26.03.2009 · Der Streit um die Bonuszahlungen beim Versicherungsriesen AIG weitet sich zu einer öffentlichen Schlammschlacht aus. Aus Angst vor Übergriffen hat der Konzern auch den bisher prominent plazierten Namen des Unternehmens von einem Bürohochhaus in Manhattan entfernt.
Von Norbert Kuls, New YorkDer Streit um die Bonuszahlungen für Angestellte seiner umstrittenen Sparte Finanzprodukte setzt den schwer angeschlagenen Versicherungsriesen American International Group Inc. (AIG) weiter unter Druck. Nicht nur häufen sich die Kündigungen von Mitarbeitern im Konzern, nachdem Politiker und der eigene Vorstandschef Edward Liddy die Rückzahlung von vertraglich garantierten Bonuszahlungen fordern. Dies könnte die geplante Abwicklung des Bereichs Finanzprodukte erschweren und negative Folgen auf Handelspartner von AIG haben. Dazu gehören auch europäische Banken.
Außerdem hat AIG auch den bisher prominent plazierten Namen des Unternehmens von einem Bürohochhaus in Manhattan entfernt. In dem Gebäude befindet sich die profitable Sachversicherungssparte von AIG, die ihren Namen wegen der Kontroverse jetzt in AIU Holdings (American International Underwriters) umbenennen will. Nach Angaben eines Sprechers will der Konzern diesen „gut mit Kapital ausgestatteten Geschäftsbereich“ vom Namen der Muttergesellschaft AIG abgrenzen.
„Der Name AIG ist gründlich verwundet“
Vorstandschef Liddy hatte in der vergangenen Woche vor einem Unterausschusses des Kongresses auch für den gesamten Konzern eine Änderung des Namens erwogen. „Ich glaube, dass der Name AIG so gründlich verwundet und geschändet ist, dass wir ihn wahrscheinlich ändern müssen“, sagte er.
In einem öffentlichen Kündigungsschreiben wirft der hochrangige AIG-Manager Jake DeSantis Politikern wie den Generalstaatsanwälten von New York und Connecticut Einschüchterungsmethoden und eine Hetzjagd auf Angestellte der Sparte Finanzprodukte vor. Kürzlich überwiesene Boni von 165 Millionen Dollar hatten in der Öffentlichkeit für Aufruhr gesorgt, da AIG einer der größten Empfänger staatlicher Hilfen ist. Die Boni waren zudem kontrovers, weil sie als Halteprämien für Mitarbeiter der Sparte Finanzprodukte klassifiziert wurden. Dort waren Milliardenverluste angefallen.
In dem an Vorstandschef Liddy adressierten Brief argumentiert DeSantis, dass nur eine Handvoll der derzeit 400 Angestellten der Sparte Finanzprodukte für die Kreditausfallversicherungen verantwortlich war, die zu den Verlusten geführt hatten. „Die meisten, die dafür verantwortlich waren, haben das Unternehmen verlassen und sind der öffentlichen Empörung auffallend entkommen“, schrieb DeSantis. DeSantis will seinen Bonus von rund 720 000 Dollar nach Steuern nun nicht wie vom New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo gefordert, zurückgeben, sondern wohltätigen Zwecken spenden. Auch Vorstandschef Liddy hatte in der Anhörung die Mitarbeiter der Sparte zur freiwilligen Rückgabe der Hälfte ihrer Halteprämien aufgefordert. Angesichts des öffentlichen Drucks sind viele Manager dem Aufruf gefolgt. Nach Angaben von Generalstaatsanwalt Cuomo belaufen sich die Rückzahlungen auf mehr als 50 Millionen Dollar. In den vergangenen Tagen waren auch Namen von Angestellten publik geworden. Dies hatte zu Demonstrationen vor deren Häusern geführt, die vorsichtshalber von privaten Sicherheitsdiensten geschützt wurden.
AIG-Sprecher: Abgänge „unter Kontrolle“
Berichten zufolge haben in den vergangenen Tagen neben DeSantis auch andere Mitarbeiter ihre Kündigung eingereicht. Vorstandschef Liddy hatte schon davor gewarnt, dass eine Abwanderung zu vieler Angestellter negative Folgen für AIG haben könnte. Mit den Halteprämien wollte sich AIG sich erfahrene Mitarbeiter sichern, damit es nicht zum „unkontrollierten Kollaps“ der Sparte komme. Nach eigenen Angaben stehen bei AIG offene Kontrakte für Derivate im Volumen von 1,6 Billionen Dollar aus. Derivate sind von herkömmlichen Wertpapieren wie Aktien oder Anleihen abgeleitete Finanzinstrumente. Ein Sprecher sagte aber, die Lage im Geschäftsbereich Finanzprodukte sei trotz der Abgänge „unter Kontrolle“.
