28.09.2008 · Politiker und Banken versuchten in Krisensitzungen, einen Zusammenbruch des belgischen Bank- und Versicherungskonzerns Fortis zu verhindern. Erörtert wurden auch ein Notverkauf und eine Zerschlagung. Der Kauf von ABN Amro hat den Konzern offenbar überfordert.
Der belgisch-niederländische Bank- und Versicherungskonzern Fortis hat sich am Sonntagabend in einer existenziellen Krise befunden. In Brüssel berieten der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, und der belgische Premierminister Yves Leterme über einen Rettungsplan, der vor der Eröffnung der asiatischen Börsen vorgelegt werden sollte. In die Gespräche waren auch Notenbanken und Aufsichtsbehörden in Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und in Frankreich eingebunden. „Wir arbeiten daran, das Vertrauen in den Markt für die Aktien von Fortis wiederherzustellen“, sagte ein Sprecher der belgischen Finanzaufsicht gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.
In mehreren Finanzmetropolen, darunter in Frankfurt, wurden in großen Banken Manager einbestellt, um über eine eventuelle Teilnahme an einer Rettung zu beraten. Abends war zu hören, der holländische Finanzkonzern ING und die französische Großbank BNP Paribas zeigten Interesse an einer kompletten Übernahme von Fortis. Sprecher der beiden Banken wollten sich dazu nicht äußern.
85.000 Mitarbeiter
Fachleute bezeichneten eine Komplettübernahme durch ING aus Wettbewerbsgründen als problematisch, da die beiden Unternehmen zusammen auf einen sehr großen Marktanteil in den Benelux-Staaten kämen. Erörtert wurden aber auch ein Verkauf von Teilen des Konzerns, begleitet von Liquiditätshilfen durch Notenbanken sowie eine Verstaatlichung.
Fortis beschäftigt 85.000 Mitarbeiter und betreibt 2500 Niederlassungen. Fortis war 1990 aus einer Fusion dreier Banken und Versicherungen aus Belgien und den Niederlanden entstanden. Fortis ist nicht nur durch die Finanz- und Immobilienkrise in eine Kapitalenge geraten. Der Finanzkonzern hat vergangenes Jahr für 24 Milliarden Euro große Teile der niederländischen Bank ABN Amro erworben, was den Konzern in der aktuellen Finanzmarktkrise offenbar überfordert.
Engpässe und Kapitalprobleme
Die seit Monaten andauernde Krise von Fortis hatte sich am Freitag beschleunigt, als der Vorstandsvorsitzende Herman Verwilst nach nur zweieinhalb Monaten im Amt zurückgetreten war. Zu seinem Nachfolger wurde der 52 Jahre alte Filip Dierckx ernannt. Verwilst galt von Beginn an nur als eine Interimslösung. Er wurde Mitte Juli berufen, nachdem der Vorgänger Jean-Paul Votron ausgeschieden war. Unter Votron geriet Fortis Ende Juni in eine schwere Vertrauenskrise, da er zu spät über Engpässe und Kapitalprobleme des Unternehmens informiert hatte. Mit dem klaren Votum für Dierckx hoffte Fortis, den Teufelskreis der vergangenen Wochen mit nicht enden wollenden Gerüchten um andauernde Liquiditätsprobleme und einem freien Fall des Aktienkurses zu stoppen.
Die Entscheidung kam am Abend eines schwarzen Freitags für Fortis. Während sich mit der Sparkasse Washington Mutual die bis dato größte Bankinsolvenz in den Vereinigten Staaten ereignete und an den Finanzmärkten große Nervosität ausgebrochen war, häuften sich um die belgisch-niederländische Finanzgruppe neue Gerüchte über weiteren dringenden Kapitalbedarf. Am Donnerstag bereits dementierte Fortis energisch Meldungen über eine Unterstützung durch die niederländische Genossenschaftsbank Rabo.
Aktienkurs brach ein
Am Freitagmorgen meldeten belgische Medien, Fortis müsse Kronjuwelen verkaufen, um Kapital zu bekommen. Der Aktienkurs brach um bis zu 13 Prozent ein. Fortis sah sich genötigt, kurzfristig eine Telefonkonferenz für Presse und Investoren einzuberufen. Auf ihr betonte Verwilst, dass die Gruppe über 4 Milliarden Euro Kernkapital verfüge, damit deutlich mehr als geplant und vorgeschrieben.
Allerdings gab Verwilst auch bekannt, dass Fortis weitere Vermögensteile im Volumen von 5 bis 10 Milliarden Euro verkaufen wolle, womit er indirekt zuvor veröffentlichte Medienberichte bestätigte. Erst Ende Juni gab der Konzern ein Programm zur Beschaffung von 8,3 Milliarden Euro bis Ende 2009 bekannt und löste damit große Zweifel an der Börse über eine sichere Zukunft aus. Obwohl die Märkte am Freitag beruhigt werden sollten, geschah genau das Gegenteil. Am Nachmittag – nach der Telefonkonferenz – rutschte der Kurs weiter um bis zu 22 Prozent gegenüber dem Vortag ins Minus. Die Aktie schloss um 21 Prozent niedriger auf 5,18 Euro. Das ist nur noch ein Fünftel des Kurses vor etwa einem Jahr.
Gibt es auch eine leichte Existenzkrise?
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 28.09.2008, 23:57 Uhr