Home
http://www.faz.net/-gbp-11k87
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Finanzkrise Zinslose Staatspapiere für die schlechten Banken

22.01.2009 ·  Jetzt wird über eine „Bad Bank“ nachgedacht. Sie soll den Geschäftsbanken faule Kredite abkaufen. Mit etwas Glück könnte die Bad Bank später zumindest einen Teil doch noch zu Geld machen. Finanzminister Steinbrück ist gegen eine solche Lösung - und zwar zu Recht. Ein Standpunkt von Ulrich van Suntum.

Von Ulrich van Suntum
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (9)

Nachdem sich in den Bilanzen der deutschen Banken immer neue Abgründe auftun, wird auch hierzulande über eine Bad Bank nachgedacht. Nach schwedischem Vorbild soll sie den Geschäftsbanken ihre faulen Kredite abkaufen und damit wieder handlungsfähig machen. Die Hoffnung ist, dadurch das gegenseitige Misstrauen in der Finanzwirtschaft zu beenden und wieder eine Basis für neue Kredite an die Realwirtschaft zu schaffen. Mit etwas Glück könnte die Bad Bank später zumindest einen Teil der übernommenen Wertpapiere doch noch zu Geld machen und damit ihre Verluste in Grenzen halten. Geht man davon aus, dass zumindest ein Teil dieser Papiere derzeit unterbewertet ist, wären letztlich sogar Gewinne damit zu erzielen. In Schweden hat das zumindest recht gut funktioniert.

Trotzdem sträubt sich der deutsche Finanzminister gegen eine solche Lösung - und zwar zu Recht. Erstens standen hinter den schwedischen Krediten immerhin reale Immobilienwerte. Dagegen sind die Papiere, mit denen sich die deutschen Banken eingedeckt haben, undurchschaubare Konstrukte ohne reale Basis, von denen sich viele einfach in Luft auflösen dürften. Zweitens stellt sich die Frage, zu welchem Preis die Bad Bank diese Papiere aufkaufen soll. Ein fairer Preis würde in vielen Fällen nahe bei null liegen - dann könnten sie aber auch gleich abgeschrieben werden, der Effekt für die Bilanz wäre derselbe wie beim Verkauf. Wenn die Bad Bank überhaupt einen Sinn machen soll, muss sie also mehr bezahlen, als die Papiere aller Voraussicht nach wert sind.

Alternativmodell: staatliche Ausfallgarantie

Vor allem aber muss gefragt werden, wer das eigentlich bezahlen soll. Immerhin geht es um eine Summe von etwa 200 Milliarden Euro. Damit könnte sich selbst der deutsche Staat leicht übernehmen. Auch ist kaum einzusehen, wieso der Steuerzahler für die bodenlos leichtsinnige Geschäftspolitik der Banken ohne Gegenleistung haften soll. Und nicht zuletzt würde eine Bad Bank gezielt diejenigen Banken entlasten, die schlecht gewirtschaftet haben, und damit den Wettbewerb massiv verzerren.

Das derzeit diskutierte Alternativmodell besteht darin, die schlechten Kredite in den Bilanzen zu belassen, sie aber mit einer staatlichen Ausfallgarantie zu versehen. Da der tatsächliche Ausfall sicher nur einen Teil der Papiere treffen wird, könnte auf diese Weise das Vertrauen erst einmal mit weitaus geringerem Mitteleinsatz wiederhergestellt werden als durch den Aufkauf des kompletten Bestandes. Allerdings entfällt dann auch die Möglichkeit für den Staat, einen Teil der Papiere später mit Gewinn selbst zu veräußern. Eine faire Gebühr für die Ausfallbürgschaft dürfte zudem kaum billiger für die Banken sein als der Weg, die Papiere entsprechend abzuschreiben. Ein weiterer Nachteil läge darin, dass das Management sich nach wie vor gleichzeitig um die Abwicklung der Vergangenheitssünden und um die Anbahnung neuer Geschäfte kümmern müsste. Nicht zuletzt sprechen auch psychologische Argumente eher für einen sauberen Schnitt. Schließlich geht es vor allem um die Wiedergewinnung von Vertrauen, und das erfordert nun mal eine auch optisch möglichst frische weiße Weste.

Dritte Möglichkeit: unverzinsliche Staatspapiere statt Bargeld

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit: Wie wäre es, wenn die Bad Bank den Banken ihre toxischen Papiere zwar abnähme, aber nicht gegen Bargeld, sondern im Austausch gegen unverzinsliche Staatspapiere mit einer Laufzeit von - sagen wir - 20 Jahren? Diese wären zum Nennwert in die Bilanzen einzustellen und würden - da praktisch absolut sicher - das Bonitätsproblem sofort lösen. Auch die Aktivseite würde dadurch entlastet, da sichere Staatspapiere vergleichsweise wenig Eigenkapital erfordern. Den Staat würde die Zurverfügungstellung entsprechender, unverzinslicher Anleihen erst einmal nur ein Lächeln kosten. Über die Refinanzierung müsste er sich frühestens in 20 Jahren Gedanken machen, bis dahin fallen nicht einmal Zinsen an.

Wo ist der Haken bei der Sache? Nun, für die Banken bedeutet die Einstellung einer unverzinslichen Forderung an den Staat zwar Sicherheit, aber keinen Ertrag. Nachdem sie bisher mit positiven Hebeleffekten viel Geld verdient - aber eben auch das Finanzsystem nahezu ruiniert - haben, müssten sie jetzt quasi einen negativen Leverage-Effekt in Kauf nehmen: Während sie die Einlagen ihrer Geldgeber auf der Passivseite verzinsen müssen, erhalten sie zumindest für einen Teil ihrer Ausleihungen auf der Aktivseite nun keinen Ertrag mehr. Das muss sie nicht gleich ruinieren, aber die Eigenkapitalrendite wird natürlich entsprechend in den Keller gehen. Statt wie bisher zweistellig wird sie vielleicht nur noch wenige Prozent betragen, je nach Ausmaß der zuvor betriebenen Misswirtschaft und somit der Notwendigkeit, zinslose Staatspapiere zu akzeptieren. Damit würden anstelle der Steuerzahler genau diejenigen zur Kasse gebeten, die in einer Marktwirtschaft die Verantwortung für Verluste zu tragen haben, nämlich die Eigentümer der Banken. Die Strafe würde aber nicht schlagartig eintreten und damit zum Ruin der Bank führen, sondern ein auf 20 Jahre verteiltes Fegefeuer für die Bankaktionäre bedeuten. Damit könnte der Sanktionsmechanismus des Marktes für schlechtes Wirtschaften wirken, ohne dass es zu gesamtwirtschaftlich unerwünschten Zusammenbrüchen kommt.

Der Clou bei der Geschichte ist: Um überhaupt wieder Geld zu verdienen, bliebe den Banken gar nichts anderes übrig, als wieder Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben. Wer einen Klotz von unverzinslichen Staatspapieren für 20 Jahre in der Bilanz stehen hat, muss alles tun, damit er über rentable andere Aktivgeschäfte wenigstens noch eine einigermaßen erträgliche Eigenkapitalrendite erwirtschaftet. Das kann der Konjunktur nur zugutekommen. Zudem bliebe die Entscheidung über den einzelnen Kredit allein bei den Banken, wo sie auch hingehört. Derweil könnte sich der Staat in aller Ruhe bemühen, die Bad Bank mit möglichst hohem Gewinn wieder abzuwickeln. Schließlich hat er in diesem Modell deren Papiere ganz ohne Bargeld im Austausch gegen frisch gedruckte Staatsschuldtitel übernommen. In 20 Jahren kann er dann immer noch entscheiden, ob er die dann fällig werdenden Staatsschulden refinanziert oder - womöglich aus den Gewinnen der Bad Bank - wieder tilgt.

Ulrich van Suntum ist Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster (CAWM)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen