14.08.2009 · Die deutsche Wirtschaft fühlt sich wie ein Patient nach einer schweren Operation: Sie erwacht langsam aus der Narkose. Der Arzt tritt hinzu und sagt, dass alles ausgestanden sei. Doch es bleiben Narben und Schmerzen. Sie können sogar noch zunehmen.
Von Philip PlickertDie deutsche Wirtschaft fühlt sich wie ein Patient nach einer schweren Operation: Sie erwacht langsam aus der Narkose. Der Arzt tritt hinzu und sagt, dass alles ausgestanden sei. Doch es bleiben Narben und Schmerzen. Sie können sogar noch zunehmen. Die Rezession ist unerwartet schon im Frühjahr ausgelaufen, melden die Statistiker. Trotz der leichten Verbesserung ist das Niveau aber noch erschreckend tief. Der Export lag zum Sommeranfang gut ein Fünftel niedriger als vor einem Jahr, der Auftragseingang in der Industrie ist fast ein Viertel geringer. Bei aller Freude über die sich ankündigende Erholung sollte man das nicht vergessen.
Noch vor kurzem erwarteten die meisten Bankvolkswirte eine längere Stagnation; nun wird über ein sogenanntes V-Szenario mit einem steilen Aufstieg geredet. Zu wünschen wäre es. Aber einige Risiken sprechen dagegen. Aktuell helfen die Konjunkturprogramme, doch ist unklar, wie weit deren Schub tragen wird. Zudem sind auch die Nachwirkungen der Finanzkrise nicht ausgestanden. Die historische Erfahrung zeigt, dass die Bereinigung großer Finanzkrisen die wirtschaftliche Entwicklung noch über Jahre belastet. In jedem Fall wird das dicke Ende am Arbeitsmarkt noch kommen. Wenn die Menschen sich vor Entlassungen fürchten, wird der Konsum schwächer werden.
Die Rezession ist vorbei, die Krise noch lange nicht
Die Rezession ist vorbei, die Krise aber noch lange nicht. Und Deutschland ist vom Einbruch der Weltwirtschaft stärker als die meisten anderen Staaten getroffen worden. Selbst wenn es nun wieder leicht positives Wachstum gibt, wird doch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahresdurchschnitt etwa 5 bis 6 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Im Euro-Raum ist nur die Wirtschaft in Irland noch stärker geschrumpft. Alle anderen Länder haben deutlich geringere Verluste zu verkraften. Auch in den Vereinigten Staaten, wo die globale Krise schon Ende 2007 ihren Ausgang nahm, wird das BIP im zweiten Rezessionsjahr wohl „nur“ um etwa 3 Prozent sinken. Deutschland, man muss es leider sagen, ist gegenwärtig „Schrumpfungsmeister“ unter den westlichen Industrieländern.
Das ist eine Folge eines anderen Titels, auf den Deutschland stets stolz war: Exportweltmeister. Im vergangenen Jahr betrug der Wert der Ausfuhr (die Hälfte davon Fahrzeuge, Maschinen und Chemie) rund 1000 Milliarden Euro, das waren knapp 40 Prozent des BIP von 2,5 Billionen. Kaum ein anderes Land auf der Welt – abgesehen von China und an dritter Stelle Japan – hat einen so hohen Anteil von Wertschöpfung im Exportsektor.
Haben die Deutschen zu einseitig auf Export gesetzt?
Das hat Deutschland im vergangenen Aufschwung der Weltwirtschaft der Jahre 2004 bis 2007 zu einem überdurchschnittlichen Profiteur gemacht. Zugleich ist es auch besonders verletzlich, wenn in einer Rezession die internationale Nachfrage ausbleibt. Gerade die Nachfrage nach Investitionsgütern – besonders die nach hochwertigen Maschinen aus Deutschland – ist im Konjunkturzyklus äußerst starken Schwankungen unterworfen.
Unvermeidlich taucht daher die Frage auf, ob die Deutschen zu einseitig auf den Export gesetzt haben. Sollte man nicht besser die Binnenkonjunktur und den Konsum stärken? Doch wie soll das gehen? Deutschlands Erfolg auf Auslandsmärkten war Ergebnis von Marktkräften und der hohen Wettbewerbsfähigkeit seiner Produkte. Anders als in China hat hierzulande keine Regierung durch einen künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs den Export gefördert und beflügelt.
Allerdings gab es doch auch politische Weichenstellungen. Vor allem die Lohnpolitik mit Tarifabschlüssen über die Produktivitätsentwicklung hinaus hat dazu beigetragen, dass sich deutsche Unternehmen auf das hochtechnologische Ende des Marktes verlegen mussten, wie Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts, betont. Die arbeitsintensiven Industriezweige wurden außer Landes, nach Asien oder Osteuropa, gedrängt. Übrig blieb die Hightech-Industrie – und viele Arbeitslose, die in den sozialen Netzen (auf-)gefangen wurden.
Diskussion über das „Geschäftsmodell“ Deutschland
Trotz seiner bewunderten Exporterfolge hat Deutschland seit den neunziger Jahren im Vergleich mit den EU-Partnern ein zu schwaches Wachstum erreicht. Nur Italien lag noch darunter. Alle anderen haben sich bedeutend stärker entwickelt. Während der Durchschnitt der fünfzehn alten EU-Staaten von 1995 bis ins Krisenjahr 2009 immerhin gut 27 Prozent Wachstum verzeichnete, kam Deutschland nur auf 14 Prozent. Ifo-Präsident Sinn erklärt dies damit, dass Deutschland sein Potential an Arbeitskräften nicht voll ausschöpfte. Dies änderte sich erst mit den Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die zum Teil aber schon wieder rückgängig gemacht wurden.
All dies sollte in der Diskussion über das „Geschäftsmodell“ Deutschland bedacht werden. Im Eifer der Konjunkturprogramme ist zuletzt vergessen worden, was längerfristig entscheidend ist: wachstumsorientierte Reformen auf dem Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen sowie ein leistungsfreundliches Steuersystem. Das würde die Chance erhöhen, dass mehr in Deutschland investiert wird und Arbeitsplätze entstehen. Eine nachhaltige Stärkung der Binnenkonjunktur wird es nur geben, wenn es gelingt, die Arbeitslosigkeit abzubauen.
Das Ende der Rezession
Siegfried Bauer (Siggi40)
- 13.08.2009, 20:39 Uhr
Zufälle gibt´s
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 13.08.2009, 21:03 Uhr
Subventionsverluste und Besitzstände
Holger Muschal (Holly01)
- 13.08.2009, 21:10 Uhr
Auf, auf und zurueck!
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 13.08.2009, 22:10 Uhr
Die SPD hat alles richtig gemacht
Frank Muschalle (Royalflush)
- 13.08.2009, 22:34 Uhr