Dem „Wall Street Journal“ zufolge haben auch zwei Spitzenmanager einer Tochtergesellschaft in Paris, der Banque AIG, ihren Rücktritt erklärt. Sollten die Manager nicht zur Zufriedenheit der Finanzaufsicht ersetzt werden, könnten die Franzosen einen eigenen Vertreter mit der Führung der Bank beauftragen. Das würde eine Vertragsverletzung für ausstehende Transaktionen im Volumen von 234 Milliarden Dollar bedeuten. Möglicherweise brauchen dann europäische Banken, die die Kontrakte mit AIG eingegangen sind, zusätzliches Kapital, um sich gegen Verluste abzusichern, hieß es bei AIG.
Das Repräsentantenhaus in Washington hatte in der vergangenen Woche als Reaktion auf die AIG-Boni eine Strafsteuer für Bonuszahlungen bei Unternehmen beschlossen, die staatliche Hilfe erhalten. Der Senat berät über ein ähnliches Gesetz. Nachdem Präsident Obama allerdings Vorbehalte gegen die Sondersteuer geäußert hatte und viele Boni zurückgezahlt wurden, haben die Anstrengungen im Senat nachgelassen. Eine Abstimmung über einen Entwurf wird jetzt nicht vor Mitte April erwartet.
„Liebe A.I.G., ich spende mein Gehalt und kündige“
Jake DeSantis leitete den Bereich Rohstoffe im Versicherungskonzern AIG. Am 16. März hat er eine Vergütung von 742 006,40 Dollar nach Steuern für das abgelaufene Jahr bekommen. DeSantis veröffentlichte folgenden offenen Brief an den AIG-Vorstandsvorsitzenden Edward Liddy in der „New York Times“:
„Sehr geehrter Mister Liddy, mit tiefem Bedauern reiche ich meine Kündigung bei A.I.G Financial Products ein. . . . Ich bin stolz auf alles, was ich für die Abteilungen Rohstoffe und Aktien bei A.I.G.-F.P. getan habe. Ich hatte in keinster Weise mit den Transaktionen bei Kreditausfallversicherungen zu tun, die A.I.G. gelähmt haben. . . . Die meisten, die dafür verantwortlich waren, haben das Unternehmen verlassen und sind der öffentlichen Empörung entkommen.
Nach 12 Monaten harter Arbeit - während deren A.I.G. uns oft versicherte, dass wir im März 2009 belohnt würden - sind wir in der Sparte Finanzprodukte von A.I.G. betrogen worden und werden auf unfaire Art von gewählten Amtsträgern verfolgt. Als Reaktion darauf werde ich das Unternehmen verlassen und meine gesamte Nachsteuer-Halteprämie an jene spenden, die unter der globalen Rezession leiden. . . .
Die Profitabilität der Geschäfte, mit denen ich zu tun hatte, hat meine Vergütung klar gerechtfertigt. Ich habe nie irgendeinen Lohn erhalten, der aus den Kreditversicherungen resultierte, die jetzt so viel Geld verlieren. Ich habe wegen dieser Verluste allerdings, wie viele andere hier, einen bedeutenden Teil meiner Ersparnisse verloren, die als betriebliche Pensionszusage in Kapital von A.I.G.-F.P. investiert waren . . . .
Weil die meisten von uns nichts Falsches getan haben, sind Schuldgefühle kein Beweggrund, unser Gehalt aufzugeben. . . . Keiner von uns sollte mehr um seinen Lohn betrogen werden, wie kein Klempner, der Rohre repariert hat, betrogen werden sollte, wenn ein unachtsamer Elektriker danach ein Feuer verursacht, wegen dessen das ganze Haus abbrennt . . . .
Die einzig echte Motivation, die jetzt jeder bei A.I.G.-F.P. hat, ist Angst. Mister Cuomo (der Generalstaatsanwalt von New York) hat mit der Anprangerung von Namen gedroht, und sein Amtskollege in Connecticut, Richard Blumenthal, hat ähnliche Drohungen ausgestoßen - obwohl Generalstaatsanwälte für Rechtsstaatlichkeit stehen, Prozesse vor Gericht und nicht über die Medien führen sollten.
Mister Liddy, ich weiß nicht, wie Sie meine Kündigung aufnehmen, aber zumindest Generalstaatsanwalt Blumenthal sollte erleichtert sein, dass ich von selber gehe und nicht 'zur Tür hinausgeworfen‘ werden muss.“
Mit freundlichen Grüßen
Jake DeSantis
Öffentliche Empörung und Menschenjagd.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 26.03.2009, 20:33 Uhr
@ Karl-Heinz Andresen
Michael Puschendorf (micha_p)
- 26.03.2009, 21:04 Uhr
Das Wort „Halteprämie“ fasziniert mich immer wieder
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 26.03.2009, 21:32 Uhr
Der Suendenbock ist gefunden, der Mob angeheizt
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 26.03.2009, 21:52 Uhr
Vernichtende Folgen
gisbert heimes (gisbert4)
- 26.03.2009, 22:58 Uhr