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New Yorker Börse „Die Wall Street ist nicht tot“

18.04.2009 ·  Es geht aufwärts: Auf dem Parkett der New Yorker Börse hoffen die Händler nach der jüngsten Kurserholung auf eine nachhaltige Wende. Das Ende der Wall Street will nun niemand mehr kommen sehen. Doch die lange Baisse hat ihre Spuren hinterlassen.

Von Norbert Kuls
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Hanifullah Rahimi spürt jeden Morgen den Puls der New Yorker Börse. Der 19 Jahre alte Abendschüler steht in einem Imbisswagen an der Ecke Broad Street und Beaver Street - auf halber Strecke zwischen dem Hauptquartier der Bank Goldman Sachs und der New York Stock Exchange. Vor dem Wagen bildet sich eine Stunde vor Eröffnung der Börse eine kleine Schlange. Rahimi verkauft Donuts, Bagel, Muffins und Kaffee in Pappbechern an die Angestellten, die im Anzug oder Kostüm, mit Baseballkappen und Turnschuhen aus den umliegenden U-Bahn-Stationen auftauchen, um danach in eine der Drehtüren des New Yorker Finanzdistrikts zu verschwinden.

„Good Morning New Yorkers“ steht auf Rahimis Karren. Aber in den vergangenen anderthalb Jahren hat es im Süden von Manhattan für Börsianer und Banker nicht viele gute Vormittage gegeben. Keine guten Morgen, keine guten Tage und keine guten Abende. Die Wall Street befand sich im Griff einer eskalierenden Finanzkrise. Der Dow-Jones-Index war von seinem Rekordstand im Oktober 2007 in nur 18 Monaten um mehr als 50 Prozent abgesackt. Banken haben Milliardenverluste angehäuft und zahlreiche Angestellte entlassen.

Müde und dankbar um den Job

„Wenn man die Kunden morgens mit einem freundlichen ,Wie geht's' begrüßt, antworten sie nur noch selten ,ausgezeichnet'“, erzählt Rahimi. „Müde“ hört er viel öfter. Oder: „Gott sei Dank haben wir immer noch einen Job.“

Sein Umsatz sei im vergangenen Jahr um gut ein Fünftel gefallen, sagt Rahimi, der in Abendkursen Rechnungswesen an einem College im New Yorker Arbeiterviertel Queens studiert. Das ist kein Wunder. Entlassene Banker haben keinen Grund mehr, sich in dieser Gegend vor seinen Wagen zu stellen.

Auch die schrumpfenden Bonuszahlungen an der Wall Street spürt einer, der mittags Hähnchen mit Reis oder seine populäre Hummersuppe an Finanzprofis verkauft. „Kunden verlangen jetzt öfter nach einem Stück mehr Fleisch - natürlich zum gleichen Preis“, sagt Rahimi.

Hähnchen in Plastikschalen oder mit Papier umwickelte Schinken-Käse-Sandwiches aus den umliegenden Delikatessenläden liegen mittags zwischen Wandtelefonen und Computerbildschirmen auch auf den Stehablagen der New Yorker Parketthändler.

Weisberg traut dem Anstieg nicht

Einer dieser Händler ist Theodore „Teddy“ Weisberg, der Gründer und Chef des kleinen Wertpapierhauses Seaport Securities Corp. Weisberg wird bald 69 Jahre alt. 40 Jahre davon hat er an der Börse verbracht.

Der Börsenprofi steht mitten auf dem Parkett, mit blauem Anzug und gestreiftem Schlips, mit randloser Brille und einem Rest weißer Haare. An seinem Revers ist ein weißes Schild mit der Nummer 280 und dem Namen seiner Firma angebracht. Er lächelt. An diesem Tag ist die Stimmung gut.

Der Dow Jones, das weltbekannte Barometer der amerikanischen Aktienmärkte, steigt gleich nach Eröffnung schon um 115 Punkte. Neben den meisten Symbolen der Aktiengesellschaften, die über die Laufbänder an den Wänden des Handelssaals ziehen, zeigt ein grünes Dreieck nach oben. Schon mehrere Wochen sind die Kurse nun gestiegen. Weisberg traut der Sache aber noch nicht ganz. „Die große Frage ist, ob es sich nur um eine kurzfristige Erholung in einem anhaltenden Abwärtstrend oder schon um die Wende handelt“, sagt er.

