01.03.2009 · Die Wirtschaftskrise schlägt auf den Magen: Der Wall Street ist der Appetit vergangen, Frankreich beweint das Ende seiner Esskultur, und in Deutschland locken Dumping-Preise.
Von Axel BrüggemannMarie Antoinette hat den Verlust ihres Kopfes unter einer Guillotine in Paris einer gemeinen Intrige zu verdanken. Damals wurde in Frankreich ein Gerücht gestreut, nach dem die Königin ihren Untertanen geraten habe: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie eben Kuchen essen.“ So etwas würde heute wohl keinem Politiker mehr über die Lippen kommen.
Selbst Wirtschaftskönige und Weltmarktführer setzen sich in Zeiten der Wirtschaftskrise lieber selbst auf Diät. Es kommt eben nicht gut an, wenn Vorstandsvorsitzende zu üppigen Banketten laden, während Opel-Arbeiter nicht wissen, was morgen auf dem Tisch steht. Die Bescheidenheit der Reichen ist zum neuen Luxus geworden – und der beginnt auf der Speisekarte. Spätestens beim Business-Lunch setzen viele Dax-Unternehmen auf Wasser statt auf Wein und servieren Häppchen im Büro statt Schnitzel im Restaurant. Reichtum im Angesicht der Armut verdirbt zwar nicht den Charakter, wohl aber den Appetit.
Erstmals alte Kulissen recyclet
Bei der Oscar-Verleihung vor einer Woche wurden erstmals die alten Kulissen recyclet, und die anschließenden Gala-Dinners fielen weitaus kleiner aus als sonst. Hierzulande hat nicht nur die Deutsche Bank auf Weihnachtsfeiern verzichtet, sondern auch viele andere Unternehmen. Mehr als 47 Prozent der Restaurantbetreiber beklagen wesentliche Umsatzeinbußen. Der Springer-Verlag hat seine großen Galas inklusive der dazugehörigen Partys abgesagt. Ein Zeichen nach draußen: „Wenn ihr nicht feiern könnt, wollen wir es auch nicht.“ Bei den Mitarbeitern soll das gut angekommen sein. Selbst bei Weltunternehmen wie der BASF ist das Business-Lunch schon lange nicht mehr vom Spesenkonto der Mitarbeiter absetzbar. Die Champagner-Produzenten verzeichnen allein in Amerika Einbußen von 10 Prozent und befürchten einen noch größeren Kater. Die kulinarische Krise hat selbst den Mainzer Karneval erreicht: Während es die Jecken im vergangenen Jahr noch für sechs Euro im Schnitt krachen ließen, gaben sie in dieser Karnevalsaison nur 4,20 Euro aus. Sparhannes scheint endgültig zum Küchenmeister in Krisendeutschland zu werden.
„Das ist kein ganz neues Phänomen“, sagt der Aachener Unternehmer Jeanot Pelzer-Melzner. „Es hat schon vor vier oder fünf Jahren aufgehört, dass Unternehmen ihre Geschäftspartner zu großen Essen einladen. Damals war es guter Ton, wichtige Kunden zu schweren Mittagessen einzuladen, einschließlich alten Weins und bester Zigarren. Das waren Mahlzeiten, nach denen man eigentlich nicht mehr arbeiten konnte. Brauchte man auch nicht, denn die Deals waren schon im Restaurant perfekt.“ Heute finden diese Treffen meist bei Mineralwasser und Apfelsaft in den Konferenzräumen der Konzernzentralen statt, manchmal werden dazu immerhin noch Kekse gereicht. „Die Controller haben dem lukullischen Geschäftsleben schon seit einiger Zeit einen Riegel vorgeschoben“, sagt Pelzer-Melzner, „und inzwischen hat sie die Wirklichkeit eingeholt. Wer viel Geld für Business-Lunches ausgibt, gilt als Verschwender.“
Unternehmen nutzen die Krise
Tatsächlich scheinen viele Unternehmen die Krise zu nutzen, um langgehegte Sparmaßnahmen durchzusetzen. Da wäre es inkonsequent, Geschäftspartner, die man um jeden Cent drücken will, auch noch zum großen Fressen zu laden. Wer Sparsamkeit signalisieren will, vergisst die guten Manieren am besten gleich bei Tisch.
Frankfurter Verlage besprechen Manuskripte mit ihren Autoren nicht mehr im „Ivory Club“, sondern schleppen sie zum Fast-Food-Chinesen um die Ecke. Hier gibt’s krosse Ente für 4,50 Euro, dazu eine Cola light. Und selbst in den Coffeebars, die in der Nähe von Finanzzentren und Bürohochhäusern aus dem Boden wachsen, ist der Abwärtstrend erkennbar. Ein Betreiber in Berlin bemerkt, dass die Versicherungsmenschen zwar noch immer kommen, aber ihr Latte macchiato XXL immer öfter auf Medium-Size schrumpft.
Der amerikanische Globalisierungs-Guru Thomas Friedman forderte seine Leser schon vor Monaten in seinem Blog in der „New York Times“ zum sparsamen Essen auf: „In letzter Zeit gehe ich in Restaurants, schaue mich an den Tischen um, an denen es immer noch von jungen Leuten wimmelt, und ich habe dieses Bedürfnis, von Tisch zu Tisch zu gehen und zu sagen: ,Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, Sie sollten hier nicht sein. Sie sollten Ihr Geld sparen. Sie sollten Ihren Thunfisch zu Hause essen. Diese Finanzkrise ist bei weitem noch nicht vorbei. Wir sind nur am Ende des Anfangs. Bitte lassen Sie sich Ihr Steak einpacken und gehen Sie nach Hause.‘“
Wirtschaftskrise schlägt auf den Magen
Inzwischen scheinen die jungen Leute Friedman zu folgen; die Wirtschaftskrise ist ihnen endgültig auf den Magen geschlagen. Der amerikanische Medienmann Larry Kirshbaum hat den rasanten Verfall der Esskultur im Zuge der Krise am eigenen Leib erlebt: In den goldenen Zeiten wurde er in Luxusrestaurants geladen, später verspeiste er Cheese-Sandwiches für 8,95 Dollar im „Comfort Dinner“, und neulich wurde er von einem Verlag tatsächlich zu McDonald’s eingeladen. Kirshbaum bat darum, die Sache doch lieber bei einem Mineralwasser im Büro zu besprechen.
Allein in Deutschland verzeichnete die „getränkeorientierte Gastronomie“ 2008 einen Umsatzeinbruch von 4,4 Prozent – zum großen Teil durch das Rauchverbot. Im Dezember kam die Finanzkrise dazu, und der Umsatz brach um 8,2 Prozent ein. „Das Jahr begann eigentlich hoffnungsvoll“, sagt Ernst Fischer, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes, „aber seit Oktober sind die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich zu spüren.“ Einziger Gewinner scheinen die Restaurantketten zu sein. Derzeit machen sie 25 Prozent des Gastro-Umsatzes in Deutschland aus, mittelfristig rechnet der Gaststättenverband mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent. McDonald’s konnte 2008 seinen Umsatz in Deutschland um 5,1 Prozent auf rund 2,8 Milliarden Euro steigern, für 2009 wird ein noch größeres Plus erwartet. „Gerade in der wirtschaftlichen Krise besteht eine große Chance für uns, mehr Gäste zu bekommen“, glaubt Deutschland-Chef Bane Knezevic. Dabei ist ein McDonald’s-Besuch längst kein Schnäppchen mehr – unter neun Euro wird man dort kaum satt. Und das ist inzwischen auch die Preisklasse, in der eingesessene Restaurants mit Geschäftsleute-Klientel ums Überleben kämpfen: Rund um den Bremer Marktplatz liegen die Bürgerschaft, der Schütting mit der Handelskammer und die Baumwollbörse. Die anliegenden Restaurants unterbieten sich in einer Preisschlacht per Aufstelltafeln: „Beck’s am Markt“ lockt mit „Penne Rigata, Putenstreifen und Basilikumsauce“ für 7,90 Euro, und im „Classico“ steht neben Currywurst-Pommes für 6,90 Euro auch ein „Schweineschnitzel“ für 8,90 Euro auf der Karte. „Natürlich können wir mit diesen Preisen nicht langfristig überleben“, sagt einer der Restaurantbetreiber, „aber wir hoffen darauf, dass wir einen Teil des Mittagspublikums auch am Abend begrüßen können – dann haben wir wieder Preise, die sich rechnen.“ Ob dieses Experiment gut ausgeht, weiß er allerdings selbst nicht.
Freitagmittag, 13 Uhr. Das „Borchardt“ am Berliner Gendarmenmarkt ist gut gefüllt. An den Tischen des Sehen-und-gesehen-werden-Restaurants sitzen hauptsächlich Geschäftsleute: viele schwarze Anzüge, viele bunte Krawatten. Man trägt Einheitsuniform – so ähnlich isst man auch. Das teure Wiener Schnitzel wird um die Mittagszeit seltener nachgefragt. Stattdessen wird das Tagesgericht bestellt und steht schon wenige Sekunden nach der Order auf dem Tisch: Pilzrisotto für acht Euro, Dorade Royale oder Kalbstafelspitz für neun Euro. Anständiges Fastfood. Zu trinken gibt’s Mineralwasser. Eine Flasche „San Pellegrino“ für alle – ebenfalls acht Euro. Der Business-Lunch degeneriert zum „McBusiness“ in gehobener Atmosphäre.
Sogar die kulinarische Grande Nation Frankreich in Not
Sogar die kulinarische Grande Nation Frankreich ist in Not: Kürzlich wurde im Radio eine Stunde lang über den Verfall der heiligen Gourmet-Kultur debattiert. Noch schlimmer als die Wirtschaftskrise scheint die Franzosen die „Menu-Crise“, die Speisekarten-Krise, zu bewegen. Kann es denn wohl angehen, dass selbst Pariser Luxus-Etablissements mit einem Tagesgericht für zehn Euro locken? Derzeit scheint nur noch Gott an die gehobene Gastronomie in Frankreich zu glauben, die Franzosen selbst wandern ab in die Bistro-Kette „Brioche Dorée“. Dort steht dann kein Wein aus Bordeaux auf dem Tisch, sondern eine Karaffe mit Wasser aus der Pariser Leitung.
Für Außenstehende sieht in den Berliner Restaurants, im „Grill Royal“, im „Einstein“ oder im „Borchardt“, noch alles aus wie vor der Krise. Doch der Schein trügt. Ein Kellner berichtet: „Ich beobachte in letzter Zeit, wie die Panik der Leute steigt, wenn ich die Rechnungsmappe auf den Tisch lege. Früher war es so, dass sich die Leute darum gerissen haben zu zahlen – das war eine Frage der Ehre. Heute liegt die Rechnung minutenlang auf dem Tisch, und keiner scheint sie zu bemerken. Wer sie zuerst nimmt, hat den Schwarzen Peter gezogen – und zahlt zähneknirschend.“