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Porsche und VW Einer lügt – oder nicht?

02.07.2009 ·  Der Kampf um die Macht bei Porsche und VW ist undurchschaubar geworden. Die Darstellungen der beiden Lager widersprechen sich. Am Ende könnte alles beim Alten bleiben. Doch vielleicht kommt auch alles ganz anders.

Von Susanne Preuß und Johannes Ritter
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Heute soll der große Tag sein, der Tag der Entscheidung im Fall Porsche/Volkswagen. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking werde seinen Rücktritt erklären oder auf das Angebot von VW eingehen. So verlautet aus dem Norden. Heute? Rücktritt? Bei Porsche gibt man sich ahnungslos. So geht das jeden Tag. Bruchstücke an Informationen werden dem Publikum vor die Füße geworfen. Zusammenpassen wollen sie irgendwie nicht. Oft widersprechen sie sich. „Einer lügt“, lautet nicht nur die Schlussfolgerung von Journalisten, sondern auch die Aussage manches Protagonisten über seinen Gegenspieler in diesem Ringen.

Es steht sehr viel auf dem Spiel, vor allem für Porsche. Der Sportwagenbauer hat sich mit dem Einstieg beim 30-mal größeren Volkswagen-Konzern übernommen und sucht nun händeringend nach einem Ausweg. Porsche-Chef Wiedeking setzt alle Hoffnung auf Qatar. Das Emirat soll sich über eine Kapitalerhöhung an der Porsche Holding SE beteiligen und dem Unternehmen zudem Optionen über mehr als ein Fünftel aller VW-Aktien abkaufen. Volkswagens mächtiger Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch dagegen sieht seine große Chance gekommen: Er will den Spieß umdrehen. Man werde den Stuttgartern mit drei, vier Milliarden Euro helfen, lockt er - indem VW knapp die Hälfte der Porsche AG kauft, in der das operative Sportwagengeschäft gebündelt ist.

Dauerfehde zwischen den Familienclans

Und nun? Die Vorstellung über die nächste Folge des Fortsetzungsromans VW/Porsche fällt unterschiedlich aus; je nachdem, wo man sich umhört. In Niedersachsen, also im Umfeld des VW-Konzerns und der Landesregierung, wird folgende Sicht verbreitet: Die Araber werden nicht bei der Porsche Holding einsteigen. Der Staatsfonds wolle nicht als Minderheitsaktionär in die Dauerfehde zwischen den Familienclans hineingezogen werden. Qatar wolle sich allenfalls an einem integrierten VW/Porsche-Konzern beteiligen, wobei das Kriegsbeil zwischen Wolfsburg und Stuttgart begraben werden und alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssten. „Am Einstieg bei der Porsche SE ist Qatar überhaupt nicht interessiert“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das hätten die Scheichs ganz klar gesagt.

In Stuttgart wird die Lage ganz anders beschrieben: „Uns liegt ein Angebot der Qatar Investment Authority vor, das den Einstieg bei der Porsche Holding SE beschreibt und den Kauf der Optionen auf VW-Aktien“, sagt Porsche-Sprecher Anton Hunger. Die Gegenseite hält dies für einen Bluff. Qatar habe Wiedeking sogar schriftlich darüber informiert, dass man sich nicht an der Porsche SE beteiligen werde, heißt es in Niedersachsen. Und es wird noch ein wenig gestichelt: Möglicherweise habe Wiedeking diese Information nicht an Wolfgang Porsche weitergereicht. Sobald Wiedeking Farbe bekenne, was noch in dieser Woche der Fall sein könnte, seien seine Tage als Porsche-Chef gezählt. Lügt da jemand? Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Wiedeking sich dieser Tage gar nicht wie jemand verhält, der um seinen Job fürchtet. Am Wochenende gab er Interviews, in denen er selbstbewusst seinen Beharrungswillen an der Porsche-Spitze unterstrich.

„Ich sage die Wahrheit!“

In der Sache argumentiert Porsche, der von VW vorgeschlagene Verkauf eines Teils des Sportwagengeschäfts sei kein gangbarer Weg, weil das Bankenkonsortium sofort seinen Kredit über 10,75 Milliarden Euro fällig stellen würde. Die Gegenseite hält dieses Argument für lächerlich: Schließlich könnte Porsche nach dem Teilverkauf einen beträchtlichen Teil seiner Kredite zurückführen und den Rest - mit Rückendeckung des starken Partners VW - neu verhandeln.

Implizit wird Porsche-Sprecher Anton Hunger also unterstellt, er lüge - was den Porsche-Sprecher sehr erzürnt: „Ich sage die Wahrheit!“ Wer lügt dann? Die Investoren vielleicht? Gehört es zur Verhandlungstaktik der Araber, an allen Fronten gut Wetter zu machen? Man will vielleicht niemanden verprellen, schon gar nicht das Land Niedersachsen, das 20 Prozent von VW besitzt und mit Christian Wulff immerhin von einem Stellvertreter der deutschen Kanzlerin geführt wird.

Entgegensetzte Informationen analysieren

Apropos Wulff: Der gab jetzt zu Protokoll, dass er bis zum 100. Firmenjubiläum der VW-Tochtergesellschaft Audi am 16. Juli mit einem Ende des Streits rechnet. Bis dahin hielten VW und Porsche noch Aufsichtsratssitzungen ab, um über wichtige Zukunftsprojekte zu entscheiden. Porsche-Sprecher Hunger widerspricht: Die nächste Aufsichtsratssitzung der Porsche SE sei Ende Juli. Punkt.

Wer all diese diametral entgegensetzten Informationen in Ruhe analysiert und dabei auch den enormen Reputationsverlust einer etwaigen Falschaussage (vulgo: Lüge) vor Augen hat, könnte - rein spekulativ - auf folgende Lösung kommen: Qatar will tatsächlich nicht bei der Porsche Holding einsteigen, zum Beispiel weil man zu wenig Mitsprache bekäme und die Aktien nicht problemlos wieder abstoßen könnte. Um Porsche nicht vor den Kopf zu stoßen, haben die Araber trotzdem ein unverbindliches Angebot in Stuttgart abgegeben - allerdings zu Konditionen, die für die Familieneigner nicht akzeptabel sind. Ernsthaft interessiert ist Qatar hingegen an dem Erwerb der VW-Optionen. Wenn der Preis 20 Euro über dem Ausübungspreis der Optionen liegt, flössen an Porsche 1,2 Milliarden Euro, heißt es in Finanzkreisen.

Alles beim Alten

Das könnte erst mal reichen, um die größte Liquiditätsnot im Hause Porsche zu beseitigen. Und im Ringen um weitere Kredite hätte Porsche eine deutlich bessere Verhandlungsposition gegenüber den Geschäftsbanken, weil das beträchtliche Optionsrisiko vom Tisch wäre. Für zusätzliche Entlastung könnte eine kleinere Kapitalerhöhung sorgen, die allein von den Familien Porsche und Piëch sowie von den Vorzugsaktionären getragen wird.

Damit bliebe alles beim Alten, außer dass VW mit Qatar einen neuen Großaktionär bekäme, der in alle Richtungen einvernehmlich agieren will. Vielleicht kommt auch alles ganz anders. Und am Ende der ganzen Verwirrspiele wird man vergessen haben, wer wann welchen Teil der Wahrheit verschwiegen hat.

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