Nichts ist „rational“, vieles nur Psychologie

Weisberg und viele seiner Kollegen an der Börse hoffen natürlich, dass der Tiefstand von Anfang März der Wendepunkt war. Damals war der Dow unter 6.500 Punkte gerutscht. Die Auslöser der jüngsten Kurssprünge: Viele Banken haben im ersten Quartal 2009 besser abgeschnitten als befürchtet, zuletzt auch die besonders hart getroffene Citigroup.

Zudem stemmt sich die Regierung mit massiven Hilfsprogrammen gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise. „Es hat noch nie Konjunkturpakete in einem solchen Ausmaß gegeben. Es ist anzunehmen, dass das Auswirkungen haben wird“, sagt Weisberg. Die Hoffnung scheint sich bislang zu erfüllen.

Aber 40 Jahre an der Wall Street haben Weisberg vorsichtig gemacht. „Leider wird nicht mit einer Glocke geklingelt, wenn der Boden erreicht ist“, sagt er. Ohnehin sei nichts am Aktienmarkt „rational“. Langfristig bestimme zwar die Gewinnentwicklung der Aktiengesellschaften den Trend. Der Rest: Psychologie.

Anleger seien während der Hausse zu selbstgefällig und während der Baisse zu verängstigt. „Es ist immer das gleiche Muster“, beobachtet Weisberg. „Wir versuchen deswegen unsere Emotionen bei Anlageentscheidungen auszuklammern.“

Nur noch 1.000 Händler vor Ort

Das bleibt ein frommer Wunsch. Die lange Baisse zehrte auch an den Nerven von Weisberg, Erfahrung hin oder her. Den Börsenkrach von 1987 und den Kurseinbruch nach dem Platzen der spekulativen Blase der Technologieaktien vor neun Jahren, zu dem noch die Terroranschläge vom 11. September 2001 kamen, hatte die Wall Street vergleichsweise schneller verarbeitet - gemessen an den Börsenkursen zumindest. „Der Crash von 1987 war eine Sache von ein oder zwei Tagen“, erinnert sich Weisberg.

Er vergleicht die aktuelle Baisse eher mit einer ähnlich langen Abschwungphase in den siebziger Jahren. Der Dow Jones war von Januar 1973 bis Dezember 1974 um 45 Prozent gefallen. Doch wer unter den für ein notorisch kurzes Gedächtnis bekannten Börsianern kann sich schon persönlich an Marktentwicklungen erinnern, die 35 Jahre, also fast ein ganzes Berufsleben, zurückliegen? Viele der Alten sind ohnehin gegangen.

Als der elektronische Handel in den vergangenen Jahren zwar verspätet, aber mit Wucht Einzug an der Traditionsbörse hielt, läutete häufig einer der alten Makler und Händler die Schlussglocke auf der Balustrade im Hauptsaal der Börse - eine letzte Ehre vor der Pensionierung. Von ehemals 5.000 Börsianern auf dem New Yorker Parkett sind nur noch 1.000 übrig. Früher gab es fünf Handelssäle. Jetzt reichen drei, damit noch ein bisschen von der alten Stimmung übrigbleibt - und die Kulisse für die Fernsehreporter nicht allzu menschenleer wirkt.

Nachts kommen die Ängste

Weisberg muss sich daher nicht mehr sorgen, dass er auf dem New Yorker Parkett umgestoßen wird. Niemand schreit dort wie an den Terminbörsen in Chicago, und niemand rennt. Das Gewirr der Stimmen wird zu einem Rauschen, irgendwo brandet Klatschen auf. Händler laufen ruhig durch die Gänge, den Blick auf Handcomputer geheftet, die sie in der Armbeuge tragen wie ein Baby.

Weisberg, ein passionierter Segler, hat mit seiner Firma die jüngsten Stürme der Finanzkrise gemeistert. „Wir haben aber eine Menge Geld verloren“, räumt er ein. Seine Kunden auch. „Ich neige dazu, die Pein meiner Kunden mitzufühlen, und Investoren sind sehr schmerzempfindlich“, sagt er.

Nach 18 Monaten Baisse wäre ein Ende des Abschwungs Balsam für die Seele. „Wir versuchen Haltung zu bewahren. Ich wünschte aber, ich könnte abends ins Bett gehen, und am nächsten Morgen wäre es vorbei“, sagt er. Doch selbst Schlaf bietet keine Zuflucht mehr.

Weisberg bekommt nachts Beklemmungszustände. „Du wachst auf und machst dir Sorgen über die Firma und die Kunden“, sagt er. Die Sorgen sind nicht unberechtigt. Beispiele für den Kollaps von Wall-Street-Häusern gibt es genug. Drei der fünf größten Investmentbanken sind innerhalb eines Jahres verschwunden. Merrill Lynch wurde nach Milliardenverlusten an die Bank of America verkauft. Bear Stearns wurde in einer Notaktion mit Regierungshilfe an J.P. Morgan veräußert, und Lehman Brothers ging pleite - was Schockwellen an den Finanzmärkten auslöste.

„Das System hat nicht versagt.“

Weisberg steht immer noch mit beiden Beinen fest auf dem Börsenparkett und winkt ab, wenn Kritiker das Ende der Wall Street prognostizieren. „Die Wall Street ist nicht tot“, sagt er. Zwar will ihm nicht in den Kopf, dass Lehman, Merrill und Bear Stearns, einst Grundfesten der New Yorker Finanzbranche, nicht mehr existieren. Aber für jedes dieser Unternehmen würden fünf neue entstehen.

„Erst heute morgen in der U-Bahn habe ich zwei Chefs von Wertpapierhäusern getroffen, deren Geschäft gut läuft.“ Weisberg macht ein Versagen der Aufsichtsbehörden mit für die Krise verantwortlich. „Aber nicht eine Minute glaube ich, dass das System versagt hat“, sagt er.

Die Händler beschweren sich jetzt über die Preise

Die Börsianer passen sich der neuen Lage jedenfalls an. Stefan, der rumänische Fahrer einer schwarzen Lincoln-Limousine, berichtet, dass seine Fahrgäste aus der Finanzbranche seit einem Jahr viel weniger Trinkgeld geben. Die Zahl der Fahrten habe auch abgenommen, klagt er, als er in der Nähe der Börse an der Tür seines Wagens lehnt.

Der Schuhmacher im Best Shoe Repair & Shine an der Beaver Street, wo sich die Wall-Street-Klientel für 3 Dollar plus Trinkgeld die Schuhe wienern lässt, spürt die lange Baisse auch. „Die Kunden beschweren sich jetzt mehr über meine Preise“, sagt er.

In der Tat schaut ein junger Aktienhändler in Nadelstreifen, der seine schwarzen Schuhe hat besohlen lassen, kritisch auf die Rechnung. „Du machst mich fertig“, grummelt er, bevor er widerwillig seine Kreditkarte zückt. Aber die neuen Sohlen waren immer noch billiger als neue - standesgemäße - Schuhe für 400 Dollar. „Noch vor einem Jahr hätte ich mir einfach ein neues Paar gekauft“, gibt der Mann zu, bevor er wieder in Richtung Börse entschwindet.

Für Imbissverkäufer Rahimi ist das Geschäft am Nachmittag vorbei, wenn die Börse schließt. Der „Good Morning New Yorkers“-Wagen wird in eine Garage gefahren, und er macht sich auf den Weg ins Queensboro College. Am nächsten Morgen wird er wieder in der engen Karre stehen und die Banker begrüßen. „Wie geht es Ihnen heute morgen?“, wird er fragen. Und er wird hoffen, dass die Krise vorbei ist, bevor er mit dem College fertig ist - und er dann vielleicht selber in der Schlange vor einem Imbisswagen an der Wall Street stehen kann.

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