
Aber in der vergangenen Krise hatten Sie die richtige Intuition.
Ja, ich hatte es im Gefühl, dass eine große Finanzkrise kommen würde.
Da waren Sie einer von wenigen. Die meisten Ihrer Kollegen haben die Krise nicht gesehen. Warum
Ich glaube, es gab zwei wesentliche Gründe dafür. Zum einen haben viele die großen Wertpapierbündel nicht tief genug durchschaut und analysiert, um zu wissen, welche Risiken sich dahinter verbergen.
Und zweitens?
Die uns allen zur Verfügung stehenden Statistiken waren nicht geeignet, um das Geschehen gerade rund um die problematischen Wertpapiere abbilden zu können. Ich selbst habe schon 1994 in einer Analyse mit Paul Romer geschrieben, dass es eine Krise auf dem Derivatemarkt geben könnte ...
... Gewarnt haben Sie aber nicht.
Nein. Ich wusste nicht, wie ich das machen soll. Viele Kollegen hatten die gleiche Intuition wie ich, fanden aber auch keinen Weg, den warnenden Artikel zu schreiben.
Wieso? Es muss doch ein Leichtes sein, das zu kommunizieren.
Eben nicht. Denn es gab keine Statistiken, mit denen ich das einwandfrei hätte belegen können. Und auf die Intuition allein hätte niemand gehört.
Auch nicht auf die eines Nobelpreisträgers?
Ich glaube nicht.
Welche Daten fehlten?
Zum Beispiel darüber, wie groß das Gesamtvolumen der komplizierten Finanzprodukte mit dem Namen Credit Default Swaps war.
Sind bessere Statistiken dann der Schlüssel dafür, eine neue Krise zu verhindern?
Sie sind ein wichtiger Teil, ja. Wir brauchen bessere Zahlen, zum Beispiel über Credit Default Swaps. Sie sollten erst dann gehandelt werden können, wenn das Volumen dieser Transaktionen gemessen wird. Außerdem sollten gerade solche Papiere der gleichen Regulierung unterliegen wie jede Versicherung: Das Ausfallrisiko muss erstens klar und zweitens abgesichert sein.
Wertpapiere sollen gegen ihren eigenen Ausfall versichert sein?
Genau. Wenn Sie ein Haus besitzen, dann haben sie dafür auch eine Feuerversicherung. Das sollte es auch für Finanzprodukte geben. Es sollte gesetzlich vorgeschrieben sein, dass sie für den Katastrophenfall gegen Ausfall versichert sind.
Verantwortlich für die Krise war aber nicht nur die Regulierung, sondern auch die Menschen. Viele schimpfen auf die hohen Verdienste der Banker. Müssen Boni nun gesetzlich vorgeschrieben werden?
Ich weiß nicht, ob es dafür eine vernünftige gesetzesfähige Lösung gibt.
Aber etwas ändern muss man?
Wir wissen, dass jemand, der einen Bonus kriegt, dafür auch etwas tut und dass das nicht notwendigerweise gut für die Firma sein muss. Und wir müssen ein weiteres Phänomen einbeziehen: Wenn die Öffentlichkeit denkt, dass die Boni zu hoch und deshalb unfair sind, wird es auf Dauer soziale Probleme geben.
Halten Sie denn die Boni der Banker für zu hoch?
Ich denke, dass es unfair ist, wenn jemand einen Riesenbonus bekommt, der seine Firma in den Ruin getrieben hat.
Eine andere stark kritisierte Berufsgruppe in dieser Krise ist Ihre eigene, die Ökonomen. Was muss sich bei Ihren Kollegen ändern?
Sie müssen ihre Modelle, mit denen sie versuchen, die Wirklichkeit abzubilden, verbessern.
Was fehlt denn den gängigen Modellen?
Gefühle. Wir Menschen sind sehr emotional und zeigen in bestimmten Situationen ein Verhalten, das unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht rational ist. Wir orientieren uns zum Beispiel an gesellschaftlichen Normen, was dazu führt, dass wir nicht immer das tun, was uns selbst den höchsten Gewinn bringt. Dieses Verhalten wird bisher nicht genügend berücksichtigt.
Wie kann man das ändern?
Dafür braucht es komplexere mathematische Verfahren, als wir Ökonomen sie momentan meist verwenden.
Wie bitte, Sie fordern mehr Mathematik? Meistens werden die Ökonomen doch dafür kritisiert, dass sie zu mathematisch sind.
Und das ist falsch. In Wahrheit benutzen die meisten Ökonomen nur relativ simple Mathematik. Deshalb lassen ihre Modelle viel von dem außen vor, was im Leben passiert. Die Ökonomen haben nicht genügend Respekt vor den interessanten Ergebnissen, die kompliziertere Mathematik hervorbringen kann. Wenn wir etwa in unsere Modelle ein komplexeres Menschenbild einbauen wollen, einen Menschen, der Gefühle hat, nicht immer rational agiert, dann brauchen wir mehr Mathematik, nicht weniger.
Ihr eigenes Buch, das Sie gemeinsam mit dem Kollegen Robert Shiller geschrieben haben, kommt aber ohne mathematische Formeln aus.
Das stimmt, aber hinter unseren Überlegungen verbirgt sich eine mathematische Struktur, die jemand mit einem starken ökonomischen Hintergrund erkennen wird. Nicht-Ökonomen werden sie nicht erkennen und auch nicht brauchen. Allerdings ist viel von dem, was wir schreiben, auch noch nicht in Formeln gefasst worden. Das müssen künftige Generationen leisten.
Blicken wir zum Schluss einmal auf andere Art in die Zukunft: Was sind die wichtigsten Themen für Wirtschaftswissenschaftler in den nächsten hundert Jahren?
Zunächst und als Allererstes müssen wir die gegenwärtige Wirtschaftskrise lösen und künftige Krisen verhindern. Das ist ein Thema, das alle anderen wichtigen Belange schnell von der Tagesordnung verdrängt.
Zum Beispiel?
Mit Blick auf die Vereinigten Staaten sind weitere Themen die Folgen des Klimawandels und der Umgang mit Minderheiten und Armut. Wobei wir Ökonomen natürlich zur Bewältigung der Finanzkrise am meisten beitragen können.