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Der globale Kreditrausch Wie Staaten Schulden finanzieren

17.03.2010 ·  Die Schulden erreichen astronomische Größen. Wie aber gelingt es den Staaten, ihren enormen Kreditbedarf zu decken? Wie sichern sich Investoren ab? Der globale Schuldenrausch und seine Folgen - ein Blick auf die Gläubiger.

Von Stefan Ruhkamp
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Die Schulden der Staaten erreichen astronomische Größen. In Europa stehen die Staaten inzwischen mit 8000 Milliarden Euro bei ihren Gläubigern in der Kreide. Immer drängender wird die Frage nach der weiteren Finanzierung - nicht nur für überschuldete Staaten wie Griechenland. Zum Schuldenmachen braucht es zwei: Schuldner und Gläubiger. Die Staaten lassen bis zum Anschlag anschreiben; allein in diesem Jahr müssen Europas Regierungen rund 1450 Milliarden Euro auftreiben, zusätzlich zu den Steuereinnahmen, um ihre alten Schulden und die Haushaltslöcher zu finanzieren. Das entspricht mehr als der Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung. In Amerika sind sogar mehr als 2500 Milliarden Dollar notwendig, wovon das meiste über die Ausgabe von Anleihen erzielt wird.

Doch wer kauft all diese Wertpapiere, obwohl die Zinsen insbesondere für die erstklassigen Schuldner alles andere als verlockend sind? Je nach Laufzeit 1 bis 3 Prozent für deutsche Anleihen und 1 bis 4 Prozent für amerikanische. Zu einem immer noch wesentlichen Teil investieren institutionelle private Investoren: Deutsche Versicherungen etwa legen den größten Teil ihres Geldes in Anleihen privater Banken an, die mit staatlichen Schuldtiteln besichert sind. Auch Fondsgesellschaften, die das Geld privater Kunden verwalten, beteiligen sich an der Staatsfinanzierung. Die privaten Gläubiger, so darf man annehmen, kaufen die Schuldtitel, weil sie den staatlichen Schuldnern vertrauen und mit der Verzinsung einverstanden sind. Doch diese Form der Finanzierung öffentlicher Schulden verliert an Gewicht.

Besonders gut ist das in Amerika zu beobachten. Im vergangenen Jahr wurden dort nur noch knapp die Hälfte aller neuen Staatsanleihen im Inland verkauft. 44 Prozent gingen dagegen über die Grenzen. Seit mehr als zehn Jahren sind die Vereinigten Staaten auf den Import von Kapital angewiesen, weil die Amerikaner weitaus mehr Güter und Dienstleistungen einführen, als sie ausführen. Größter Lieferant ist inzwischen die chinesische Wirtschaft, die in einer symbioseähnlichen Beziehung zu den Amerikanern lebt.

China hält den Yuan seit vielen Jahren in einer engen Bindung an den Dollar. Seit 2005 wurde die chinesische Währung zwar nach einer zehnjährigen Phase einer unveränderten Bindung von gut 8 auf knapp 7 Yuan je Dollar aufgewertet. Doch damit ist der Yuan in der Relation zum Dollar und anderen Währungen der Industrieländer immer noch stark unterbewertet. Für Amerika hat das den Vorteil billiger Einfuhren, für China den Vorteil, dass seine rasch wachsende Industrie genügend Abnehmer findet. Finanziert wird diese Symbiose durch die chinesische Notenbank, die ständig auf dem Devisenmarkt mit eigener Währung Dollar aufkaufen muss, um die Unterbewertung des Yuan aufrechtzuerhalten. Im Gegenzug erhält sie in großem Stil amerikanische Wertpapiere, vor allem Dollar-Staatsanleihen.

