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Autos Plötzlich kriegen alle das große Wracksausen

04.04.2009 ·  Manche beschworen schon das Ende des Autozeitalters. Vorbei. Der Deutsche kauft wieder neue Autos. Am liebsten mit der Abwrackprämie vom Staat. Szenen aus einem Land, das von und mit dem Auto lebt, das ohne Auto kaum kann, es aber nicht mehr zu lieben schien.

Von Wolfgang Peters
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Der Verkäufer des weitläufig angelegten VW-Autohauses hat Tränen in den Augen. Er wischt sich mit einem Taschentuch die Feuchtigkeit weg. Dann setzt er die Brille wieder auf und sagt nicht ohne Rührung, das habe er noch nie erlebt.

Dann berichtet er von dem großen Sturm. Dabei ist der Mann eher ein Veteran des Verkaufs als ein Anfänger. Er hat noch die letzten Käfer verkauft und dann den ersten Polo mit der Pappe in den Türen und den Golf I, von dem manche Partien schon im Prospekt zum Rosten neigten. Aber die Erfahrung aus den vergangenen vier, fünf Wochen, die möchte er nicht missen. Bis Ende Januar konnte er sich mit zwei Kollegen in dem properen Verkaufsraum neben müden Topfpflanzen für den Aufbaukurs „Russisch 2“ an der Volkshochschule vorbereiten. Kunden kamen keine. Dann sprach sich die Gewährung der Verschrottungsprämie herum, und vorbei war es mit Ruhe und Russisch.

Die Leute kaufen sogar den Fox - den wollte vorher keiner

„Wir haben neue Wartezonen für die Kunden eingerichtet, mit bequemen Stühlen und einem Automaten für Getränke, wir haben zehn Stunden am Tag verkauft, Formulare ausgefüllt und Preise berechnet, und als unser Bestand an Neu- und Vorführwagen knapp wurde, da haben wir mit Reservierungen gearbeitet, von befreundeten Händlern die Autos aus Italien und aus Frankreich zurückgeholt“, sagt der Mann und schaut über die Schulter zurück in den Verkaufsraum, wo, mit Einkaufstüten bewaffnet, zwei Frauen stehen, die erste Anzeichen von Ungeduld zeigen.

„Wir könnten noch mehr absetzen“, sagt der Mann, „aber wir sind leer geräumt. Wir haben jetzt keine Autos mehr. Aber wir kriegen bald neue, die Leute nehmen uns sogar den Fox ab, den wollte vorher keiner haben, aber der alte Polo, das ist der Renner, der Basis-Golf ist auch ausverkauft, die stärker motorisierten Modelle laufen noch nicht so toll“, das sagt der Mann, und dann wagt er einen Scherz, um sich wieder seinen Kunden zu widmen: „Alle kriegen jetzt das große Wracksausen.“

Manchen Kunden kommen beim Abschied die Tränen

Wer aus dem Fenster auf den Hof hinter dem Verkaufsraum blickt, mag auf den ersten Blick nicht an den Mangel glauben. Alles ist voll mit Autos. Aber es sind alte Kaleschen. So wie viele andere Autohändler, hat auch dieser in der süddeutschen Kleinstadt seinen privaten Schrottplatz hinter dem Werkstattgebäude. Ein kleiner Friedhof mit den vergessenen Träumen auf Rädern. Alles Autos, die gestern noch über die Straßen rollten. Jetzt sind sie verraten und verkauft. Reif für die Schrottpresse, die in wenigen Minuten aus einem lebenden Auto einen toten Materialwürfel macht. Mitunter kämen den Kunden beim Abschied die Tränen, berichtet der Verkäufer noch kurz und entschuldigt sich dann, weil seine Kollegen verzweifelt um Hilfe winken.

Das sind Szenen aus einem Land, das von und mit dem Auto lebt, das ohne Auto kaum kann, es aber nicht mehr zu lieben schien. Einsame Verkäufer in Autosalons, stürzende Statistiken zu Neuzulassungen und verzweifelte Autobosse, die um Arbeitsplätze, Boni und Margen bangten. Die Autokritiker sahen sich in ihren Mahnungen bestätigt, das Ende des Autozeitalters wurde beschworen.

Nun ist nicht alles, aber doch vieles ganz anders

Nun ist nicht alles, aber doch vieles ganz anders: Die Neuzulassungen explodieren mitten in einem wirtschaftlichen Umfeld, das wenig Anlass zum Optimismus gibt. Automodelle werden den Händlern aus den Händen gerissen, die noch vor wenigen Wochen auf dem Weg ins Depot des Vergessens waren. Die unerwartete Nachfrage zeigt allen Autokritikern die Rote Karte: Denn die angenommene Krise des Autos war eine reale Krise der Kunden.

