31.05.2009 · Die Hypo Real Estate (HRE) braucht noch mehr Milliarden vom Staat. Das sagte der Vorstandsvorsitzende der Bank im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Außerdem werde sich die HRE umbenennen. Die Marke HRE habe „extrem gelitten“.
Die Hypo Real Estate braucht noch mehr Milliarden vom Staat. Das sagte der Vorstandsvorsitzende der Bank im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Außerdem werde sich die Hypo Real Estate umbenennen. Die Marke HRE habe „extrem gelitten“.
Herr Wieandt, warum wollen Sie Ihre privaten Aktionäre unbedingt loswerden?
Das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die des Staates: Der Bund hat der Hypo Real Estate in erheblichem Umfang Liquiditätsgarantien gegeben und bislang in geringerem Umfang Kapital verschafft - Voraussetzung für die benötigte weitere Unterstützung ist aus Sicht des Bundes die vollständige Kontrolle über die Hypo Real Estate.
Nach einem milliardenhohen Jahresverlust hat die schwer angeschlagene Hypo Real Estate auch im ersten Quartal 2009 tiefrote Zahlen geschrieben. Kein Wunder, glauben Analysten. Die Krise sei längst nicht vorüber.
Und Sie? Wie finden Sie das als Chef der Bank?
Für die Aktionäre ist das nicht glücklich, aber für die Gesellschaft ohne Alternative. Vergessen Sie nicht: Ohne Hilfe des Staates würde diese Bank nicht mehr existieren.
Die Commerzbank überlebt auch dank der Milliarden vom Bund. Trotzdem wird sie nicht komplett verstaatlicht.
Ich kann nur für uns sprechen. Wir hätten ohne staatliche Hilfe das Geschäft nicht fortführen können - und benötigen weitere Hilfe. Der Finanzminister hat bereits 87 Milliarden Euro im Feuer - da ist es nachvollziehbar, dass er die volle Kontrolle haben will, bevor er weitere substantielle Hilfe gewährt.
Brauchen Sie noch mehr Milliarden vom Steuerzahler?
Auch nach der Kapitalerhöhung, über die die Hauptversammlung am Dienstag zu beschließen hat, besteht weiterer Kapitalbedarf. Über die genaue Höhe und den Zeitpunkt weiterer Hilfen müssen wir uns noch mit dem SoFFin, dem Bankenrettungsfonds, verständigen.
Warum darf die HRE partout nicht pleitegehen?
Weil die Folgen einer Insolvenz für das Finanzsystem katastrophal wären. Das ergibt sich allein aus unserer Bilanzsumme von rund 400 Milliarden Euro und der starken Verflechtung mit den anderen Häusern der Finanzwirtschaft. An der Relevanz der HRE für das gesamte System zweifelt niemand.
Damit der Staat als Retter frei schalten und walten kann, muss die Hauptversammlung seine Pläne absegnen. Wird es dazu kommen?
So ganz wissen Sie vorher nie, was auf Aktionärstreffen passiert - und ich möchte der Hauptversammlung auf keinen Fall vorgreifen. Der Bund hält aber 47,3 Prozent der Anteile und benötigt voraussichtlich nur die einfache Mehrheit der Stimmen.
Sie sind nun ein halbes Jahr im Amt. Wie oft haben Sie den Wechsel von der stolzen Deutschen Bank zur Schrottbank HRE inzwischen bereut?
Überhaupt nicht. Als ich im Herbst angesprochen wurde, habe ich nur kurz überlegt und mich in die Pflicht nehmen lassen. Das war die richtige Entscheidung.
Als Durchgangsstation für den nächsten Karriereschritt in der Deutschen Bank? So wurde jedenfalls geargwöhnt, nachdem Sie keine Wohnung in München genommen haben und stattdessen in einem schäbigen Drei-Sterne-Hotel nächtigen.
Ich hatte schlicht keine Zeit, mir eine eigene Wohnung zu suchen. Und das Hotel ist absolut nicht schäbig, sondern familiär - in perfekter Lage zur Bank. Sehr praktisch, da mich die Aufgabe voll und ganz in Beschlag nimmt.
Wer oder was hat die HRE überhaupt in diese katastrophale Lage gebracht?
Das Ausmaß der Krise ist unter anderem der Art und Weise geschuldet, wie die Depfa Bank plc, unsere Tochtergesellschaft mit Sitz in Dublin, ihr Geschäft refinanziert hat. Die Depfa hat sich Geld kurzfristig geliehen, aber langfristige Kredite ausgegeben - dieses Refinanzierungsmodell war der Auslöser der lebensbedrohlichen Krise für den gesamten Konzern.
Wenn dies so klar ist, warum hat dann niemand früher davor gewarnt?
