12.02.2009 · Selbst für gute Projekte geben die Banken nur noch zögerlich Kredite, klagen viele Mittelständler. In der derzeitigen Krise werde jeder Euro zweimal umgedreht. Aber herrscht tatsächlich eine allgemeine Kreditklemme? Oder hat sich schlicht die Bonität der Antragsteller verschlechtert?
Von Lisa BeckerWenn er zum Thema Kreditvergabe gefragt wird, kommt der mittelständische Projektentwickler richtig in Fahrt. Er arbeitet in einer Branche mit guten Zukunftsaussichten. Die Finanzierungen für seine Vorhaben aber, deren Kosten im zweistelligen Millionenbereich liegen, seien schwierig und umständlich geworden. Jedes kleinste Risiko beantworteten die Banken mit einer umständlichen Prüfung. „Dabei werden aus Dingen Probleme gemacht, die keine sind.“
Die Anwälte, welche die Projektunterlagen prüfen, drehten jeden Grashalm zweimal um. Außerdem seien die Bearbeitungsgebühren gestiegen, und die Margen, die die Kreditinstitute auf den Marktzins aufschlügen, hätten sich verdoppelt. Zudem werde die Liste der Auszahlungsvoraussetzungen für einen Kredit immer länger. All das gelte umso mehr, je weiter entfernt ein Projekt liege, je größer es sei und je weniger öffentliche Förderung dafür vergeben werde.
In dieses Klagelied stimmt ein großer mittelständischer Hersteller elektronischer Bauelemente ein. Die Banken gingen derzeit sehr aggressiv vor, sagt er. So müsse er eine Bereitstellungsprovision auch für den nicht ausgenutzten Teil der Kreditlinien zahlen. „Das gab es früher nicht.“ Zudem würden Kredite sehr schnell gekündigt, indem die Allgemeinen Geschäftsbedingungen „sehr breit“ interpretiert würden. Das Ergebnis sei, dass man, um liquide zu bleiben, die Investitionen deutlich zurückfahren müsse – und das trotz einer weiterhin guten Bewertung der Bonität. Der Mittelständler ist überzeugt, dass die Banken hereinholen, was sie anderswo verloren haben.
Keine allgemeine Kreditklemme
Solche Klagen vernimmt man derzeit oft. Doch ist es wirklich so, dass die Kreditinstitute viele aussichtsreiche Projekte mittelständischer Unternehmen nicht mehr finanzieren, weil sie angesichts ihrer eigenen desolaten Lage nicht mehr das geringste Risiko eingehen möchten? Dann steckte der Mittelstand in einer allgemeinen Kreditklemme, was für die weitere konjunkturelle Entwicklung fatal wäre. Oder kommen die Unternehmen schwerer an Kredite, weil sich ihre Lage und ihre Aussichten in der Rezession verschlechtert haben? Dann ergibt die normale Risikoprüfung der Bank, dass sie keine Kredite bekommen oder nur zu einem höheren Preis.
Von Mittelstandsexperten hört man gemeinhin, dass es keine allgemeine Kreditklemme im Mittelstand gibt. Das liegt freilich auch an der Struktur des deutschen Mittelstands, der mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland umfasst. Davon sind wiederum mehr als 90 Prozent so klein, dass sie nicht mehr als 1 Million Euro Umsatz im Jahr erzielen. Sie brauchen in der Regel keine hohen Summen von der Bank und arbeiten problemlos mit einem Institut vor Ort zusammen. Meistens sind das öffentlich-rechtliche Institute, deren Kundeneinlagen in der Krise gewachsen sind.
Darlehensvergabe gesunken
Die Europäische Zentralbank hat vor kurzem zwar gemeldet, dass die Kreditvergabe der deutschen Banken im Dezember gegenüber November zum ersten Mal etwas gesunken ist. Als Hauptgrund vermuten Ökonomen aber, dass Unternehmen schlechter an Darlehen kommen, weil die Aussichten für ihre Branche oder ihre Firma selbst schlecht sind. Allerdings ist es in einer Rezession oft schwer zu unterscheiden, welches die Ursachen einer eingeschränkten Kreditvergabe sind: die trübe Lage oder die Unfähigkeit der Institute zur Kreditvergabe. Und diese Unterscheidung werde immer schwerer, je länger die Krise dauere, erklären die Volkswirte der Deutschen Bundesbank.
