Die Bilanzregeln stehen erneut auf dem Prüfstand. Die Banken drängen auf weitere Änderungen. Franz-Christoph Zeitler, im Bundesbank-Vorstand für Bankenaufsicht verantwortlich, unterstützt dies.
Die Banken drängen auf weitere Lockerungen der internationalen Bilanzierungsvorschriften IFRS. Wie bewerten Bankenaufseher diese Forderungen, nachdem bereits im Herbst 2008 die Bilanzierungsvorschriften angesichts der eskalierenden Finanzkrise aufgeweicht wurden?
Es geht nicht um ein Aufweichen, sondern um die Entschärfung prozyklischer und damit krisenverschärfender Elemente der Bewertungsregeln. Der nach wie vor sinnvolle Grundgedanke der Zeitwertbilanzierung - Transparenz, deshalb verbesserte Steuerungsfähigkeit des Unternehmens - setzt voraus, dass liquide Märkte bestehen und die Marktwerte sich auch tatsächlich in großen Volumina erzielen lassen.
Worin besteht die Gefahr der Bilanzierung zum Zeitwert, dem sogenannten Fair Value?
Sind die Märkte gestört, besteht die Gefahr spiralförmiger Beschleunigungen nach unten - fallende Marktwerte, steigende Wertberichtigungen der Investoren, Notverkäufe der Investoren, weiter fallende Preise. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn strukturierte Produkte nicht nach den primären Marktwerten, sondern ihrerseits nach marktwertgetriebenen Produkten wie Kreditausfallsversicherungen bewertet werden. Der Verfall der Werte geht dann weit über die beobachtbaren oder zu erwartenden Ausfälle und Zahlungsstörungen des zugrunde liegenden Kreditprodukts hinaus. Vor diesem Hintergrund halte ich weitere Änderungen am Bewertungsregelwerk für sinnvoll und notwendig, die jedoch alle unter strikten Transparenzauflagen erfolgen sollen, um das Vertrauen in die Abschlüsse zu stärken.
Um welche Regeln wird in den neuen Verhandlungen mit dem Standardsetzer, dem in London ansässigen International Accounting Standards Board (IASB), gerungen?
Ein wichtiger Punkt ist die Umwidmungsmöglichkeit für Finanzinstrumente, die früher einmal zum Fair Value bestimmt worden waren, bei denen aber die Märkte nunmehr funktionsgestört sind und deshalb die seinerzeitige „Geschäftsgrundlage“ für die Zeitwertbewertung entfallen ist. Das Gleiche gilt für sogenannte eingebettete Derivate. Ein komplizierter Begriff, der aber schon durch einfache Wandelanleihen erfüllt wird. Schließlich steht auch die sogenannte „tainting rule“ im Fokus. Dabei handelt es sich um die Vorgabe, bei Papieren, die bis zur Endfälligkeit gehalten werden sollen, die ganze Kategorie zu veräußern, wenn nur einzelne Titel weggegeben werden sollen. Ein weiterer Verhandlungspunkt ist die diskriminierungsfreie Zulassung der Discounted-Cash-flow-Methode, die an den tatsächlichen Zahlungsströmen eines Finanzinstruments orientiert ist. Damit entspricht sie dem Grundsatz der Bilanzwahrheit, wird aber nur unter eingeschränkten Bedingungen anerkannt. Zur Klarstellung sei gesagt, dass alle Vorschläge nichts daran ändern sollen, bei Vorliegen einer Zahlungsstörung, also eines Grundes für eine Wertberichtigung, diese auch vorzunehmen.
Bis wann müssen Ergebnisse vorliegen?
Die Zeit drängt. Eigentlich waren Ergebnisse angekündigt, die noch für die Bilanzen 2008 angewendet werden können. Jetzt stehen bereits die Quartalsabschlüsse zum März 2009 vor der Tür.
Werden die Forderungen nach weiteren Lockerungen von den europäischen Aufsichtsbehörden geteilt?