Diesen waren die Tarife der Neuwagen weggelaufen, mit dem Sparen kamen sie nicht mehr nach, einen neuen Klein- oder Kompaktwagen für 12.000 Euro wollten oder konnten sie sich nicht mehr leisten, und weil die alte Karre noch (hustend und mitunter qualmend) ihre Dienste verrichtete und kaum Korrosion zeigte, blieb sie in der Familie. Und dann öffnete der Staat seine Steuertruhe, und die Menschen in diesem Land geraten in jene Verzückung, wie man sie nur von der Fußball-Weltmeisterschaft vor drei Jahren in Erinnerung hatte. Das vom Staat ausgelobte Geschenk an kaufwütige Autofahrer hat viele Namen: Verschrottungsprämie, Abwrackprämie, Umweltprämie. „Wie die das nennen“, sagt ein Mann, der mit einem sechzehn Jahre alten Fiat Uno vorfährt, „das ist mir egal.“ Das Auto zeigt Spuren des nachlässigen Gebrauchs.

Der Mann war noch nie zuvor in einem dieser Autosalons

Der Mann hat noch nie in seinem Leben ein neues Auto gekauft. Er war noch nie zuvor in einem dieser Autosalons. So fein hat er sich das nicht vorgestellt. Bisher hat er seine Autos bei einem Gebrauchtwagenhändler auf einem mit Kies bestreuten Grundstück an der Kreuzung für ein paar Hunderter übernommen. Dann hat er das Auto so lange gefahren, bis die Reparaturen kamen, und er hat es dann zum Ausschlachten gebracht.

Das Wort von der Schwellenangst ist ihm nicht bekannt. Aber jetzt steht er zwischen Büromöbeln aus Glas und Chrom und den aus tönernen Töpfen wachsenden Palmen. Es ist ein kleiner Tempel der Verführung. Wohlig klimatisiert ist der helle Raum, sanft klingt Musik aus unsichtbaren Lautsprechern, Sekretärinnen mit den schlanken Beinen von Schönheitsköniginnen wehen mit luftigen Kleidern und Stapeln von Kaufverträgen herein, es gibt Kaffee aus einem Automaten und Plätzchen auf Tellern. „Ja“, sagt der Mann, „warten muss man jetzt sogar beim Autohändler. Aber nicht so lange wie beim Orthopäden“, sagt er und greift sich ans linke Knie.

Nichts duftet feiner als jenes Geld, das man sich zurückholen kann vom Staat

Der Run auf die Autohäuser ist vor allem das Rennen einer Gruppe, die dem Staat bisher nur als eine Ansammlung von Kühen bekannt war, die man melken konnte. Es sind Autofahrer, die niemals in den Genuss von Abschreibungen oder Steuerermäßigungen oder Verlustvorträgen gekommen waren. Ihr Netto lag immer weit unter Brutto, und jetzt nehmen sie die Witterung auf: Nichts duftet feiner als jenes Geld, das man sich zurückholen kann vom Staat. Von diesem Staat, der keine Gelegenheit auslässt, Bier und Benzin, Zigaretten und Zigarren immer höher zu besteuern, der in alle Taschen greift, wo er nur kann. Diesem Staat etwas zu entreißen, das dieser besitzt, von dem aber jeder andere annimmt, dass es ohnehin zu viel ist und dass es sowieso ihm, dem Fahrer des alten Fiat, gehört, das muss ein wunderbares Gefühl sein.

Die ungebremste Gier nach der Umweltprämie ist auch das Phänomen einer Wirtschaft, die sich eine Kundschaft herangezogen hat, die nur noch nach Nachlässen und Rabatten fragt. Eine Gesellschaft der Schnäppchenjäger. Jeder hat Kundenkarten vom Bau- und Getränkemarkt oder vom Bäcker dabei, die elektronisch die Einkäufe speichern oder mit einem Stempel versehen werden. Nach einem halben Jahr des Einkaufens gibt es ein Schraubendreherset gratis, oder man kriegt eine Zuckerschnecke umsonst.

„Was hatten wir Ärger mit der Karre“

Alles keine wirklichen Einkommensverbesserungen, aber die Jagd nach „Zwanzig Prozent auf alles!“ hat die Beziehung zwischen Kunden und Verkäufer drastisch verändert. Keiner kauft mehr ohne das Gefühl, da müsse noch was gehen beim Preis, und jetzt hat der Staat ihr Flehen erhört. Ob es der Umwelt nun wirklich nützt, die mindestens neun Jahre alten Vehikel aus dem Verkehr zu ziehen, das weiß keiner. Aber behaupten können das die Politiker.

