07.10.2008 · Die Europäische Union will große Bankenpleiten unbedingt verhindern, beteuern die Finanzminister. Doch die deutsche Börse hat das nur kurz beeindruckt, die Kurse pendelten um den gestrigen Schlusskurs. Gerüchte heizen die Panik an, wodurch sich Bankentitel teilweise in freiem Fall befanden.
Ein Kurssprung der Volkswagen-Aktien von zeitweilig rund 50 Prozent hat den deutschen Aktienmarkt am Dienstag gestützt. Trotz abermals schwacher Finanzwerte pendelte der Deutsche Aktienindex um den Schlusskurs des Vortags.
Die Papiere des Autoherstellers VW stiegen ohne erkennbaren Grund - zwischenzeitlich war der Kurs sogar auf einem Allzeithoch. „Viele Stücke sind sicherlich nicht mehr im Markt, Porsche hält Stücke und das Land Niedersachsen auch. Aber irgendjemand muss unglaublich short sein und sich blind eindecken“, mutmaßte ein Händler. Ein weiterer Händler zeigte sich völlig ratlos: „VW ist ein Mysterium.“ Ein weiterer Börsianer verwies zudem darauf, dass sich Anleger derzeit mit VW-Aktien gegen den schwachen Markt absicherten.
Gerüchte heizen die Panik an
Banktitel befanden sich dagegen teilweise im freien Fall. „Es gibt diverse Gerüchte, die die Panik im Sektor anheizen“, sagten Händler. „In Großbritannien soll Royal Bank of Scotland verstaatlicht werden und angeblich stecken HBOS, Lloyds TSB Group und Barclays in Liquiditätsschwierigkeiten“. Damit würde das gesamte europäische Bankensystem ins Wanken geraten. Das Gerücht um eine Kapitalerhöhung der Deutschen Bank, das ebenfalls für Verunsicherung sorgte ist jedoch inzwischen von der Deutschen Bank in einer Mitteilung zurückgewiesen worden.
Für Beunruhigung hatte zuvor zusätzlich ein Börsenbrief gesorgt, demzufolge die Deutsche Bank „zu groß sei, als dass sie in einer Schieflage aufgefangen werden könne“, sagte ein weiterer Börsianer. Auch habe der Branchenprimus zu viel für die Postbank bezahlt.
Gefahr aus Island
Weiterer Grund für die Bankenschwäche sei die Lage in Island. Nachdem die isländische Regierung die Kontrolle über das Bankengewerbe des Landes übernommen hatte, gab es Verwirrung um einen Milliardenkredit aus Russland. Die isländischen Finanzinstitute hielten Beteiligungen an Banken und Versicherungen in ganz Europa. „Wenn die Banken zahlungsunfähig werden, droht die Liquidation der Bestände“, hieß es. Ein Sprecher der Commerzbank sagte indes auf Anfrage zu diesbezüglichen Gerüchten: „Wir haben keine isländischen Investoren“. Vage Spekulationen um unter Druck geratene Anleihen der Tochter Eurohypo wollte er nicht kommentieren.
„Das einzige was dem Markt jetzt noch Stabilität und Vertrauen zurückgeben kann, ist eine zeitweise Verstaatlichung - bei der Hypo Real Estate führt kein Weg mehr an dieser Option vorbei“, sagte Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. „Mit wem werden wohl in Zukunft Geschäfte abgewickelt, wenn die Wahl zwischen Banken mit Staatsgarantie und Banken ohne diese Absicherung besteht?“ Das wichtigste sei nun, dass Ruhe in den Pfandbriefmarkt gebracht werde, und dies so schnell wie möglich. Derzeit bekomme der Staat die Banken zu einem sehr günstigen Preis. Wenn nach einer gewissen Zeit dann Ruhe eingekehrt sei, könne das Engagement mit Gewinn verkauft werden.
Nikkei-Index deutlich im Minus
Der Druck auf die asiatischen Aktienmärkte hat sich derweil weiter verstärkt. Der Nikkei-Index der Börse in Tokio stürzte zeitweise um fünf Prozent, rutschte erstmals seit fast fünf Jahren unter die Schwelle von 10.000 Punkten, konnte sich im Verlauf des Handels aber wieder fangen. Zu den größten Verlierern zählten die Autohersteller Mitsubishi, Nissan und Toyota.
Die japanische Zentralbank beschloss am Dienstag, ihren Leitzins nicht zu ändern. Der Satz für die kurzfristige Geldbeschaffung der Geschäftsbanken liegt damit schon seit 20 Monaten bei 0,5 Prozent. Die Notenbank unterstützte den Geldmarkt den 15. Tag in Folge und stellte eine Billion Yen (7,3 Milliarden Euro) bereit.
Australische Notenbank senkt Leitzins
Positiv kam an vielen asiatischen Handelsplätzen jedoch an, dass die australische Notenbank ihre Leitzinsen am Dienstag überraschend kräftig um einen Prozentpunkt senkte. Der Zinssatz, zu dem sie Banken Geld leiht, liegt jetzt bei sechs Prozent. Analysten hatten höchstens mit einer Senkung um einen halben Prozentpunkt gerechnet, zumal die Inflationsrate über dem von der Notenbank angepeilten Wert von drei Prozent liegt. Rezessionsgefahr habe Sorgen über die Inflationsgefahr in den Hintergrund gedrängt hieß es. „Wir waren überrascht“, sagte ein Analyst. „Das sollte die Märkte positiv beeinflussen.“ Tatsächlich notierten die Börsenindizes beispielsweise in Australien und Singapur deutlich im Plus. In Frankfurt hatten Marktauguren auch deshalb mit einer klaren Erholung des Deutschen Aktienindexes gerechnet.
Europäer wollen große Bankenpleiten unbedingt verhindern
In der zugespitzten Finanzkrise will Europa unterdessen große Bankenpleiten unbedingt verhindern. „Wir sind einig, dass wir vermeiden, dass systemrelevante Finanzinstitute den Konkurs anmelden müssen“, sagte der Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jean-Claude Juncker, am späten Montagabend in Luxemburg nach mehrstündigen Beratungen. „Die Mitgliedstaaten verbürgen sich dafür.“
Die deutsche Ankündigung einer gigantischen Garantie für Spareinlagen und ähnliche Maßnahmen in anderen Mitgliedstaaten führten zu einer Debatte über die Einlagensicherung. EU-Währungskommissar Joaquín Almunia kündigte an, das EU-Gesetz aus den 90er Jahren über Haftungsgrenzen solle rasch überarbeitet werden. Der EU-Mindeststandard, wonach nationale Einlagen bis 20.000 Euro geschützt sind, solle angehoben werden.
Deregulierung ist mitverantwortlich
Terrence Troesch (twt89)
- 07.10.2008, 10:12 Uhr
Drei bescheidene Anfragen:
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
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Chancen und Risiken
Peter Kronenberger (Peter-Kronenberger)
- 07.10.2008, 14:41 Uhr