Meines Wissens gibt es über den grundsätzlichen Änderungsbedarf zwischen den Aufsichtsbehörden, der Europäischen Zentralbank und der EU-Kommission keinen Dissens.
In welchem Ausmaß könnten die deutschen Banken von den angestrebten Lockerungen profitieren?
Eine Quantifizierung ist nur schwer möglich, zumal die deutschen Institute, die nach IFRS im Konzern bilanzieren, sehr unterschiedlich betroffen sind. Es geht auch nicht so sehr um die aktuellen Gewinnauswirkungen, sondern darum, die Spirale weiter fallender Kurse und steigender Abschreibungen zu durchbrechen.
Wird durch den politischen Druck nicht die Unabhängigkeit des IASB in Frage gestellt?
Die Unabhängigkeit des Standardsetzers schließt nicht aus, dass aus der Praxis Änderungsvorschläge an das IASB herangetragen werden, wie dies ja auch dem normalen Konsultationsprozess des IASB entspricht. Im Übrigen könnten Sie die Frage aber auch umgekehrt stellen. Die demokratische Legitimation des Bilanzierungsrechts, das ja von den europäischen Institutionen übernommen werden muss, ist im Europaparlament durchaus ein Thema.
Wird der Zeitplan zur Angleichung der europäischen und amerikanischen Bilanzregeln, der US-GAAP, in Frage gestellt?
Die Anwendbarkeit der IFRS durch amerikanische Unternehmen ist ein wichtiges Ziel im Sinne internationaler Wettbewerbs- und Chancengleichheit. Die weitere Entwicklung bleibt hier abzuwarten. Im Übrigen gibt es auch eine umfangreiche öffentliche Diskussion in den Vereinigten Staaten. Außerdem sind die US-GAAP in manchen Punkten - etwa bei der Umwidmung von bestimmten Instrumenten aus der Fair-Value-Option - schon jetzt flexibler als die IFRS.
Hat die Bewertung zum aktuellen Marktpreis überhaupt noch Überlebenschancen nach der Finanzkrise? Solange die Kapitalmärkte nach oben gingen, konnten sowohl die Investoren als auch die Banken damit doch ganz gut leben.
Die Zeitwertbilanzierung ist unter Transparenzgesichtspunkten sicherlich positiv zu sehen. Auf der anderen Seite kann sie aber auch - das zeigt die Krise - mit zur Bildung von Überbewertungen, also von Blasen, beitragen. Für die Zukunft geht es darum, beide Seiten miteinander zu verbinden. Für überlegenswert halte ich etwa den Vorschlag des Sachverständigenrats, stärker zwischen dem nach Zeitwertgrundsätzen ausgewiesenen Gewinn und dem tatsächlich am Markt realisierten Gewinn zu unterscheiden und beide Informationen dem Markt zur Verfügung zu stellen.
Lassen sich die Interessen der Gläubiger und der Aktionäre in einer weltweit einheitlichen Rechnungslegung zusammenführen?
Die Interessen der Gläubiger und jedenfalls langfristig orientierter Anteilseigner eines Unternehmens liegen gar nicht weit auseinander. Beide haben ein Interesse daran, Informationen über das Unternehmen zu erhalten, die dessen wahren wirtschaftlichen Wert objektiv wiedergeben.
Schwachsinn !
Andreas M. Wirth (mightyson)
- 13.02.2009, 09:43 Uhr
Weichen wir die Bilanzierungsregeln bald auch in anderen Sektoren auf?
Alfred Weimann (GigaroCDA)
- 13.02.2009, 12:50 Uhr
Immer so, wie es am angenehmsten ist
Matthias Fiedler (msalcapone)
- 13.02.2009, 13:44 Uhr
So gut das Fair-Value Prinzip in guten Zeiten funktionierte, so sehr zeigt es
Melita Zimmermann (melitaz)
- 14.02.2009, 10:05 Uhr
Das Geschäft der Kreditinstitute
Sophia Orti (rum)
- 14.02.2009, 10:42 Uhr
