02.01.2009 · Die Autoindustrie hat ein schwarzes Jahr hinter sich, und die bevorstehende Messe in Detroit steht unter miserablen Vorzeichen. Einige Hersteller wollen ganz wegbleiben. Und auch die Aussteller bleiben bescheiden: Sparen ist angesagt.
Von Roland LindnerVor einem Jahr saß das Geld noch locker: Der amerikanische Chrysler-Konzern scheute keinen Aufwand, um bei der Automesse in Detroit die neue Version seines Pick-up-Transporters Dodge Ram vorzustellen. Chrysler hatte dazu eigens eine Herde mit 120 Longhornrindern aus dem Bundesstaat Oklahoma mehr als 1000 Kilometer nach Detroit karren lassen. Die imposanten Rinder marschierten zusammen mit dem neuen Auto vor der Messehalle in Detroit auf, die Bilder von dem spektakulären Auftritt der Herde gingen um die Welt.
Mit solch aufwendigen Inszenierungen ist erst einmal Schluss: Die diesjährige North American International Auto Show (NAIAS), die am 11. Januar beginnt, wird sich in einem viel bescheideneren Rahmen abspielen als die Veranstaltungen der Vergangenheit. Statt Partylaune ist Weltuntergangsstimmung angesagt, denn die Branche hat ein miserables Jahr hinter sich.
Die Krise betrifft alle
Die Wirtschaftskrise hat das Autogeschäft in allen großen Märkten der Welt einbrechen lassen. Die drei amerikanischen Hersteller General Motors, Ford und Chrysler haben geradezu demütigende Wochen hinter sich: Sie bettelten bei der amerikanischen Regierung um Staatskredite, weil eine rasant schrumpfende Liquiditätsdecke sie bedrohlich nahe an die Insolvenz brachte.
Nach langem politischen Hin und Her bekamen die beiden größten Krisenfälle General Motors und Chrysler vom noch amtierenden Präsidenten George W. Bush eine Summe von 17,4 Milliarden Dollar zugesprochen, damit sie sich überhaupt ins neue Jahr hinüberretten konnten.
Die Krise geht indessen weit über die seit Jahren angeschlagenen amerikanischen Hersteller hinaus: Deutsche Hersteller wie Daimler, BMW oder Volkswagen sehen sich wegen schlechter Geschäfte gezwungen, ihre Produktion zu drosseln. Der japanische Toyota-Konzern, der bislang stets als Musterknabe der Branche galt, warnte vor wenigen Tagen vor einem Verlust im laufenden Geschäftsjahr.
Autohersteller verzichten
Die Misere zwingt die Unternehmen zum Sparen, und das wird auf der Messe in Detroit deutlich zu spüren sein: Eine ganze Reihe von Herstellern wird diesmal auf einen Auftritt bei der ersten großen Automesse des Jahres verzichten. Der prominenteste Ausfall ist der drittgrößte japanische Hersteller Nissan, der vor wenigen Wochen überraschend sein Fernbleiben in Detroit ankündigte und zur Begründung auf das wirtschaftliche Umfeld verwies.
Fehlen werden auch die japanischen Wettbewerber Mitsubishi und Suzuki sowie mehrere große Namen aus dem Luxussegment, darunter Ferrari, Land Rover sowie die BMW-Tochtergesellschaft Rolls-Royce. Der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche zog sich schon im vergangenen Jahr aus Detroit zurück und wird auch diesmal nicht vertreten sein.
Einige andere Hersteller kommen zwar nach Detroit, schrauben aber ihr Engagement zurück: So hat Honda die für die meisten Hersteller übliche Pressekonferenz zur Vorstellung von Neuheiten diesmal gestrichen. Bei Toyota wird Vorstandsvorsitzender Katsuaki Watanabe entgegen ursprünglicher Planung nicht nach Detroit reisen.
Präsentationen auf Sparflamme
Die einheimischen Hersteller General Motors, Ford und Chrysler wollen trotz ihrer prekären Lage auf die Veranstaltung nicht verzichten. Die Messe ist schließlich ihr Heimspiel, alle drei Unternehmen kommen aus Detroit und Umgebung.
Gleichwohl wird es in diesem Jahr Abstriche geben, vor allem beim Rahmenprogramm. So lässt General Motors die sonst am Vorabend des Messebeginns ausgetragene Veranstaltung „GM Style“ ausfallen. Für die Show hatte der Konzern in den vergangenen Jahren hochkarätige Stars wie Kid Rock, Jay-Z oder Jennifer Hudson engagiert. Auch an der Gestaltung des Messestandes will General Motors in diesem Jahr sparen, zum Beispiel indem die Böden mit Teppichen anstelle von teurerem Parkett ausgelegt werden.
Chrysler wird mit seiner Tradition brechen, die Feuerwache gegenüber der Messehalle anzumieten und zur Kneipe umzufunktionieren. In der Vergangenheit hat Chrysler hier die Messebesucher gratis mit Bier und Hamburgern bewirtet. Auch die gerade von Chrysler gewohnten spektakulären Pressekonferenzen wie bei der Vorstellung des Dodge Ram im vergangenen Jahr dürften diesmal wohl eher nüchternen Präsentationen weichen.
Plötzlich haben die Chinesen in der Haupthalle Platz
Der Sparzwang der Autohersteller ist ein schwerer Schlag für die einheimischen Unternehmer in Detroit, für die die Messe eine wichtige Einnahmequelle ist. Handwerksbetriebe und Partyservice-Unternehmen klagen, dass sie in diesem Jahr viel weniger Aufträge haben. In der Vergangenheit hat die Automesse nach Angaben der Veranstalter jedes Jahr rund 500 Millionen Dollar in die lokale Wirtschaft von Detroit gepumpt. Es gibt Schätzungen, wonach es diesmal nur 350 Millionen Dollar werden könnten.
Die Serie von Absagen wird dafür sorgen, dass in die etwas starre Besetzung der vergangenen Jahre in der Messehalle des Cobo Center Bewegung kommt. Zum ersten Mal werden sich in diesem Jahr chinesische Hersteller wie Byd Auto und Brilliance in der Haupthalle finden. In den vergangenen Jahren mussten sich die Chinesen noch mit Ständen im Eingangsbereich des Cobo Center oder in Nebenhallen begnügen.
Trotz des bescheideneren Auftritts der Hersteller werden in Detroit einige mit Spannung erwartete neue Modelle vorgestellt werden. So will Ford die neue Version seines früheren Erfolgsmodells Taurus präsentieren, das einmal viele Jahre lang das meistverkaufte Personenauto in Amerika war. Toyota wird die nächste Generation seines erfolgreichen Hybrid-Modells Prius zeigen.
Die Messe verliert an Bedeutung
Insgesamt stehen in Detroit nach Angaben der Messeveranstalter in diesem Jahr 45 bis 50 Neuheiten auf dem Programm. Das wäre etwas weniger als im Vorjahr, als 58 Modelle enthüllt wurden.
Die Auto Show in Detroit hat in den vergangenen Jahren allgemein an Bedeutung verloren. Sie gilt zwar noch immer als herausragender Branchentreff in Amerika, allerdings ist die im Herbst stattfindende Automesse in Los Angeles zu einem immer wichtigeren Wettbewerber geworden.
Auch bei den Besucherzahlen konnte Detroit zuletzt nicht an frühere Spitzenwerte anknüpfen. Im vergangenen Jahr kamen gut 700.000 Besucher zu der Veranstaltung. Den Rekord erreichte die Messe im Jahr 2003 mit mehr als 800.000 Besuchern.