06.04.2009 · Diese Krise ist verzwickt. Schuldige sind schwer greifbar. Und womöglich hängen wir selber mit drin. Kein Wunder, dass nur wenige auf die Barrikaden gehen. Das deutsche Problem ist, hierzulande eine geeignete Abladestelle für die geballte Wut zu finden.
Von Winand von PetersdorffDie Isländer jagen ihre Regierung fort, die Franzosen nehmen Manager in Geiselhaft. Briten hauen in London auf den Putz. Und die Deutschen? Sie delegieren die eher kleineren Demonstrationen auf das klassische Protestpersonal aus Ökos, Antiglobalisten und Gewerkschaftern. Außerdem kaufen sie 1,2 Millionen subventionierte Autos. Das sieht aus wie eine ziemlich coole Art, mit der größten globalen Wirtschaftskrise seit 70 Jahren umzugehen. Aber wirkliche Coolness ist es nicht.
Denn eines steht außer Zweifel: Die Wut über die Bombenkrater des Finanzkapitalismus ist greifbar, groß und gerecht. Sie wird geteilt von den meisten gesellschaftlichen Gruppen und findet Widerhall im gesamten politischen Spektrum. Inzwischen. Deshalb klingen die Appelle der IG Metall, in denen grenzenlose Profitgier gegeißelt wird, nicht mehr anders als die Beiträge eines Volksbankenfunktionärs, der bei Maybrit Illner dem Gewinnstreben abschwört. Die CSU kommt inzwischen mit ihren Anti-Manager-Tiraden daher wie Attac im Trachtenanzug und gewinnt damit Popularität. Sonst würde sie ja nicht so reden.
So viel Einigkeit herrschte selten. Das deutsche Problem ist eher, hierzulande eine geeignete Abladestelle für die geballte Wut zu finden. Denn unsere Wirtschaft - so ist der Eindruck - hat ja nicht zu Immobilienzockereien, flächendeckendem Kauffieber und dramatischen Verschuldungen der privaten Haushalte verführt. Die Gehälter und Boni der Banker haben auch nicht das angelsächsische Obszönitätsniveau erreicht. Die Spekulanten und ihren Reichtum sieht man hierzulande nicht. Das gewaltige Schlamassel wurde in London und New York ausgebrütet, sind sich viele Menschen sicher. Finanzkapitalismus, das sind die anderen. Die Wut richtet sich auf sie und zielt gerade nicht auf die deutsche Spielart der Marktwirtschaft. Die findet überraschenderweise sogar noch Freunde.
Hohe Zustimmung für die deutsche Marktwirtschaft
Im Februar dieses Jahres zogen die Interviewer des Instituts für Demoskopie Allensbach durchs Land mit folgender Frage: "Haben Sie vom Wirtschaftssystem in Deutschland eine gute oder keine gute Meinung?". Die Ergebnisse sorgen für Verblüffung: 46 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten ein gute Meinung. Das war der höchste Zustimmungswert für die deutsche Marktwirtschaft seit September 2000. Damals fanden 49 Prozent das System gut, fünf Jahre später nur noch halb so viele.
Eine Erklärung dafür, dass die Deutschen ihr eigenes System für unschuldig halten, liegt in der ziemlich deutschen Tradition, die Wirtschaft zweizuteilen. Noch heute wird sie in der Wortwahl für den Industriesektor deutlich. Er repräsentiert die "reale Wirtschaft". In ihr bauen Menschen prima Maschinen und Autos, verkaufen sie in die ganze Welt und teilen die Erlöse einigermaßen fair zwischen Unternehmern und Arbeitern. In der anderen Welt regieren Kredit, Zins, schlaue Köpfe, die komplizierte Wertpapiere erfinden und gewaltige Gehälter einstreichen.
Die Zweiteilung ist mit handfesten Werturteilen verbunden. Die reale Wirtschaft wird mit Attributen wie Anständigkeit, Sorgfalt und Sparsamkeit versehen. Die Finanzwelt dagegen gilt als parasitär. Sie saugt die produzierende Welt aus. Ihr Hauptprodukt Kredit wird nicht als Instrument begriffen, armen ambitionierten Menschen zu Aufstieg und Prosperität zu verhelfen, sondern vor allem als Einladung, über seine Verhältnisse zu leben.
Unsere Ersparnisse haben wir liebend gerne in lukrative Anlageprodukte gesteckt
Banker machen Geschäfte mit Geld, das ihnen nicht gehört. Das war in Deutschland immer schon höchst verdächtig, und den Vorurteilen war stets eine kräftige Prise Antisemitismus beigemengt. Heute fühlt man sich bestätigt. Der Verdacht gegen den unmoralischen Finanzkapitalismus hat sich in einer Weise erhärtet, wie es kühne Antikapitalisten sich nicht hätten träumen lassen.
