23.11.2008 · GM-Chef Rick Wagoner hat die Insolvenz bisher zwar strikt abgelehnt, doch sie scheint nicht mehr unmöglich. Staatliche Hilfe ist nicht zu erwarten. Um in der Not etwas fürs Image zu tun, trennt sich das Unternehmen von zwei seiner fünf geleasten Privatjets.
Von Roland Lindner, New YorkDer angeschlagene amerikanische Autohersteller General Motors beschäftigt sich offenbar doch mit dem Gedanken, einen Insolvenzantrag zu stellen. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ sind mehrere Mitglieder des Verwaltungsrats bereit, alle Optionen für das Unternehmen in Erwägung zu ziehen, einschließlich einer Insolvenz. Damit würden sich die Verwaltungsräte gegen den Vorstandsvorsitzenden Rick Wagoner stellen, der als Chairman zugleich den Verwaltungsrat führt. Denn Wagoner hat bislang trotz der prekären Finanzlage seines Unternehmens auf dem Standpunkt beharrt, eine Insolvenz stehe für den Automobilkonzern nicht zur Debatte.
Freilich liegt die Entscheidung nicht allein in der Macht von Wagoner, denn die Muttergesellschaft des deutschen Herstellers Opel bewegt sich gefährlich nahe an der Zahlungsunfähigkeit. Das Liquiditätspolster des Autokonzerns ist im dritten Quartal auf 16,2 Milliarden Dollar geschrumpft. General Motors braucht aber nach eigener Einschätzung einen Mindestbestand an Barmitteln zwischen 11 Milliarden und 14 Milliarden Dollar, um seinen Betrieb aufrechterhalten und seine Zahlungsverpflichtungen erfüllen zu können. Das Unternehmen hat davor gewarnt, sich womöglich schon im laufenden Quartal dieser Untergrenze anzunähern.
GM-Chef Wagoner: Insolvenz würde auch andere in den Abgrund ziehen
Um diese Insolvenzgefahr vorerst abzuwenden, setzt General Motors alles auf einen Kredit der amerikanischen Regierung. Wagoner war zusammen mit den Vorstandschefs der beiden amerikanischen Wettbewerber Ford und Chrysler in der vergangenen Woche vor dem Kongress in Washington erschienen, um dort für ein Rettungspaket zu plädieren (siehe auch Hilferufe der amerikanischen Autobauer bleiben ungehört). Die Hersteller hoffen auf eine Finanzspritze von insgesamt 25 Milliarden Dollar, davon würden 10 Milliarden bis 12 Milliarden Dollar auf General Motors entfallen. Wagoner hat in Washington zusammen mit seinen Kollegen vor den Folgen einer Insolvenz gewarnt: Nach seiner Darstellung würde der übliche Ablauf eines Insolvenzverfahrens nach Chapter 11 des amerikanischen Konkursrechts bei einem Autohersteller nicht funktionieren.
Die drei angeschlagenen US-Autobauer General Motors, Ford und Chrysler haben im Senat nachdrücklich um staatliche Hilfe gebeten.
Diese Art des Insolvenzverfahrens hat die Fortführung eines Unternehmens zum Ziel und erlaubt ihm tiefgreifende Restrukturierungen. Wagoner vertrat die Auffassung, in seiner Branche würde ein Insolvenzantrag zum Untergang des Unternehmens führen. Verbraucher würden keine Autos von einem insolventen Hersteller kaufen wollen, weil sie um ihre Garantieleistungen fürchten, meinte er. Der Zusammenbruch eines Unternehmens würde aber nach seinen Worten auch die beiden anderen Hersteller mit in den Abgrund ziehen, und dies würde einen „katastrophalen Kollaps“ für die Wirtschaft des ganzen Landes auslösen und drei Millionen Arbeitsplätze kosten.
Staatliches Hilfspaket fraglich
Der Hilferuf der Autoindustrie in Washington wurde aber zu einem Debakel für die betroffenen Manager. Führende Politiker der Demokratischen Partei, die den Kongress beherrscht, haben den Managern vorgeworfen, keinen überzeugenden Plan präsentiert zu haben, wie sie nach Erhalten eines Kredits längerfristig ihr Überleben sicherstellen. Sie haben die Unternehmen aufgefordert, bis zum 2. Dezember einen solchen Plan vorzulegen. Nach der unerwartet massiven Opposition im Kongress erscheinen die Chancen auf ein staatliches Hilfspaket nun fraglicher als vor den Anhörungen – was wiederum einen Insolvenzantrag wahrscheinlicher machen würde.
Dem Zeitungsbericht zufolge hofft der Verwaltungsrat noch immer in erster Linie auf den Kredit vom Staat, will aber die Möglichkeit eines Insolvenzantrags nicht mehr so kategorisch ausschließen, wie dies Rick Wagoner bislang getan hat. Ein Unternehmenssprecher wiederholte indessen gegenüber der Zeitung, dass eine Insolvenz kein gangbarer Weg sei. Das Gremium hat Wagoner in der Vergangenheit mehrmals demonstrativ das Vertrauen ausgesprochen, obwohl General Motors seit mehreren Jahren in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt. Möglicherweise bröckelt diese geschlossene Front nun aber doch: Dem Bericht zufolge gab es kürzlich bereits Uneinigkeit über den Plan von Wagoner, den Wettbewerber Chrysler zu übernehmen. Vor wenigen Wochen hat General Motors das Vorhaben zunächst auf Eis gelegt.
General Motors gibt zwei von fünf Privatjets zurück
Es war der peinliche Höhepunkt der Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress in der vergangenen Woche: Rick Wagoner, Alan Mulally und Bob Nardelli, die Vorstandsvorsitzenden von General Motors, Ford und Chrysler, wurden von mehreren Abgeordneten attackiert, weil sie mit separaten Privatflugzeugen nach Washington angereist waren. Gary Ackerman vom Repräsentantenhaus fragte: „Hätten Sie sich denn nicht auf einen Erste-Klasse-Linienflug bescheiden können oder eine Privatjet-Fluggemeinschaft bilden?“
Der unbehaglichste Moment dieser Anhörung kam, als Brad Sherman die Manager wie Schuljungen vorführte und sagte: „Ich möchte die Automanager jetzt bitten, ihre Hand zu heben, wenn sie auf einem Linienflug angereist sind.“ Regloses Schweigen auf Seiten der Manager war die Folge. Der Vorfall wuchs sich zu einem Image-Debakel aus: In der Berichterstattung in den Medien über die Anhörungen nahm die Privatjet-Kontroverse breiten Raum ein.
General Motors hat am Freitag reagiert und angekündigt, sich von zwei seiner fünf geleasten Privatjets zu trennen. Das Unternehmen stellte dies aber als schon länger geplante Sparmaßnahme unabhängig von der aktuellen Kritik dar. Nach eigener Darstellung hat General Motors in diesem Jahr schon einmal zwei Privatjets abgegeben. Unklar bleibt voerst, welches Transportmittel die Manager nutzen wollen, wenn sie im Dezember noch einmal nach Washington reisen sollten, um den von den Demokraten geforderten Plan vorzustellen. (lid.)