21.12.2008 · Der amerikanische Börsenmakler Bernard Madoff war ein Pionier an der Wall Street. Sein Vermächtnis wird jedoch einer der größten Betrugsfälle sein, der die New Yorker Finanzbranche je erschüttert hat. Die Verluste treffen nicht selten reiche Privatanleger aus Florida.
Von Norbert KulsBernard Madoff war bisher in New York niemand, den man auf der Straße erkennen würde. Er ist weder ein schillernder Immobilienunternehmer wie Donald Trump noch ein Starbürgermeister wie Rudy Giuliani, deren Namen praktisch jedes Kind kennt. Er war also kein „Household-Name“, wie die Amerikaner das nennen. In der Welt der Börsenhändler an der Wall Street war das anders.
„Jeder kennt Bernie in der Branche, klar“, sagt Christian Treitler, der mehr als zwanzig Jahre Aktien an der Wall Street gehandelt hat. „Madoff war ein Pionier.“ Madoff war in den achtziger und neunziger Jahren einer der Ersten, der mit elektronischem Handel die langjährige Vormachtstellung der Parkettbörse New York Stock Exchange (Nyse) angegriffen hatte. Der Börsenmakler trieb auf diese Weise den tiefgreifenden Wandel der Börsen in den vergangenen Jahren mit voran. Seine Firma Bernard L. Madoff Investment Securities gehörte zu den größten Maklern an der Computerbörse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Händlern.
Bekannt als Fachmann für Aktienmärkte
Madoff, der in den frühen neunziger Jahren auch Verwaltungsratsvorsitzender der Nasdaq war, galt als ausgewiesener Fachmann für Aktienmärkte. Er trat vor Kongressausschüssen auf und saß in Beratungsgremien der Börsenaufsicht SEC. Und mittlerweile wickelt auch die Nyse, die lange am Parketthandel festhielt und sich gegen elektronischen Handel wehrte, den Löwenanteil ihres Geschäfts über Computer ab.
Das reicht eigentlich, um an der Wall Street ein Vermächtnis zu hinterlassen. An den 70 Jahre alten Madoff wird man sich allerdings anders erinnern. Am Donnerstagmorgen der vergangenen Woche wurde er von zwei Agenten der Bundespolizei FBI in seinem Apartment an der noblen Upper East Side von Manhattan verhaftet. Er soll Kunden seiner Vermögensverwaltung um 50 Milliarden Dollar geprellt haben – es ist einer der größten Betrugsskandale, den die Wall Street je erlebt hat. Seitdem ist auch Bernie Madoff ein „Household-Name“.
Auch zahlreiche Prominente unter den Geschädigten
Die Liste der Geschädigten ist lang. Sie reicht von Privatanlegern in New York und Florida über Hedge-Fonds bis zu Stiftungen des Filmregisseurs Steven Spielberg oder des Friedensnobelpreisträgers und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel. Auch europäische Banken sind betroffen.
Im Zentrum des Skandals steht ein exklusiver Golfclub in Florida, der Palm Beach Country Club. Madoff hatte viele seiner Privatanleger dort rekrutiert. Richard Spring aus Boca Raton, einer der Mitglieder des Clubs, hat 11 Millionen Dollar verloren. Der ehemalige Wertpapieranalyst hatte rund 95 Prozent seines Vermögens bei Madoff investiert. Spring ist in einer besonders prekären Lage. Er war einer der inoffiziellen Vermittler für neue Kunden von Madoff, zu denen Lehrer gehörten, die 50 000 Dollar einzahlten, und Unternehmer, deren Anlagen in die Millionen gingen. Es heißt, dass die Mitgliedschaft im Country Club auch deswegen attraktiv war, weil das einen Zugang zu Madoff versprach.
