Home
http://www.faz.net/-gbp-10r28
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Leiharbeiter Arbeitnehmer zweiter Klasse

03.11.2008 ·  In der Krise zeigt sich, was im Aufschwung gerne übersehen wurde: Belegschaften in deutschen Unternehmen sind tief gespalten. Die Verlierer des Abschwungs sind die Leiharbeiter. Sie tragen das höchste Risiko und schützen die Stammbelegschaft.

Von Inge Kloepfer
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (10)

Die Schwachen werden die Ersten sein. Wenn die Rezession von den Vereinigten Staaten nach Deutschland überschwappt, stehen die Verlierer des Abschwungs bereits fest. Es sind die vielen Leiharbeiter. Sie gelten in der Sprache der Experten als die „variable Konjunkturmasse“ der Unternehmen. Auf Deutsch: Sie werden als Erste entlassen.

Jetzt in der Krise zeigt sich, was im Aufschwung gerne übersehen wurde: Die Belegschaften in deutschen Unternehmen sind tief gespalten. Von einer Zwei-Klassen-Arbeitnehmerschaft mag niemand sprechen. Aber im Grunde gibt es sie längst. Da ist die Stammbelegschaft, deren Bestand schützenswerter ist, als der der Randbelegschaft, also der Leiharbeiter. Das sagt zum Bespiel der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise. Nur drückt er sich vornehm aus: „Natürlich verschafft die Flexibilität durch die Leiharbeiter der Stammbelegschaft eine gewisse Sicherheit.“

Mit Flexibilität meint er die Tatsache, dass die Unternehmen Leiharbeiter abrufen und abmelden können. Einfach so. Weil es sie gibt, tragen die festangestellten Arbeitskräfte ein geringeres Beschäftigungsrisiko. Weise benennt auch jene, die es im bevorstehenden Abschwung als Erstes erwischen wird: die Geringqualifizierten, die also, die es gerade erst mit dem letzten Aufschwung durch die arbeitsrechtliche Flexibilisierungsoffensive in Lohn und Brot geschafft haben.

Die Zahlen klingen beängstigend

„Natürlich sind die Zeitarbeitnehmer am stärksten gefährdet“, meint auch Sebastian Lazay, Geschäftsführer eines Zeitarbeitsunternehmens. Aber er versichert: „Noch sehen wir das nicht auf breiter Front.“ Die Betonung liegt auf „noch“. Schon die bislang gemeldeten Zahlen klingen beängstigend. Stornierungen von Aufträgen und die Abmeldung von Leiharbeitern durch große Unternehmen häufen sich: Der Autozulieferer Continental schickt 5000 Leiharbeiter nach Hause, BMW noch einmal so viele. Auch MAN trennt sich von 3400 geliehenenen Arbeitnehmern. Volkswagen denkt sogar daran, sich vom Großteil seiner weltweit 25.000 Leiharbeiter zu trennen (siehe auch: Volkswagen kündigt harte Einschnitte an). Eine Prognose darüber, was den insgesamt fast 800.000 Leiharbeitern noch bevorsteht, wagt kaum einer, weil niemand weiß, welche Branche als Nächste in die Krise rutscht.

„Die Trennung in Kern- und Randbelegschaft hat in der Entstehung und dem starken Wachstum der Zeitarbeitsbranche ihre institutionalisierte Form gefunden“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Zwar sieht er die Zukunft weniger düster als manch anderer seiner Forscherkollegen, doch sagt er: „Wenn es wirklich zu einem schweren Abschwung kommt, dann wirkt das Instrument Zeitarbeit in die entgegengesetzte Richtung wie im Aufschwung.“ Arbeitskräfte, die man schneller einstellen konnte, wird man auch schneller wieder los. Denn Leiharbeiter bieten den Unternehmen die Chance, den Kündigungsschutz und natürlich auch ein hohes Lohnniveau zu unterlaufen. Man muss ja nicht kündigen, sondern schickt sie einfach zu ihrem Arbeitgeber – dem Zeitarbeitsunternehmen – zurück.

