05.12.2009 · Sindelfingen ist mit Daimler reich geworden. Seit einiger Zeit aber macht Daimler Sindelfingen arm. Nun kommt auch noch die C-Klasse abhanden. Susanne Preuß ist nach Sindelfingen gefahren und hat mit den Menschen dort gesprochen - mit Kirchgängern, Boutiquebesitzern und mit dem Oberbürgermeister.
Von Susanne PreußDie C-Klasse ist überall in Sindelfingen. Es reicht ein Wort, und schon sprudelt es los. Beim Arzt im Wartezimmer, wo die Tageszeitung ausliegt mit Details über die Verlagerungspläne für das Mercedes-Modell. In der Kirche, wo der Jugendbetreuer stirnrunzelnd mit der Pfarrerin diskutiert, ob es ein Fehler war, in Sindelfingen eine Wohnung zu kaufen. Und auch bei Michaela Hack, die in der Innenstadt eine Boutique betreibt. „Jeder spricht davon“, berichtet sie. „Es geht uns doch alle an. Viele haben Angst.“
Angst? Auch ihre Klientel? Kundinnen, die mal eben für eine Handtasche von Cartier 1400 Euro berappen? Die Unternehmerin nickt, will lieber nicht ins Detail gehen, um die Kundschaft nicht zu verletzen, aber es wird schon klar: Ein dicker Geldbeutel schützt nicht vor der Angst. Mal zurückhaltend und eher diffus, mal in wütende Parolen gepackt, ist es überall zu spüren: das Unbehagen, dass es mit Mercedes bergab gehen wird, wenn die C-Klasse nicht mehr hier gebaut wird, das meistverkaufte aller Mercedes-Modelle. Tag für Tag können die Arbeiter in Sindelfingen 660 Autos dieses Modells produzieren, so viele, dass ein riesiger Supermarkt-Parkplatz damit vollgestellt werden könnte. Aber nur noch bis 2014.
„Zetsche muss weg“, rufen die Mitarbeiter
Man hat wohl so etwas geahnt bei Daimler in der Konzernzentrale, als der Vorstand diese Woche den Beschluss fällt, der Sindelfingen in Rage bringt. Es handele sich um eine „hoch-emotionale Angelegenheit“, heißt es in der Pressemitteilung, und die gute Nachricht wird zu den Verlagerungsplänen gleich mitgeliefert: Entlassungen werde es nicht geben, man werde für Ersatzarbeitsplätze sorgen, und zwar für attraktive. Für Details aber hat keiner den Nerv. „Zetsche muss weg“, rufen die Mitarbeiter, die zu Tausenden zu den Informationsveranstaltungen des Betriebsrats strömen. Und Eberhard Haller, der eigentlich beliebte Werkleiter, wird ausgebuht, als er bekräftigt, es werde keine Kündigungen geben.
In Sindelfingen sind rund 15.000 Daimler-Mitarbeiter in die Stadt gezogen, um ihrem Unmut gegen den Abzug der C-Klase-Produktion Luft zu verschaffen.
Man glaubt dem Management nicht mehr. Immer und immer wieder haben die Mercedes-Mitarbeiter in Sindelfingen von ihren legendären Privilegien abgegeben, um ihre Arbeit zu behalten. Jetzt soll all das umsonst gewesen sein, weil der Dollar schwach ist und der Gouverneur von Alabama aus dem Subventionstopf einen dreistelligen Millionenbetrag für das Werk Tuscaloosa ausgießt.
Sindelfingen ist Mercedes
Was die Mercedes-Arbeiter so aufbringt, trifft auch die Stadt, denn Sindelfingen ist Mercedes. Oft haben schon der Großvater und der Vater für gutes Geld die Autos mit dem Stern gebaut, oder man hat indirekt von dem Konzern gelebt, als Hotelier, als Bäcker, als Putzfrau. Jeder hier hat irgendwie mit dem Unternehmen zu tun, das die Hälfte des Stadtplans für seine Fabriken braucht.
Schon seit bald hundert Jahren ist das so. Im Sommer 1914 bewilligte der Gemeinderat den Verkauf von Grundstücken für einen Flugplatz, forderte im Gegenzug von der Militärverwaltung Unterstützung bei der Ansiedlung von Industrie und bekam prompt den Zuschlag für ein Werk von Daimler. Alles musste ganz schnell gehen, denn in diesem Weltkrieg, in dem erstmals Flugzeuge als Waffe eingesetzt wurden, waren die Produkte von Daimler gefragt wie sonst kaum etwas: Flugzeuge. Drei Jahre später schon hatte das Daimler-Werk 5700 Mitarbeiter, etwas mehr, als Sindelfingen Einwohner hatte. Zum Vergleich: Heute hat Sindelfingen gut 60.000 Einwohner und 57.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer, wobei das Mercedes-Werk mit 29.000 Beschäftigten immer noch dominierend ist.
Den ersten wirtschaftlichen Absturz ihres wichtigsten Arbeitgebers erlebten die Sindelfinger gleich nach dem Ersten Weltkrieg: „Daimler durfte keine Flugzeuge mehr bauen und auch keine Motoren“, berichtet Horst Zecha, der sich als Kulturamtsleiter der Stadt Sindelfingen in allen Facetten dieser eigentümlichen Beziehung von Stadt und Stern auskennt: „Man hielt sich daher mit Möbelproduktion über Wasser.“
Paradiesische Zustände in Wirtschaftswunderzeiten
Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg aber brachte Sindelfingen paradiesische Zustände. Von Daimler wurden die Autos produziert, die als Statussymbol in aller Welt begehrt waren. Das Werk wuchs, die Stadt im Gleichschritt mit und die Steuereinnahmen erst recht. Die Bürgermeister wussten nicht, wohin mit dem Geld, Bittsteller verließen das Rathaus oft mit größeren Gaben als gefordert, und was immer in Angriff genommen wurde, es war besser, schöner und teurer als in anderen Städten. Fachwerkhäuser wurden abgerissen, damit eines der ersten Einkaufszentren Deutschlands gebaut werden konnte, man leistete sich eine Musikbibliothek wie sonst wohl nur Hochschulen, das Badezentrum brauchte Wettkampfbecken im Freien und in der Halle, und eine vom Stararchitekten Günther Behnisch geplante Sporthalle mit mehr als 5000 Zuschauerplätzen bekam sinnigerweise den Namen „Glaspalast“.
All diese Errungenschaften sind noch da. Manche sind schon so heruntergekommen, dass sie als Schandfleck empfunden werden, anderen steht dieses Schicksal bevor, weil die Erhaltungsinvestitionen gestoppt sind: Heute ist Sindelfingen finanziell am Ende. Während die Stadt noch in den achtziger Jahren bis zu 136 Millionen Euro Gewerbesteuer im Jahr kassierte, stand in diesem Sommer ein Minus von 14 Millionen Euro in jener Spalte des Haushalts, die normalerweise die Haupteinnahmequelle einer Kommune markiert. Seit Ende 2007 musste Sindelfingen 86 Millionen Euro Gewerbesteuer an Daimler zurückzahlen - warum, weiß niemand so genau, und auch nicht, ob noch weitere böse Überraschungen drohen könnten.
So dominant ist Daimler, dass andere Betriebe kaum gedeihen
Die Krise lässt wenig Gutes erwarten. Seit einem Jahr sind weite Teile der Mercedes-Belegschaft in Kurzarbeit, das erste Halbjahr hat der Konzern mit tiefroten Zahlen abgeschlossen. Selbst der VW-Händler habe in letzter Zeit mehr Steuern bezahlt als Daimler, verrät Finanzbürgermeister Helmut Riegger ein Geheimnis, das keines ist. Das Dilemma ist mittlerweile für alle ersichtlich: So dominant ist Daimler, dass andere Betriebe hier gar nicht gedeihen konnten, schon mangels Gewerbefläche. Nur 20 Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten zählt die Stadt, darunter das Breuningerland, das dank der zahlungskräftigen Kundschaft mit seinem Sortiment die Shoppingmalls mancher Großstadt toppt, aber auch große Hotels wie Marriott oder Mercure, die von den Daimler-Geschäftsreisen leben.