Das Geschäftsmodell der Depfa plc war weithin bekannt, und es hat lange funktioniert: Es ist in dem Moment zusammengebrochen, als in der Krise einzelne Kapital- und Finanzierungsmärkte ganz oder teilweise zusammenbrachen und die Bank deshalb keine Refinanzierung mehr bekommen konnte.
Die Finanzaufsicht listet etliche Versäumnisse im Risikomanagement auf. Gibt es irgendjemanden, der für die Fehler haftet und für den Schaden aufkommt?
Das ist eine Frage der Untersuchungen, die der HRE-Aufsichtsrat eingeleitet hat und die wir als neuer Vorstand unterstützen.
Zunächst will Ihr Vorgänger, Herr Funke, Geld von der HRE. Streitet er noch immer vor Gericht um Gehalt und Pensionsansprüche?
Mir ist nicht bekannt, dass er seine Klage zurückgezogen hätte. Mehr als auf Vergangenheitsbewältigung konzentriert sich der Vorstand allerdings auf die Zukunft der Bank.
Sie glauben also nicht, dass die HRE demnächst von der Politik abgewickelt wird?
Dafür gibt es keine Anzeichen. Wir haben klare Vorstellungen für eine Neuausrichtung: Die HRE wird sich als spezialisierter Immobilien- und Staatsfinanzierer positionieren. Ein Schwerpunkt wird der deutsche Pfandbrief sein. Wir vereinfachen die Organisation und die Abläufe, stellen das Führungsteam neu auf, bauen Kapazitäten ab und investieren mit einer neuen IT-Plattform in die Zukunft der Bank.
Wie viele der 1800 Stellen bleiben erhalten?
Mittelfristig 1000, bis zum Jahr 2013 wollen wir auf 800 Mitarbeiter runtergehen. Am Ende dieses schmerzlichen, aber unvermeidbaren Prozesses soll eine schlanke und effiziente Bank mit einer konservativeren Bilanz stehen.
Eine Bank mit einem miserablen Ruf. Ist mit den drei Buchstaben HRE noch etwas zu reißen?
Was denken Sie? Hat die Marke HRE eine zweite Chance?
Nein.
So sehe ich das auch. Gerade im Inland hat der Name extrem gelitten, wir denken über Alternativen nach.
Werden Sie oft schief angeguckt, wenn Sie sich vorstellen: Wieandt von der HRE?
Nein, im Gegenteil. Wir erfahren eine Menge Zuspruch für das Bemühen, das Institut zu stabilisieren.
Keine Anzeichen von Banker-Schelte?
Doch, den allgemeinen Zorn auf Banker, den spüre ich lebhaft. Das ist so, sobald man mit Leuten außerhalb der Branche spricht.
Wie sehr kränkt es Sie als Banker, demnächst einen Staatsbetrieb zu leiten? Als besserer Beamter.
Ich gehe davon aus, dass die Bank nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführt wird.
Vorsorglich haben Sie schon eingewilligt, Ihr Jahresgehalt auf 500.000 Euro zu reduzieren.
Das ist die gesetzliche Grenze in einer Situation, wenn der Staat als Retter einspringt.
Tröstet es Sie, dass Ihr Schwager Martin Blessing als Commerzbank-Chef ebenfalls mit dem Gehalt als Staatsbanker auskommen muss?
Ich schaue in diesem Punkt nicht nach links und rechts.
Sie werden doch mit ihm besprechen, wie es sich arbeitet unter Einfluss des Staates?
Natürlich tausche ich mich mit Martin gelegentlich aus. Es hilft immer, von Erfahrungen anderer zu profitieren.
Sie könnten ihm die Eurohypo abnehmen. Das Immobiliengeschäft wäre so unter der Hand des Staates gebündelt, und die Commerzbank wäre eine Sorge los.
Wir haben keine derartigen Pläne, das haben wir bereits klargestellt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Beeinflusst das Wahlergebnis im Herbst das Schicksal Ihrer Bank?
Ich wüsste nicht, warum. Mit dem Bankenrettungsfonds ist die Struktur institutionell angelegt.
Wie lange rechnen Sie mit dem Staat als Eigentümer?
Für uns gibt es jetzt und in nächster Zeit keine Alternative. Erst müssen wir die Neuausrichtung voranbringen, dann kann man über einen möglichen Ausstieg des Großaktionärs diskutieren.
Eines Tages kehrt die HRE unter anderem Namen zurück an die Börse?
Darüber können wir erst in einigen Jahren reden. Nach meinem Verständnis will der Bund nicht dauerhaft Eigentümer bleiben.
Herr Wieandt, welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Finanzkrise?
Dreierlei habe ich gelernt. Erstens, man muss nicht nur auf das eigene Haus gucken, sondern auf das ganze System. Zweitens: Stresstests können nicht extrem genug sein. Und drittens: Die Banken sitzen mit den Aufsichtsbehörden, Notenbanken und den Regierungen in einem Boot, um dem Finanzsystem die nötige Stabilität zu geben.