Gespaltene Arbeitnehmerschaft

Ludger Hinsen, Hauptgeschäftsführer des Zeitarbeitsverbands, sieht die Zeitarbeit in einer „Nettobilanz“ gleichwohl positiv. Von Berufswegen muss er das auch, weil er als Verbandsgeschäftsführer Teile der Branche vertritt: „In unsicheren Zeiten wird Zeitarbeit bevorzugt. Das kann auch eine Chance sein. Die Unternehmen sourcen das Risiko der Beschäftigung aus und tun sich deshalb mit der Schaffung von Arbeitsplätzen leichter als früher.“ Und genau darum geht es: das Outsourcen von Risiken: Die Risiken also verschwinden nicht einfach. Sie werden nur verlagert. Bei den Arbeitnehmern tragen die einen mehr, die anderen weniger. Das spaltet die Arbeitnehmer in zwei Klassen.

So weit wollen die Fachleute allerdings nicht gehen: Alles Spekulation. Noch sei überhaupt nicht klar, wie viele Leiharbeiter am Ende wieder in der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit landeten. „Im Moment haben wir ein Problem bei den großen Automobilkonzernen und in der Zulieferindustrie. Aber auch nur dort. In anderen Branchen werden immer noch Arbeitskräfte gesucht“, sagt Hinsen. Und auch Zeitarbeitgeber Lazay wiegelt ab: „Wie kaum eine andere Branche haben wir Zeitarbeitsunternehmen ein Interesse an Beschäftigung. Bis vor vier Monaten hatten wir die Situation, dass wir Aufträge absagen mussten.“

„Die Fluktuation in der Branche ist gewaltig“

Doch das Blatt hat sich blitzschnell gewendet. Zwar sehen die jüngsten Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur aus Nürnberg mit weniger als drei Millionen Arbeitslosen für den Oktober glänzend aus. Doch alle sind sich einig, dass es nicht so bleiben wird. Wie andere Unternehmen auch, kann sich kein Zeitarbeitgeber leisten, unproduktive Mitarbeiter zu bezahlen. Die Zeitarbeitsunternehmen arbeiten nahe der Nulllinie, beinahe ohne Reserven. Wenn absehbar wird, dass Leiharbeiter nicht mehr zu vermitteln sind, wird gekündigt. Bei den einfachen Hilfsarbeitern – dem Gros der Leiharbeiter – geht das schnell. Die Kündigungsfristen sind kurz, vier Wochen zum 15. des Monats oder zum Monatsende. Es gibt auch Arbeitsverhältnisse, die genau an die Verleihdauer gekoppelt sind. Viele haben einen Zeitpuffer von rund einem Monat, der durch Guthaben auf den Arbeitszeitkonten der Leiharbeiter entsteht. „Die Fluktuation in der Branche ist gewaltig“, sagt DIW-Forscher Brenke. „Zeitarbeit ist für viele Arbeitnehmer ein häufiger Wechsel von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung.“ Mehr noch: Leiharbeit verbessere eher nicht die Chancen, in ein für den Arbeitnehmer attraktiveres festes Arbeitsverhältnis zu wechseln.

So wirkt Leiharbeit, die im Aufschwung zu einem Teil des Jobmotors wurde, in Zeiten des Abschwungs ebenso schnell in die andere Richtung. Zeitarbeit war einer der Gründe dafür, dass der letzte Aufschwung beschäftigungsintensiver ausfiel als der davor. Sie hat geholfen, den hohen Arbeitslosen-Sockel abzuschmelzen, der sich in den vergangenen drei Jahrzehnten über jede Konjunkturkrise weiter aufgebaut hat, sie wird verhindern, dass die steigende Arbeitslosigkeit im Abschwung wieder Teil des Sockels wird. Und sie wird dazu beitragen, dass Unternehmen die Rezession besser überstehen. Die Leiharbeit hat ihr Gutes, aber sie hat – für große Teile der fast 800.000 Zeitarbeiter – einen hohen Preis: Gegenüber von Stammbelegschaften haben sie das Nachsehen. Zweite Klasse eben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge