08.04.2009 · Der Cabrio-Spezialist Karmann hat Insolvenzantrag gestellt. Grund sei die drohende Zahlungsunfähigkeit angesichts bevorstehender finanzieller Verpflichtungen, teilte das Osnabrücker Unternehmen mit. Möglichst viele der 3470 Arbeitsplätze sollen in einer neu strukturierten Unternehmensgruppe gerettet werden.
Der Autozulieferer Karmann hat einen Insolvenzantrag gestellt. Grund sei die drohende Zahlungsunfähigkeit angesichts bevorstehender finanzieller Verpflichtungen, teilte das Unternehmen am Mittwoch in Osnabrück mit.
Der höher als erwartet ausgefallene Umsatzrückgang habe dazu geführt, dass ein mit den Arbeitnehmervertretern vereinbarter Interessenausgleich und Sozialplan infolge der im Vorjahr bekanntgegebenen Umbaupläne nicht mehr zu finanzieren sei.
„Praktisch frei von Bankkrediten“
Ein Sanierungskonzept vom September 2008 habe für 2009 noch ein ausgeglichenes Ergebnis vorgesehen. Das mehr als 100 Jahre alte Unternehmen sieht sich „im Kern sanierungsfähig“. „Karmann ist praktisch frei von Bankkrediten“, so der Cabrio-Spezialist.
Ziel sei es, gemeinsam mit dem vom Gericht zu bestellenden vorläufigen Insolvenzverwalter die neu strukturierte Karmann Unternehmensgruppe in eine gesicherte Zukunft zu führen und dabei so viele wie möglich der 3470 Arbeitsplätze zu erhalten.
Der Insolvenzantrag beziehe sich auf die Wilhelm Karmann GmbH mit Sitz in Osnabrück, betonte Karmann. Unmittelbar betroffen seien zudem die Automotive Global Service GmbH in Bissendorf, die Karmann Rheine GmbH & Co. KG in Rheine und Karmann Rheine Verwaltungs GmbH in Rheine.
Landesregierung bietet Gespräche an
Die niedersächsische Landesregierung reagierte mit Bestürzung auf die Insolvenz. „Das ist ein trauriger und ernster Tag“, sagte eine Sprecherin der Staatskanzlei in Hannover. Die Landesregierung stehe dem Betriebsrat für Gespräche zur Verfügung. Es bestehe die Chance auf eine Transfergesellschaft für die Beschäftigten. Die Autokrise habe die Situation bei Karmann noch einmal verschärft.
Karmann wollte zum Mai die Fahrzeugproduktion am Standort Osnabrück mit dem Mercedes CLK Cabrio komplett schließen. 1340 Mitarbeitern wurde daher betriebsbedingt gekündigt. In mehrmonatigen Sozialplanverhandlungen hatten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf die Einrichtung einer Transfergesellschaft geeinigt. Dieser Sozialplan könne nun nicht mehr finanziert werden, teilte Karmann mit. Die Mitarbeiter, die bereits dem Übergang in die Transfergesellschaft zugestimmt hätten, gehörten damit weiterhin der Wilhelm Karmann GmbH an. Die Mitarbeiter seien vor allem wütend. Am Donnerstag wolle der vom Amtsgericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter die Belegschaft informieren.
Vergangene Zeiten - der Karmann Ghia
Erst im September vergangenen Jahres hatte Karmann angekündigt, seine Kernsparte Auftragsfertigung zu schließen und 1700 Stellen zu streichen. Geplant war zu diesem Zeitpunkt, die Technische Entwicklung um 300 Mitarbeiter aufzustocken. Das Unternehmen wollte sich auch mit externen Planungsleistungen für die Fahrzeugproduktion und der Weiterentwicklung von Elektrofahrzeugen profilieren. Im Februar lief schließlich das letzte Audi A4-Cabriolet im Werk Rheine vom Band.
Der in den 50er Jahren durch den legendären Ghia bekanntgewordene Autobauer hatte sich seit längerem erfolglos um Aufträge für den Komplettfahrzeugbau bemüht. Im Sommer 2008 hatte es deshalb geheißen, die Eigentümer erwögen, das Osnabrücker Unternehmen zu verkaufen. Die Karmann-Eigentümer hätten die Investmentbank Rothschild sowie Georgieff Capital eingeschaltet. Karmann gehört zu jeweils einem Drittel den Familien Boll, Battenfeld und Karmann. Zuvor hatte die Firma einen herben Rückschlag erlitten, da Volkswagen die Fertigung für sein Golf Cabriolet nicht nach Osnabrück vergab.
Karmann erwirtschaftete noch im Jahr 2007 mit knapp 7000 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Geplant war für die Zukunft ein Umsatz von nur noch 500 Millionen Euro und ein Kern von 2400 Mitarbeitern weltweit.