Für jüdische Wohltätigkeitsorganisationen gilt der Kollaps von Madoff als Katastrophe, weil viele bei dem in der jüdischen Gesellschaft bislang hochangesehenen Madoff investiert hatten. Der Country Club von Palm Beach hat eine ungewöhnliche Zulassungsvoraussetzung: Mitglieder müssen nicht nur reich sein, sondern auch viel an wohltätige Organisationen spenden.
Auch viele europäische Banken betroffen
Zahllose Familienstiftungen an der Ostküste sind schwer getroffen worden. „Es gibt Stiftungen, die große Vermögen verloren haben, Spender, die nichts mehr geben können, und Organisationen, deren Anlagen verschwunden sind“, sagt Gary Tobin, Präsident des Institute for Jewish and Community Research und Kenner der Szene. So machte in Boston die Robert Lappin Stiftung, die Bildungsreisen für Jugendliche nach Israel finanzierte, nach hohen Verlusten zu.
Neben amerikanischen Anlegern hatten auch europäische Großbanken in Spanien, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz eigenes Geld oder Geld ihrer Kunden bei Madoff angelegt. Die österreichische Bank Medici hatte mit zwei Fonds insgesamt 2,1 Milliarden Dollar bei Madoff investiert. Kunden der Schweizer Privatbank Reichmuth & Co sind mit 327 Millionen Dollar engagiert. Deutsche Banken sind nach bisherigem Kenntnisstand nicht unter den Anlegern. Einzig die Vermögensverwaltung des Versicherers Allianz räumte Engagements bei Madoff ein, allerdings nicht „in bedeutendem Umfang“. Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken, leidet indirekt, da die mit 554 Millionen Dollar bisher größte drohende Schadenssumme in Frankreich bei ihrer Beteiligung Natixis liegt.
Nachlässigkeiten bei der SEC
Schwer ramponiert wurden nicht nur die Depots der Anleger, sondern auch der Ruf der Börsenaufsicht SEC. In einer ungewöhnlich selbstkritischen Stellungnahme hat der SEC-Vorsitzende Christopher Cox Fehler im Betrugsfall Madoff eingeräumt. Mitarbeiter der Behörde hatten nach den Worten von Cox seit fast zehn Jahren glaubwürdige Warnungen über Madoffs finanzielle Machenschaften erhalten. Diese Hinweise seien aber ignoriert worden. Cox hat nun interne Ermittlungen angekündigt. Mitarbeiter der SEC hätten trotz der Warnungen nie offizielle Ermittlungen eingeleitet, um Informationen über die Firma unter Androhung rechtlicher Zwangsmaßnahmen zu fordern. Anstelle dessen hätten sich die Ermittler auf freiwillig herausgegebene Daten von Madoff verlassen.
Die internen Ermittlungen werden sich auch auf persönliche Beziehungen von Madoff-Angestellten und Mitarbeitern der SEC konzentrieren. Die bei der Maklerfirma von Madoff tätige Nichte des mutmaßlichen Betrügers hatte im vergangenen Jahr den hochrangigen SEC-Anwalt Eric Swanson geheiratet. Swanson, der die SEC schon 2006 verlassen hat, war davor für die Kontrolle des Aktienhandels an Börsen und elektronischen Handelsplattformen zuständig – also auch für Madoff. Arthur Levitt, der in den neunziger Jahren Vorsitzender der SEC war, wies allerdings Vermutungen zurück, dass Madoff möglicherweise besondere Beziehungen zur SEC hatte. „Die Vorstellung, dass Bernie Madoff zu mächtig oder zu einflussreich ist, um verfolgt zu werden, ist völlig daneben“, sagte Levitt. Im Gegenteil: Unter seiner Ägide seien die Strafverfolger der SEC „erfreut“ gewesen, wenn es bei prominenten Figuren an der Wall Street Hinweise auf Fehlverhalten gegeben habe. „Je prominenter die Person in der Branche, desto agressiver die Anstrengungen“, sagte Levitt.
