06.10.2008 · Das Finanzsystem lässt sich derzeit mit einem menschlichen Körper vergleichen, in dem alle Organe das Blut bei sich behalten und nur noch ganz wenig davon in den Kreislauf geben. Da kann das Herz - also die Notenbanken mit ihren kurzfristigen Finanzspritzen - so viel pumpen, wie es will, es hilft nichts.
Von Holger PaulDie Hypo Real Estate ist für deutsche Verhältnisse zwar eine große Bank, gleichwohl wäre unter normalen Umständen niemand darauf gekommen, dass ein solches Spezialinstitut für Immobilien- und Staatsfinanzierungen ein „systemisches Risiko“ für das Finanzsystem darstellen könnte. Wäre diese Bank in einem ansonsten gesunden Umfeld in Zahlungsschwierigkeiten geraten, dann hätte es zwar ebenfalls einen Aufschrei gegeben, aber man hätte das Institut problemlos abgewickelt.
In der aktuellen Lage würde ein Zusammenbruch des Münchener Instituts jedoch wie ein gefährlicher Trendverstärker wirken. Angesichts des immensen Misstrauens der Banken untereinander müssen einige Geldhäuser fast täglich betonen, dass sie keinen akuten Refinanzierungsbedarf haben und deshalb mit der HRE-Tochtergesellschaft Depfa nicht vergleichbar sind. Doch obwohl Marktbeobachter betonen, diese Aussagen seien glaubhaft, parken viele Institute ihre Mittel lieber bei der Europäischen Zentralbank, statt sie am Geldmarkt an andere Banken zu verleihen. Und nehmen dabei sogar Verluste in Kauf.
Nur noch ganz wenig Blut im Kreislauf
Kein Wunder also, dass sich in den Bankentürmen auch ein gewaltiger Ärger über die Geschäftspolitik der Depfa und ihres Mutterkonzerns HRE aufgestaut hat. Und die Wut hat sich an diesem Wochenende noch einmal erhöht, weil der Eindruck entstanden ist, dass die Münchener Krisenbank selbst in der größten Not nicht mit offenen Karten gespielt und die Risiken in den Büchern nicht korrekt beziffert hat.
Aber der Ärger hilft in der aktuellen Situation genauso wenig wie die gegenseitigen Vorhaltungen der deutschen Bankenverbände untereinander über die Fehler im jeweils anderen Lager. Das Finanzsystem lässt sich derzeit mit einem menschlichen Körper vergleichen, in dem alle Organe das Blut, das sie gerade angesammelt haben, bei sich behalten und nur noch ganz wenig davon in den Kreislauf geben. Da kann das Herz - also die Notenbanken mit ihren kurzfristigen Finanzspritzen - so viel pumpen, wie es will, solange die verkrampften Muskeln nicht gelockert werden und das Blut wieder fließen darf, droht das ganze System früher oder später auszutrocknen.
Das System ist auch deshalb verkrampft, weil befürchtet wird, dass die eine oder andere Bank die Krise nutzen will, die eigene Position auf Kosten der Konkurrenz auszubauen. Spätestens jetzt muss aber allen klar sein, dass die Stabilität des Systems wichtiger ist als der Profit, den ein Haus aus dem Untergang eines Konkurrenten ziehen kann.