Die Lage bleibt gleichwohl unübersichtlich. Deutschland ging es gerade in den letzten Jahren so gut wie lange nicht mehr. Das Land erntete die Früchte der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung. Es bestückte die Fabriken der Aufsteigerländer mit Maschinen, verkaufte den wachsenden Mittelschichten schöne Autos und lebte nicht schlecht mit der Lüge, dieser Erfolg sei ein Erfolg der realen Wirtschaft.
Die Aufsteigerländer haben ihre Aufholjagd mit Krediten von den Finanzkapitalisten bezahlt. Womit denn auch sonst?
Indirekt verdankt Deutschland die Prosperität der letzten Jahre jedoch durchaus auch der verschmähten Klasse der Finanzakrobaten. Denn schließlich haben wir unsere Maschinen und Autos gerne an Menschen verkauft, die sie mit dubiosen Krediten finanzierten. Und schließlich haben wir unsere Ersparnisse liebend gerne in diverse lukrative Anlageprodukte gesteckt, ohne zu fragen, bei wem es am Ende landet. Dieser Gedanke traut sich nur zaghaft an die Öffentlichkeit. Wer fühlt sich schon gerne wie ein Hehler? Trotzdem ist da eine Scham, sich an einem Wirtschaftsprozess beteiligt zu haben, ohne ihn verstanden zu haben. Hätten wir nicht etwas genauer hinschauen müssen? Haben wir nicht eine Idee zu viel delegiert an unsere Banken? Sicher ist: Scham lähmt. Die Wut kann sich nicht gut entfalten.
Wohin soll man schimpfen?
Zusätzlich trägt das aktuelle Wohlstandsniveau dazu bei, den Protest-Elan nicht groß werden zu lassen. Es entsteht keine Bewegungsenergie, die für Demonstrationszüge Grundvoraussetzung ist. "Es brodelt, aber die Krise ist noch nicht richtig angekommen", sagt Grünen-Politiker und Attac-Deutschland-Mitbegründer Sven Giegold. "Die Katastrophe findet in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen und den Analysen der Ökonomen statt", sagt Meinungsforscher Matthias Jung. Im wahren Leben ist sie noch nicht angekommen; bei vielen wird sie nach seiner Darstellung nie ankommen.
Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung ist weitgehend entkoppelt von der Unruhe, die die Marktwirtschaft zurzeit stiftet. Sie sind Rentner, deren Bezüge zuletzt antizyklisch aufgestockt wurden, Arbeitslose oder Beamte. Ihre Position dürfte sich nicht dramatisch verschlechtern: Beamte und Rentner mögen zwar Geld verloren haben in ihren Depots, aber selten doch so einschneidend, dass der Lachsschinken vom Abendbrottisch verschwindet. So betrachten sie die Vorkommnisse höchstens mit neugieriger Distanz.
Die anderen bleiben ruhig, solange ihnen Kurzarbeit noch ein Auskommen sichert. Brenzliger wird es erst, wenn die Programme auslaufen und die Unternehmen keine neuen Aufträge bekommen. Dann schnellen die Arbeitslosenzahlen schnell über die magische Vier-Millionen-Grenze, wird unheilschwanger geraunt. Doch selbst dann wird es keine gravierenden Proteste geben, vermutet Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen.
Wohin soll man denn auch schimpfen? Die Politik macht doch längst das, was links immer forderte. Sie pumpt Geld in die Wirtschaft, als ob es kein Morgen gäbe. Sie steigt in private Banken ein, und sie enteignet diese sogar, wenn es opportun erscheint. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Linke in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten an Zustimmung verliert, statt auf einer Erfolgswelle zu surfen. Man braucht sie nicht.
Die Systemkritik bleibt in den Kinderschuhen
Und die Gewerkschaften? Sie haben für den 16. Mai zur Großdemo gerufen und verwischen gleichzeitig die klassischen Frontlinien zwischen Arbeit und Kapital. Sie kämpfen mit der Kitzbühel-Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler, mit dem Opel-Management für die Rettung der Unternehmen und mit der gesamten Autoindustrie für die Abwrackprämie. Das ist zutiefst pragmatisch. Kein Wunder, dass da die Systemkritik in den Kinderschuhen bleibt.
Und schließlich hat sich in Deutschland längst eine Nüchternheit eingeschlichen, was alternative Wirtschaftssysteme angeht. Wie ist es denn, das Paradies, für das es sich aufzubrechen lohnt? Irgendwie soll auf jeden Fall der Mensch in den Mittelpunkt rücken. So fordert es Verdi, so steht es aber auch im Nachhaltigkeitsbericht der Bayer AG und im Unternehmensgrundsätze-Katalog der DM-Drogeriekette. Es sind Forderungen, die so wirken wie Baldrian mit Bio-Siegel: korrekt und einschläfernd.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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