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Im Gespräch: Christopher Whalen, IRA „Die Regierungen sind machtlos gegen die Bankster“

18.02.2010 ·  Intensiv wird mit Kreditausfallversicherungen gegen Griechenland spekuliert. Der Markt muss dringend reguliert werden, meint Chris Whalen, Mitgründer des alternativen Risikoanalyseinstituts Institutional Risk Analytics. Die Industrie jedoch wehrt sich mit allen Tricks.

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Nach Medienberichten stehen Griechenland und andere europäische Randstaaten im Generalverdacht, wegen hoher Schulden, schwacher Wirtschaft und strukturellen Defiziten möglicherweise, ihre Verbindlichkeiten künftig nicht mehr bedienen, noch weniger zurückzahlen zu können.

An den Finanzmärkten wird intensiv darauf spekuliert. Da diese Wetten nichts kosten, können sich die Betroffenen oft nicht zur Wehr setzen. Der Markt für Kreditausfallversicherungen müsste daher dringend reguliert werden, erklärt Chris Whalen, Mitgründer des alternativen Instituts für die Analyse von Risiken in der Bankenbranche, Institutional Risk Analytics. Allerdings zeigten sich die Regierungen bisher machtlos gegen die „Bankster“, die ihre Eigeninteressen mit allen Tricks verteidigten.

Der Preis für die Versicherung gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands ist stark gestiegen. Wie ist das zu bewerten?

Wir geben Anlegern mit Kreditausfallversicherungen oder Credit Default Swaps (CDS) die Möglichkeit, gegen Hausbesitzer, Unternehmen und ganze Staaten zu spekulieren. Vergleicht man die Spekulationen gegen Griechenland mit dem, was George Soros vor Jahren gegen Großbritannien unternahm, so sind sie problematischer. Denn die Spekulanten sind größer als der Basismarkt. Das vergleichsweise kleine Griechenland kann sich am offenen Markt kaum verteidigen, wenn sich die spekulativen Kräfte der Welt, koordiniert durch die unregulierten derivativen Finanzinstrumente, konzentriert gegen das Land richten. Es ist, wie wenn ein wildes Rudel Wölfe über das schwächste Mitglied einer Wildtierherde herfällt.

Wie ist so etwas möglich?

Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass das Eingehen solcher Wetten praktisch nichts kostet. Wenn man einen CDS abschließt, zum Beispiel mit der Deutschen Bank, die sehr aktiv ist in diesem Markt, so erhält man praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, Fremdkapital einzusetzen. Sollte es tatsächlich zur Störung der Zahlungsfähigkeit Griechenlands kommen, so muss die Gegenpartei nicht die relevanten Anleihen liefern, sondern kann Wertdifferenzen durch Bargeld ausgleichen. Die Transaktionen sind vergleichbar mit Pferdewetten. Der sehr spekulative Markt vergrößert so die eigentlichen Probleme und trägt dazu bei, dass die Risikoprämien stark steigen.

Welche Konsequenzen kann man daraus ziehen?

Das Beispiel Griechenland zeigt, wieso der Markt mit CDS stärker reguliert werden muss. Tatsächlich scheinen die Regierungen in den Vereinigten Staaten und Europa aber machtlos gegen die Bankster zu sein. Bisher hat sich nach der Krise nichts verändert. Der Blick auf die vergangenen 100 Jahre lehrt, dass die Spekulanten immer die Oberhand über die Politiker behalten. Sehr wahrscheinlich werden weitere Spekulationswellen folgen, zum Beispiel gegen Spanien. Wir müssen uns in der westlichen Zivilisation fragen, ob wir so etwas tolerieren wollen. AIG, Lehman Brothers, Bear Stearns, Island - alle waren Opfer von Spekulationen mit CDS. Wie lange wollen wir noch so weiter machen?

Was sollte man ändern, was würden Sie tun?

Grundsätzlich sollte man nur dann Kreditausfallversicherungen auf griechische Anleihen kaufen können, wenn man solche im Depot hat - so einfach ist das. Wer ökonomische Interessen hat, sollte sie absichern können - und damit hat's sich. Der heutige Markt jedoch ist meschugge.

Inwiefern?

Der Preis für die Versicherung gegen Zahlungsschwierigkeiten Griechenlands ist in den vergangenen Wochen zwar deutlich gestiegen. Läge die Ausfallwahrscheinlichkeit aber bei 10, 20 oder 30 Prozent, so müsste er deutlich höher liegen. Die Händler, die solche Instrumente handeln, denken nicht in Wahrscheinlichkeiten, sondern sie spekulieren einfach nur auf höhere Zinsen am Rentenmarkt. Sie setzen den Preis immer wieder zu tief an: Am Tag vor der Lehmanpleite etwa konnte man Absicherungen gegen den Zahlungsausfall noch zu sieben Prozent des Nominalwertes erwerben. Da die Händler für den Kauf von CDS praktisch kein Kapital benötigen, können sie ihre Positionen immer weiter ausbauen und auf diese Weise die griechischen Zinsen und den Euro bewegen.

Welche Zahlen zeigen, dass der Derivatemarkt größer als der Basismarkt ist?

Tatsächlich ist das schwierig. Denn dieser Markt ist praktisch ein Monopol der Banken, das sich durch begrenzte Verfügbarkeit von Informationen auszeichnet. Er ist das krasse Gegenteil eines offenen, transparenten Marktmodells nach amerikanischem Verständnis. Faktisch sind sogar Agenturen wie Bloomberg und Thomson-Reuters gezwungen, die Daten, die sie veröffentlichen, ihrerseits von Drittanbietern zu klauen. Und selbst die sind nicht sehr aufschlussreich, da es nur Tagesendkurse sind. Das ist ein Problem. Wenn meine Kunden zum Beispiel die Deutsche Bank in London anrufen, um einen CDS-Preis zu erhalten, so wissen sie nicht, was im Markt wirklich vor sich geht. Selbst der Bund-Markt in den 80er-Jahren war transparenter als der heutige OTC-Markt. Denn es gab die Fixings und die Kollegen auf dem Handelsparkett.

Die Deutsche Bank sei sehr aktiv in diesem Markt, sagten sie …

… ja man braucht sich nur die Finanzinformationen anschauen. Dann sieht man, dass die Abteilung Sales-Trading in London die größte Erlösquelle der Bank ist. Sie ist der Schwanz, der mit dem Hund wackelt. Sie machen viele Geschäfte mit Kunden, aber sie halten auch selbst große Positionen.

Möglicherweise sichern sie damit ihre eigenen Risiken ab.

Ich habe nichts dagegen, wenn ein Unternehmen sich auf diese Weise gegen kommerzielle Unwägbarkeiten versichert. Wenn es jedoch im Verhältnis von zehn zu eins „short“ ist, wird es problematisch. Denn auf diese Weise machen sie das eigentliche Problem aus ökonomisch irrationalen Gründen nur schlimmer, indem sie gegen sich selbst wetten. Es ist so, als ob Sie eine Feuerversicherung auf das Haus eines Nachbarn abschließen könnten, um es schließlich einfach abzufackeln und die Versicherungssumme zu kassieren.

Steckt ein System dahinter? Kaufen die Marktteilnehmer erst die CDS und sorgen dann für die passenden Nachrichten?

Sicherlich, denn es besteht ein Anreiz dazu. Alle Impulse in diesem „Scheinmarkt“ sind pervers. Die Hedge-Fonds, die gegen Griechenland wetten, gleichen im Kern jenen Leuten, die am Sonntag auf Pferde wetten. Sie haben genau die gleiche Mentalität.

Was sollten Merkel, Sarkozy oder Obama tun, um das zu ändern?

Wir brauchen eine einheitliche Position unter amerikanischen und europäischen Regulatoren zur grundlegenden Veränderung dieses Marktes. In dem Moment, in welchem man die Möglichkeit zum Abschluss eines CDS an das Vorliegen kommerzieller Interessen koppelte, würde das Handelsvolumen nach meinen Schätzungen automatisch um etwa 90 Prozent zurück gehen. Die Akteure, die diesen Markt betreiben, verstecken sich hinter der Tatsache, dass es realwirtschaftliches Interesse an Absicherungsmöglichkeiten gibt. Mit der Forderung, diesem Interesse weiterhin gerecht werden zu wollen, decken sie nur die restlichen 90 Prozent der Marktteilnehmer, die sich wie Idioten verhalten.

Ich hoffe, dass die Regierenden spätestens dann wirklich wütend werden, wenn es zu weiteren Spekulationen gegen Portugal, Spanien und vielleicht gegen die ganze EU kommen sollte. Bisher jedoch gibt Merkel den Banken einen Freifahrtschein. Die Deutsche Bank beeinflusst die Einstellung der Regierung und sie sorgt auch für die Meinungsbildung an den Universitäten des Landes. Merkel und Obama spielen auf Zeit und hoffen, die Banken könnten die Lage wieder in den Griff bekommen. Ich zweifle daran.

Wieso?

Die europäischen Banken haben schon seit Monaten große Schwierigkeiten, mit den Finanzprodukten fertig zu werden, die sie von britischen und amerikanischen Banken kauften und die sich auf den amerikanischen Immobilienmarkt beziehen. Dieser amerikanische Markt wird im laufenden Jahr erneut unter Druck geraten. Das wird bei den europäischen Finanzunternehmen zu weiteren Verlusten führen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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