11.03.2009 · Die Autohändler jubeln: Abwrackboom! Sonderkonjunktur! Doch viele Gebrauchtwagenhändler, die ihr Geschäft mit älteren Autos machen, schimpfen wie die Rohrspatzen über die Merkel-Subvention. FAZ.NET war bei den Abwrack-Verlierern zu Besuch.
Von Nadine BösDaniel Smit hat ein neues Lieblingswort: „Kaputt.“ Für ihn ist in letzter Zeit einfach alles „kaputt“ - die Preise, der Markt, ja sogar die Kunden. Mit ausladenden Gesten zeigt er auf die Autos auf seinem Hof, auf den grauen VW Golf und den roten BMW. „Wieviel sollen wir denn noch runtergehen mit den Preisen?“, fragt er. „Wie sollen wir es den Leuten denn noch recht machen?“
Erst in diesem Januar hat Daniel Smit den Gebrauchtwagenhandel „Smit Automobile“ in Darmstadt von seinem Vater übernommen. Zweieinhalb bis drei Millionen Euro Umsatz machen sie hier im Jahr - normalerweise. Für 2009 rechnen sie mit einem Einbruch um die 40 Prozent. Kein guter Moment, um Juniorchef zu werden. Vater Darko Smit fand trotzdem, dass es an der Zeit war. „Der Junge macht das schon.“
„Woher soll ich die Autos nehmen?“
Bloß wie? Das wissen sie beide nicht so recht. Als wären Wirtschaftskrise und Nachfrageeinbruch im Mittel- und Oberklassesegment nicht schon schlimm genug, fürchten sie sich nun davor, die Verlierer der Abwrackprämie zu werden. „Wer ein Auto haben will, der hat jetzt zugeschlagen“, sagt Daniel Smit. Leider nicht unbedingt nur bei ihm. Seine Jahreswagen sind im Februar zwar weggegangen wie warme Semmeln. Inzwischen hat er aber keinen einzigen Jahreswagen mehr auf dem Hof. „Natürlich bemühe ich mich noch immer für die Kunden prämienfähige Wagen zu organisieren, wo immer ich kann“, sagt er. Doch der Markt ist leergefegt. „Woher soll ich die Autos nehmen?“
Was auf dem Hof zurückbleibt, sind die restlichen Gebrauchtwagen. Bei denen bleibt ihm eigentlich nichts anderes übrig, als die Preise den neuen Gegebenheiten anzupassen, soweit es eben geht. Aber ob sich Käufer finden werden, steht trotzdem in den Sternen. Seniorchef Darko Smit blickt mit äußerst gemischten Gefühlen in die Zukunft: „Was kommt da in nächster Zeit auf uns zu?“ fragt er. „Wer kauft sich in fünf oder sechs Monaten noch einen Gebrauchtwagen? Und zu welchem Preis?“
Ein „Dilemma“
Einige Marktbeobachter fürchten schon länger, dass die Abwrackprämie für die Gebrauchtwagenhändler zu einer mittleren Katastrophe werden könnte. Die Bonner Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners hat sich in einer Studie mit den Auswirkungen beschäftigt. Die Prämie werde für die Gebrauchtwagenhändler zum „Dilemma“, lautet das Fazit der Untersuchung. „Die Möglichkeit, durch höhere Rabatte das Gebrauchtwagengeschäft am Leben zu halten und die staatliche Subvention auszugleichen, zieht die ohnehin schon knappen Margen oft in den roten Bereich.“ Die dünne Eigenkapitaldecke der meisten Händlerbetriebe könne dann unweigerlich in die Insolvenz führen. „Aber auch die zweite Option, ein Aussitzen der Situation, ist aufgrund der Betriebsfixkosten, der variablen Kosten für Pflege und Instandhaltung sowie der Kapitalkosten längerfristig nicht durchführbar.“
Martin Gehring, Autoexperte bei Simon Kucher, hält deshalb die Gebrauchtwagenhändler für „die großen Verlierer der Abwrackprämie“. Besonders bitter sei das, weil sie „ohne diese Marktverzerrung“ zu den Krisengewinnern gehört hätten. „Jetzt kriege ich als Kunde mehr Auto fürs Geld, wenn ich mir einen Neuwagen kaufe“, sagt er. „Als Gebrauchtwagenhändler kann ich zwar mit meinen Preisen runter gehen, aber sicherlich nicht um die vollen 2500 Euro. Das ist mit Blick auf die Marge fast unmöglich - und gefährdet außerdem das langfristige Preisniveau.“
