20.01.2010 · Von wegen Kreditklemme: Die Banken drehen zwar als Folge der Krise den Kredithahn zu, doch große Unternehmen können sich auch auf anderem Wege Mittel besorgen. Daimler, Solarworld & Co. beschaffen sich Geld am Anleihemarkt. Sehr teuer ist das für sie nicht.
Von Christian SiedenbiedelFast ohne Pause hagelt es Meldungen über neue Papiere. Volkswagen, Daimler, BMW, aber auch Heidelcement und Solarword: Ein großes deutsches Unternehmen nach dem anderen besorgt sich derzeit Geld, indem es sogenannte "Corporate Bonds" auflegt: Unternehmensanleihen (siehe Tabelle). Das fluppt offenbar wie nie: "Größere Unternehmen mit Zugang zum Kapitalmarkt haben zurzeit keine Schwierigkeiten, Anleihen zu emittieren", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Ihr Volumen hat seit der Krise sogar ein Rekordniveau erreicht.
Dafür müssen Finanzchefs wie BMW-Vorstand Friedrich Eichiner sogar deutlich weniger zahlen als noch vor einem Jahr. Im Januar 2008 musste der Automobilkonzern noch mit einem Zinskupon von 7,875 Prozent für fünf Jahre locken. Acht Monate später reichten für eine identische Anleihe 4,625 Prozent. Und zuletzt zahlte BMW nur noch 2,875 Prozent für drei Jahre beziehungsweise 3,875 Prozent für sieben Jahre Laufzeit.
Die Unternehmen profitieren damit indirekt von der Finanzkrise: Weil Geldanlage-Möglichkeiten mit attraktiven Zinsen rar sind, sind Anleihen solider Unternehmen begehrt. Die meisten sind vor ihrem Erscheinen überzeichnet. Allerdings gibt es Unterschiede. "Finanzunternehmen müssen im Durchschnitt bei sonst gleichen Bedingungen nach wie vor höhere Zinsen für ihre Anleihen zahlen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.
Kreditwachstum auf null gefallen
Die Großunternehmen haben aus der Not eine Tugend gemacht. Weil die Banken als Folge von Krise und Konjunktur den Kredithahn zudrehen, besorgen sie sich Geld auf anderem Wege. Gerade die Großunternehmen sind es schließlich, die sich über schwieriger gewordene Kreditverhandlungen mit den Banken beklagen und von einer "Kreditklemme" sprechen. Bei einer Umfrage des Ifo-Instituts gaben immerhin mehr als 50 Prozent der Großunternehmen an, die Kreditvergabe der Banken sei restriktiv geworden. Bei mittleren und kleineren Unternehmen waren es deutlich weniger. "Gerade Großunternehmen leiden darunter, dass ausländische Banken sich nicht mehr an Großkrediten beteiligen", meint Krämer.
Immerhin zeigt die Bundesbank-Statistik, dass in Deutschland das Volumen der von den Banken an Unternehmen und Privatleute vergebenen Kredite zum ersten Mal seit langem nicht mehr gestiegen ist. "Das Kreditwachstum ist von zehn, zwölf Prozent auf null gefallen", sagt Krämer. Das mache sich zumindest in einigen Branchen durchaus bemerkbar.
Schwierig für Kleine
Für kleinere Unternehmen ist es nicht leicht, es den Konzernen nachzutun. Für Handwerker sind Anleihen ohnehin nichts, aber auch größeren Mittelständlern ist dieser Weg der Geldbeschaffung häufig verschlossen. "Öffentliche Anleihen lohnen sich erst von einem Volumen von etwa 300 Millionen Euro an", sagt Andreas Petrie, der Leiter der Kapitalmarktfinanzierung der Landesbank Hessen-Thüringen. Ein Unternehmen, das Anleihen auflegen will, muss sich schließlich nicht nur umfangreich rechtlich absichern. Es muss auch den Vertrieb der Anleihen organisieren. Beides ist teuer, wenn ein Unternehmen zum ersten Mal eine Anleihe begibt und auch sonst wenig mit dem Kapitalmarkt zu tun hat.
In der Regel ist auch ein Rating von einer Ratingagentur unverzichtbar, damit die Anleger die Zahlungsfähigkeit und wirtschaftliche Situation des Unternehmens einschätzen können. "Es geht zwar auch ohne Rating, aber dann wird es für die Unternehmen in der Regel erheblich teurer", sagt Kapitalmarktexperte Petrie. "Im vorigen Jahr haben zwar auch Unternehmen ohne Rating wie Fraport, Sixt oder Adidas Anleihen aufgelegt - aber das geht praktisch nur, wenn sie eine bekannte Marke darstellen."
Das Rating muss stimmen
Der Grund ist einfach: Viele institutionelle Anleger, etwa die Manager von Fonds, haben genaue Vorgaben, welches Rating Voraussetzung ist, damit sie in eine Anleihe investieren dürfen. "Das ist ein Grund für die hohe Bedeutung des Ratings für die Anleihen", sagt Petrie. Die Fondsmanager haben weder die Zeit noch die Möglichkeit, sich eingehend mit der wirtschaftlichen Situation von nichtgerateten und nicht an der Börse vertretenen Mittelständlern zu befassen.
Es gibt daher zwar privat plazierte Schuldscheine auch von kleineren Unternehmen, die zum Beispiel über das Internet vertrieben werden - sie haben aber bei weitem nicht die Akzeptanz der Unternehmensanleihen der Konzerne.
Für den Anleger hat der drastische Zinsschwund bei den Anleihen ohnehin eine Kehrseite: Solche Schnäppchen, wie man sie noch im vorigen Jahr machen konnte, sind jetzt schwer zu finden. Während in der Finanzkrise die Unternehmen überhöhte Zinsen zahlen mussten, weil die ökonomischen Risiken allgemein überschätzt wurden, hat sich die Situation jetzt weitgehend normalisiert.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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