Dem Ehepaar, das mit dem 13 Jahre alten Rover 200 vorfährt, ist das egal. Die beiden sehen nicht so aus, als überwältige sie jetzt der Trennungsschmerz. Der rundliche Kompaktwagen sieht aus, als käme er direkt von dort, wo er jetzt hinsoll, am Ende aller Wege wartet der Schrottplatz. „Was hatten wir Ärger mit der Karre“, sagt die Frau, und der Mann drückt vorsichtig die Tür des alten Rover zu, so, als befürchte er, sie könnte sich aus den Scharnieren lösen. Seine Furcht erscheint nicht unbegründet, das Auto ist von Korrosion gezeichnet. „Die müssen den nehmen“, sagt der Mann und macht sich Mut für das Verkaufsgespräch. Und die Frau sagt, dass sie sich auf ein neues Auto freue. Der Mann meint, sie hätte vielleicht die Flecken auf dem Rücksitz noch entfernen sollen. „Das ist doch nur Kinderkotze“, sagt die Frau ungerührt, „die Karre wird doch verschrottet.“ Als sie ausgestiegen ist, entweicht dem Rover ein Duft nach saurem Verdauungsabfall.

Nicht alle in der Branche lieben die Prämie

In der Autowirtschaft wird die Prämie nicht von allen geliebt. Der Gebrauchtwagenhandel auf dem Niveau der Freiplätze am Rand der großen Ausfallstraßen sieht den Gegenstand seiner Tätigkeit auf dem Weg zum Schrottplatz. Und die Hersteller mit dem parfümierten Premiumanspruch spüren für ihre teuren Vehikel statt stürmischer Nachfrage nur das laue Lüftchen einer Anfrage nach im Preis ermäßigten Jahreswagen. Ihre Kundschaft ist noch gut versorgt mit relativ neuen Audi A6, Fünfer-BMW und Mercedes E-Klasse.

Zudem haben die neuen Autos für den Handel einen Charakterfehler: Sie fahren 250.000 Kilometer ohne Reparatur. Ein neues Auto hält wohl nicht ewig, aber im Vergleich zu den Vehikeln wirklich alter Jahrgänge erscheinen sie unzerstörbar. An abstürzende Verkaufszahlen nach dem Auslaufen der staatlichen Prämie mag niemand in den Verkaufsräumen denken. Alle wollen jetzt dabei sein, und man kümmert sich eiligst um das Ehepaar mit dem rostigen Rover. Das Auto steht schon auf der Fläche für die Wracks, und ein Monteur nimmt die Kennzeichenschilder ab. Alle Schrauben sind verrostet.

„Nach mir soll ihn keiner mehr fahren“, sagt der Mann

Das Ehepaar hat sich ein wenig vorgedrängt, es sitzt jetzt in einem neuen Dacia. Das Renault-Tochterunternehmen hat in Deutschland seine Verkaufszahlen im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um mehr als 60 Prozent gesteigert. Im Werk in Rumänien fährt man Sonderschichten. „Die Deutschen sind ganz wild auf unsere Logan und Sandero“, sagt ein Verkäufer und legt dem Ehepaar den Vertrag hin. Die Leute werden den Heimweg mit dem Omnibus antreten. Ihr neuer Dacia kommt erst in vier Wochen.

Vor dem Subaru-Autohaus fährt ein VW Käfer vor. Baujahr 1957, schon mit dem größeren Fenster hinten, über der Klappe, unter der die Uralt-Boxermaschine lärmt und stinkt. Der Subaru-Verkäufer ist begeistert und bietet dem Mann spontan 3500 Euro für die rollende Antiquität.

Aber der VW-Fahrer ist eigensinnig. Er will, dass das Auto verschrottet wird. „Nach mir soll ihn keiner mehr fahren“, sagt der Mann und wartet, bis die Kennzeichen entfernt sind und er die Bescheinigung für die Verschrottung erhalten hat. Dann holt er zwei Schraubenschlüssel aus seiner Tasche und baut den Fahrer- und Beifahrersitz aus. „Die“, sagt der Mann, „die stelle ich mir in meine Laube.“ Und so finden zwei Eigenheiten des deutschen Wesens wieder zusammen: das Auto und die Liebe zum eigenen, gepflegten Garten. Auch ein Verdienst der Abwrack-Umwelt-Verschrottungs-Prämie.

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