„Wir hätten besser schon zehn Jahre früher angefangen“, sagt Olaf Krüger, Geschäftsführer der erst vor eineinhalb Jahren gegründeten Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Er versucht jetzt, das uralte Traditionsgewerbe von Sindelfingen, die Modebranche, durch eine Ansiedlung wiederzubeleben, und hofft darauf, dass die Clusterinitiative Luft- und Raumfahrt dem früheren Militärflughafen als Wirtschaftsstandort neuen Auftrieb gibt. Ausgestattet mit sechseinhalb Jahren Erfahrung in der Wirtschaftsförderung des ungleich schwierigeren Standorts Lübeck, sagt Krüger, er blicke „mit Respekt und neidvoll“ auf die Region, vor allem auf die gigantische Dichte an Forschungseinrichtungen. Neben Daimler mit gut 8000 Mitarbeitern im Sindelfinger Mercedes Technology Center haben im Landkreis Böblingen auch Porsche, IBM und demnächst Bosch Forschungs- und Entwicklungszentren.
Die Finanzmisere von Sindelfingen löst das allerdings nicht. Die Suppe auslöffeln muss allen voran Oberbürgermeister Bernd Vöhringer, der, gerade erst 40 Jahre alt, in diesem Sommer schon für seine zweite Amtsperiode gewählt wurde. Mit einer Wahlbeteiligung von weniger als 30 Prozent signalisierten die Sindelfinger ihre Skepsis, ob Vöhringer den Herausforderungen gewachsen ist. Einen originellen Versuch immerhin hat der gebürtige Sindelfinger begonnen und vor wenigen Wochen der beinahe gleich großen Nachbarstadt Böblingen die Fusion angeboten. Doch dort, wo die Lage zwar auch nicht rosig ist, die Wirtschaftsstruktur aber mehr Stabilität verspricht, ist man eher empört über das Ansinnen als verhandlungsbereit. So blieb dem Oberbürgermeister keine Wahl, als dem Gemeinderat dieser Tage die typische „Giftliste“ vorzulegen, die vor allem den Verzicht auf Erhaltungsinvestitionen bei den einstigen Luxusbauten beinhaltet und, sehr zum Verdruss der Bürger, die Kürzung von Angeboten für Kinder.
Vom Segen zum Fluch?
Wird Daimler nun, nach so vielen Jahren, zum Fluch für Sindelfingen? „Irgendwann kommt alles zum Abschluss“, sagt Kulturamtsleiter Horst Zecha mit der Nüchternheit eines Wissenschaftlers: „Das Auto ist ja ohnehin nicht in alle Zukunft hinein denkbar.“ Was Sindelfingen wäre ohne Daimler, sei schwer vorstellbar, räumt Zecha ein. Ob der schnellen Entwicklung habe manches sich nicht so entwickeln können wie in anderen Städten, bürgerschaftliches Engagement beispielsweise.
Nicht nur die fehlende Verwurzelung, auch der Reichtum der Stadt hat wohl die Bevölkerung träge werden lassen, mutmaßt Jutta Pflieger-Nolting: „Die Bürger haben die Verantwortung delegiert.“ Den kostenlosen Kindergarten und die Gratiskarten für den Schulbus hat man als selbstverständlich hingenommen, ebenso wie großartige Veranstaltungen mit Weltklassestars, die man für wenig Geld besuchen konnte, erinnert sich die 53 Jahre alte Sindelfingerin. Heute ist sie die stellvertretende Vorsitzende und die gute Seele der Bürgerstiftung Sindelfingen, deren Ziel es ist, die Stadt wieder lebens- und liebenswerter zu machen.
Immerhin 706.000 Euro Stiftungskapital sind nach zwei Jahren zusammengekommen, was nicht zuletzt dem Trommeln von Jürgen Hubbert zu verdanken ist. Der mittlerweile 70 Jahre alte „Mister Mercedes“ fing im Rentenalter erst so richtig an, die Stadt kennenzulernen, in der seine Familie zu Hause war, seit der gebürtige Westfale als junger Ingenieur seine Karriere in Sindelfingen startete. Nun geht es ihm so wie vielen anderen Stiftern: Sie wollen der Stadt etwas zurückgeben, der sie so viel verdanken. Genau diesen Gedanken hofft Jutta Pflieger-Nolting noch bei vielen anderen Vertretern der älteren Generation wecken zu können: „Es gibt so viele, die in den guten Jahren von Daimler profitiert haben, die gut verdient haben, die gute Schulen für ihre Kinder vorgefunden haben und eine weltoffene Stadt.“ Für die Kinder und Kindeskinder, die sich jetzt nicht mehr auf den guten Stern verlassen können, könnten sie jetzt als Stifter Gutes tun: „Ich betrachte das als eine Art Generationenvertrag.“