Söhne informierten die Polizei
Madoff wird von der Staatsanwaltschaft und der SEC vorgeworfen, Anleger mit einem gigantischen Schneeballsystem betrogen zu haben. Madoff selbst soll das seinen beiden bei der Maklerfirma beschäftigten Söhnen gestanden haben. Bei einem solchen System werden die vermeintlichen Renditen für alte Anleger von dem eingezahlten Geld neuer Investoren gezahlt. Ziehen Anleger Geld ab oder kommen keine neuen Mittel herein, bricht das System zusammen. Das Ende für Madoff scheint laut Anklageschrift gekommen zu sein, als Kunden Anfang Dezember 7 Milliarden Dollar herausnehmen wollten. Die Söhne Madoffs informierten nach dem Geständnis ihres Vaters über ihre Anwälte die Polizei.
An der Wall Street ist der Schock über den Fall Madoff groß. Zwar hatte es schon seit geraumer Zeit Spekulationen gegeben, dass Madoff nicht ganz legal arbeitet. Ein Schneeballsystem hatten allerdings nur wenige seiner Kritiker befürchtet. Konkurrenten vermuteten eher, dass Madoff Informationen über große und kursbewegende Aktienaufträge, die bei seiner Maklerfirma eingingen, illegalerweise nutzte, um vor deren Ausführung entsprechend Aktien für seine Vermögensverwaltung zu kaufen oder zu verkaufen. Angaben zu seiner Anlagestrategie blieben immer vage – das war ein klassisches Warnsignal. Die Anleger sind jedoch in die Irre geführt worden, weil Madoff regelmäßig Depotaufstellungen mit detaillierten, aber wahrscheinlich frei erfundenen Transaktionen verschickte.
„Verkaufe nie den Madoff“
Typischerweise offerieren Betrüger bei Schneeballsystemen auch sehr hohe Renditen. Die Renditen von Madoff waren mit 10 bis 15 Prozent pro Jahr aber nicht unrealistisch. Ungewöhnlich war allerdings die trotz schwankender Börsen jahrelange Beständigkeit der Gewinne. Gerade das hatte Madoff in den Kreisen seiner Anleger wegen der vermeintlich konservativen Anlagestratege attraktiv gemacht. „Die eine Sache, die mir mein Vater immer gesagt hatte, war, ,Verkaufe nie den Madoff‘“, sagte ein Investor in Florida. Der Investor hat jetzt 3 Millionen Dollar verloren, die er eigentlich seinen Kindern vererben wollte.
Wie lange der Schwindel schon läuft und wie genau Madoff die Anleger hinters Licht führte, müssen die Ermittler der Behörden erst herausfinden. Sie durchkämmen derzeit Akten und Computer der mittlerweile liquidierten Firma, die drei Stockwerke des bekannten Lipstick-Gebäudes von Manhattan gemietet hatte. Madoff ist mittlerweile gegen eine Kaution von 10 Millionen Dollar auf freiem Fuß, wird aber elektronisch überwacht und musste seinen Reisepass abgeben. Auch seine Frau, deren mögliche Mittäterschaft derzeit geprüft wird, besitzt keinen Pass mehr. Madoff wurde zudem unter Hausarrest gestellt. Er darf abends und nachts sein Apartment nicht verlassen.
Ein Fall für den Kongress
Der Betrugsfall wird wohl auch ein Fall für den amerikanischen Kongress. Der Vorsitzende des Unterausschusses für Kapitalmärkte im Repräsentantenhaus, Paul Kanjorski, will im Januar Ermittlungen einleiten. Er bezeichnete die Vorgänge als zutiefst verstörend. Kanjorski: „Der Skandal schwächt das schon arg mitgenommene Vertrauen der Anleger in unsere Wertpapiermärkte.“ Und das gilt wohl nicht nur für Anleger im Country Club von Palm Beach.
Wer kennt nicht wenigstens einen
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 19.12.2008, 20:15 Uhr
Ein Schneeballsystem hatten allerdings nur wenige seiner Kritiker befürchtet ???
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 24.12.2008, 10:52 Uhr