Der wichtigste Einzel-Finanzier Amerikas

Wie groß dieses Finanzierungsgeschäft inzwischen ist, kann man jedoch nur abschätzen. Chinas Währungsreserven sind in den vergangenen zehn Jahren von 156 Milliarden Dollar auf rund 2400 Milliarden Dollar gestiegen. Wie hoch der Dollar-Anteil ist und wie hoch der Anteil der Forderungen gegen den amerikanischen Staat, gibt die People's Bank of China nicht bekannt. Umgekehrt gibt es jedoch Zahlen des amerikanischen Finanzministeriums. Nach diesen Angaben hat sich die amerikanische Staatsschuld in den vergangenen zehn Jahren etwa verdoppelt. Im gleichen Zeitraum haben sich die von Ausländern gehaltenen Forderungen von rund 1000 Milliarden Dollar auf knapp 3700 Milliarden Dollar erhöht. Der Auslandsanteil ist dadurch - sofern man die von amerikanischen staatlichen Behörden gehaltenen Forderungen nicht berücksichtigt - von fast 30 Prozent auf fast 50 Prozent gestiegen. Der chinesische Anteil ist von 60 auf knapp 900 Milliarden Dollar gestiegen. Man darf deshalb vermuten, dass die chinesische Notenbank der wichtigste einzelne Finanzier des amerikanischen Staates ist.

Dicht gefolgt von der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed). Denn diese hat in ihren Bilanzen weitere knapp 800 Milliarden Dollar an Forderungen gegen den amerikanischen Staat. Sie stammen zu einem großen Teil aus Sicherheiten, die Geschäftsbanken bei Finanzierungsgeschäften eingereicht haben, zum Teil aber auch durch direkte Ankäufe der Fed. Diese Methode der Geldvermehrung zur Stützung von Banken und Wirtschaft haben auch Großbritannien und Japan in der globalen Finanzkrise angewendet.

Einen weiteren Teil der staatlichen Schuldtitel halten in Amerika auch andere staatliche Institutionen. Die Forderungen von Pensionseinrichtungen wie dem Federal Old-Age Insurance Trust Fund, dem Postal Service Fund, dem Railroad Retirement Fund und einem guten Dutzend anderer Institutionen summieren sich heute auf mehr als 4000 Milliarden Dollar.

Notenbanken als Käufer von Staatsanleihen

Japan kann sich im Gegensatz zu Amerika ganz auf inländische Geldgeber verlassen. Das Land führt mehr aus, als es einführt. Dadurch sind die Japaner selbst in der Lage, die Schulden des Staates zu finanzieren. Der nutzt diese Möglichkeit seit mehr als zwei Jahrzehnten extensiv, so dass die Staatsschuld auf etwa 230 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gestiegen ist - ein Rekordwert für die Industrieländer. Möglich ist diese Verschuldung, weil die Japaner trotz Zinsen, die sich seit Menschengedenken nahe der Nulllinie bewegen, ihr Geld auf die hohe Kante legen. Allein bei der staatlichen Postbank liegen 2650 Milliarden Euro auf Sparkonten und in Form von Lebensversicherungen. Das entspricht der jährlichen Leistung der deutschen Wirtschaft. Die Staatsfinanzierung über Bankguthaben spiegelt sich auch in den Bilanzen der Banken. Seit Ende der neunziger Jahre ist der Staatsanteil in den Bilanzen der japanischen Banken von knapp 6 auf 16 Prozent gestiegen.

Das könnte ein Vorgeschmack auf das geben, was hierzulande bevorsteht. Die Aufsichtsregeln für die Banken begünstigen den Staatskredit. Wenn Banken an Unternehmen oder private Haushalte Kredite vergeben, müssen sie das mit eigenem Kapital absichern. Geben sie ihr Geld an den Staat, suggerieren die Regeln, dass dies risikolos sei. Eigenkapital wird nicht verlangt. Zudem gelten Staatsanleihen nach derzeitigem Recht als so liquide wie Bargeld. Anders als in Amerika wird der Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank bislang nicht praktiziert. Trotzdem funktioniert die Staatsfinanzierung aber auch hier nicht ohne das Zutun der Zentralbank. Sie akzeptiert Staatsanleihen als Sicherheit, wenn sie Geld an die Geschäftsbanken verleiht. Dadurch ist auch bei der EZB der Anteil der Staatsanleihen in ihrer Bilanz kräftig gestiegen.

Zwar kauft die EZB keine Euro-Staatsanleihen. Das gilt aber nicht für Zentralbanken außerhalb des Euro-Systems. Von jeder Emission neuer Bundesanleihen gehe inzwischen mehr als die Hälfte an Zentralbanken außerhalb von Europa, heißt es im Umfeld der deutschen Finanzierungsagentur. Ohne dieses Zutun wären die Finanzierungskosten für den Bund spürbar höher.

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