Glück im Unglück
Darko Smit glaubt, er und sein Sohn hätten noch Glück im Unglück: „Uns gehört zumindest unser Grundstück, wir haben alle Schulden abgezahlt“, sagt er. „Wenn wir jetzt noch einen Grundstückskredit am Hals hätten, wäre der Laden wahrscheinlich längst dicht.“ Einige Händler im umliegenden Industriegebiet stünden längst am Abgrund. „Das sind ganz schwere Zeiten.“
Viele Händler in der Gegend bestätigen das hinter vorgehaltener Hand, wollen ihre Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen. „Die Leute kaufen Neuwagen, Neuwagen, Neuwagen“, jammert einer von Smits Nachbarn. „Wir bleiben auf der Strecke. Erst letzte Woche hat hier im Viertel der erste Betrieb die Tore für immer geschlossen.“ Ein anderer klagt: „Der Februar war ganz schlecht. Wir können nur hoffen, dass irgendwann Ende ist mit diesem ganzen Prämien-Spuk.“ Man könne gar nicht mehr weiter runter gehen mit den Preisen, ohne kaputt zu gehen. Aber man könne auch nichts verkaufen, ohne mit den Preisen runterzugehen. „Ein Teufelskreis.“
Schwacke sieht noch keinen Restwerteverfall
In harten Zahlen bestätigt sich indes noch nicht, dass die Restwerte der Gebrauchtwagen verfallen. Im Gegenteil: Bei der Eurotax Schwacke GmbH, wo die berühmten Schwacke-Listen über die Restwerte von Gebrauchtfahrzeugen erstellt werden, können die Analysten wenn überhaupt nur positive Effekte der Abwrackprämie erkennen. Die Prämie führe zu tendenziell stabileren Restwerten - in erster Linie bei den Jahreswagen. Mittelbar wirke sich dies aber auch positiv auf die anderen Altersklassen aus.
„Möglicherweise hat das psychologische Gründe“, glaubt Peer Günther, Mitglied der Geschäftsleitung des Autoauktionshauses BCA. „Wegen der Abwrackprämie befassen sich die Deutschen endlich mal wieder mit dem Thema Autokauf - selbst wenn sie keinen Wagen zum Verschrotten zu Hause haben.“ Bei den Auktionen konnte die BCA ähnlich wie Schwacke bislang keinen Restwerteverfall der Gebrauchtwagen beobachten. „Die Preise, die wir erzielen, zeigen: Die Restwerte der Jahreswagen sind um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Aber auch die älteren, nicht prämienberechtigten Gebrauchtwagen, sind keineswegs in ein tiefes Loch gefallen.“
„Es wird schon irgendwie weitergehen“
Also alles nur grundloses Gejammer der Gebrauchtwagenhändler? Berater Martin Gehring sagt: Nein. Er glaubt den Betroffenen, dass sie in Nöten sind - auch wenn sich der Preisverfall in offiziellen Zahlen noch nicht widerspiegelt. Das ganze sei ein schleichender Prozess, der erst nach und nach offensichtlich werde, sagt er. Außerdem seien viele Zahlen durch die Vermischung von Inlands- und Exporthandel sowieso nicht aussagekräftig. So lange die Prämie laufe, müssten sich viele Gebrauchtwagenhändler mit einer Durststrecke abfinden - und auch noch danach, davon ist Gehring überzeugt. „Denn dann greift der Vorzieheffekt. Wer ein neues Auto braucht, der nimmt jetzt die Prämie mit und kauft nicht im Herbst.“
Junghändler Daniel Smit sieht das genauso. Zu viel wehklagen will er trotzdem nicht. „Wir haben schon immer Qualität geboten und unsere Kunden wissen das. Es wird schon irgendwie weitergehen.“ Sein Vater hat da mehr Zweifel. „Ich frage mich schon länger, wo unser Platz ist in einem vollkommen übersättigten Markt“, sagt er. Wenn es hart auf hart komme, dann müsse sein Sohn halt etwas anderes machen. „Schließlich ist er ja kein Depp.“