Bernd Papenstein, der sich in dem Beratungsunternehmen Price Waterhouse Coopers (PWC) um Mittelstandsfinanzierung kümmert, ist jedenfalls überzeugt, dass viele größere Mittelständler unverschuldet auf Schwierigkeiten in der Kreditvergabe stoßen. Denn keineswegs hätten nur Unternehmen aus Krisenbranchen Probleme. „Wenn es ein richtig tolles Unternehmen ist, dann gibt es keine Probleme. Aber sobald auch nur die leisesten Zweifel aufkommen, wird es schwierig.“ Viele Banken wollten derzeit nicht das geringste Risiko übernehmen; sie sicherten sich ab bis zum Letzten. Vor einem halben Jahr seien die Kreditgeber noch bereit gewesen, Risiken in Unternehmenskonzepten mitzutragen. „Jetzt nicht mehr.“ Deshalb könnten auch gesunde Unternehmen derzeit nur unter schwierigen Bedingungen wachsen, sagt Papenstein. Besonders unter der restriktiven Kreditvergabe leiden nach seinen Erfahrungen Unternehmen, die für viel Geld große Projekte auf der grünen Wiese errichten wollten. Teurer würden die Kredite ohnehin überall, erläutert Papenstein. Die Margen, die auf den Kreditzins aufgeschlagen würden, seien so stark gestiegen, dass die Unternehmen von den gesunkenen Marktzinsen nicht profitierten.
Banken in der „Schockstarre“
Trotz dieser Diagnose ist Papenstein zuversichtlich. Derzeit befänden sich viele Banken in einer „Schockstarre“, aus der sie sich jedoch zumindest mit Blick auf den Mittelstand bald lösen würden, meint er. Erste Signale in dieser Richtung hätten die Institute schon ausgesendet. Letztlich werde den Banken ohnehin nichts anderes übrigbleiben. „Irgendwo müssen sie ja Geld verdienen.“ Und da der Kapitalmarkt derzeit praktisch tot sei, biete sich dafür vor allem der insgesamt gut aufgestellte deutsche Mittelstand an, erläutert Papenstein. Der Knoten werde aber auch wegen der staatlichen Hilfsprogramme platzen. Beide Konjunkturpakete enthalten große Kreditförderprogramme für den Mittelstand.
Problematisch ist, dass die größeren Mittelständler derzeit besonders stark auf Bankkredite angewiesen sind. Andere Finanzierungsinstrumente wie Mezzanine und Beteiligungskapital stehen ihnen seit Ausbruch der Krise kaum noch zur Verfügung. Mezzanine sind Zwitter aus Fremd- und Eigenkapital. Sie kosten mehr als Fremdkapital und werden von vielen Banken als Eigenkapital gewertet. Bis zum Zusammenbruch auf den Finanzmärkten gab es sie quasi von der Stange: Sie wurden in umfangreichen Programmen vor allem an größere Mittelständler vergeben. Mezzanine für ein einzelnes Unternehmen gibt es bis heute, allerdings nur für sehr gesunde Firmen und zu stark gestiegenen Kosten. Papenstein meint, dass es die Standardmezzanine nach der Krise so nicht mehr geben werde. Sie seien oft von leichter Hand vergeben worden, zu viele seien nicht zurückbezahlt worden. „Die Risikoüberprüfung haben Leute übernommen, die das Risiko nicht tragen mussten.“
Cash-Zyklen verkürzen
Herbert Reiß, der das Mittelstandsprogramm des Beratungsunternehmens Deloitte leitet, erwartet, dass in nächster Zeit wieder mehr Gewinne im Unternehmen verbleiben und investiert werden. Und so manches Unternehmen könne zurzeit nur das neu investieren, was der Zufluss liquider Mittel (Cashflow) zulasse. Eine Möglichkeit, die Liquidität zu erhöhen, ist das Factoring, der Verkauf von Forderungen. Außerdem empfehlen die Mittelstandsberater, den „Cash-Zyklus“ zu verkürzen. Das ist der Zeitraum zwischen der Ausgabe von Geld, wenn Lieferanten bezahlt werden, und der Einnahme von Geld, wenn die Kunden die Waren bezahlen. Die Unternehmen sollten also schnell Rechnungen stellen und Zahlungen hinauszögern.
Ein anderer Rat lautet, Lager abzubauen, um weniger finanzieren zu müssen. In die Kreditverhandlungen mit den Banken solle man sehr gut vorbereitet gehen, sagt Reiß. Es gehe nicht nur darum, die kreditrechtlichen Minimalanforderungen zu erfüllen, beispielsweise den Jahresabschluss präsentieren zu können, sondern darüber hinaus mit Offenheit und Transparenz zu glänzen. „Man sollte Informationen geben, bevor sie überhaupt verlangt werden.“