07.03.2009 · Das Spitzentreffen zwischen der Opel-Führung und der Bundesregierung im Kanzleramt hat keine Zusage staatlicher Hilfen erbracht. Die Suche nach Lösungen geht weiter. Früher hatte GM schon einmal mit Fiat zusammengearbeitet. Die Kooperation könnte wieder aufgefrischt werden.
Von Tobias Piller, Rom"Wenn die Deutschen Opel retten wollen, haben sie nur eine Chance, wenn sie General Motors zwingen, das Unternehmen zu verkaufen." Sobald sich ein italienischer Unternehmensexperte und Banker auf diese Weise äußert, liegt zugleich die Frage nach Fiat als Käufer nahe. Die Szenarien sind spekulativ. Aber wenn es darum geht, einen Ausweg für krisengeschüttelte Unternehmen zu finden, zeigen sich Investmentbanker immer wieder phantasievoll - noch mehr in den Monaten, in denen die Finanzkrise das Geschäft zum Erliegen gebracht hat.
Zugleich finden sich jedoch auch in der Autobranche selbst Anhänger für die Idee einer Beteiligung von Fiat an Opel. "Normalerweise dauert es bis zu drei Modellgenerationen, bis zwei Autohersteller nennenswerte Synergieeffekte erzielen können", sagt ein ehemaliger Fiat-Direktor. "Dagegen könnten Fiat und Opel die Grundlagen nutzen, die während der Zusammenarbeit der beiden Hersteller zwischen 2000 und 2005 entstanden sind." Tatsächlich bauen die Kleinwagen Fiat "Grande Punto" und "Opel Corsa" noch immer auf der gleichen Plattform auf. Opel benutzt etwa für seinen Kleinwagen "Corsa", aber auch für den neuen "Insignia" noch immer Dieselmotoren, die ursprünglich von Fiat stammen. Umgekehrt fahren die Alfa Romeos noch immer mit Benzinmotoren aus dem GM-Konzern und damit vor allem von Opel.
Seit 2005 gehen Opel und Fiat getrennte Wege
Jährliche Synergien von 300 Millionen Euro in der Produktentwicklung und von 700 Millionen Euro beim gemeinsamen Einkauf hatten der Fiat-Konzern und die Opel-Muttergesellschaft General Motors im Jahr 2000 versprochen, als die Partnerschaft vereinbart wurde und General Motors 20 Prozent der Autosparte von Fiat erwarb. Gescheitert ist die Kooperation dann, als die Fiat-Konzernholding gegenüber General Motors auf ihrem Andienungsrecht für die restlichen Autoanteile bestand. General Motors bezahlte 2005 schließlich eine Abfindung von 1,5 Milliarden Euro, um von den Verpflichtungen gegenüber dem Fiat-Konzern erlöst zu werden. Obwohl Fiat und Opel seit 2005 getrennte Wege gegangen sind, gilt immer noch, dass sich wenige Unternehmen in der Autobranche gegenseitig so gut kennen wie die Italiener und die deutsche General-Motors-Tochtergesellschaft.
Nützlich könnte ein neues Zusammengehen im Moment für beide Unternehmen sein - so weit sich jemals wieder das von General Motors zerfledderte Puzzle der ehemaligen Opel-Bestandteile wie Fabriken, Produktrechte und Vertrieb zusammensetzen lässt. Opel hat in Europa schon 2007 die Schwelle von 1 Million verkaufter Autos unterschritten. Fiat hatte einst in den neunziger Jahren langfristige Absatzziele von 4 Millionen Autos präsentiert, zuletzt als Verkaufsziel für 2010 die Marke von 3 Millionen Autos versprochen. Davon ist Fiat Auto aber noch immer weit entfernt, mit einem Absatz 2008 von 2,15 Millionen Autos, davon 1,24 Millionen in Westeuropa. Dagegen meinte Fiat-Chef Sergio Marchionne vor wenigen Wochen, künftig müsse ein Autohersteller die Schwelle von 5 Millionen Autos erreichen, um langfristig zu überleben.
Für Fiat ist Arbeitsplatzabbau ein Tabu
Fiat und Opel sind auf verschiedene Marktsegmente spezialisiert und komplementär: Während die Autosparte von Fiat, einschließlich der Marken Alfa Romeo und Lancia, nur mit Kleinst- und Kleinwagen nennenswerte Stückzahlen erzielt, hat Opel auch Erfolg in der Kompaktklasse: Obwohl hier "Astra" schon seit Jahren auf dem Markt ist, schlägt er immer noch bei weitem den kompakten Fiat "Bravo", der seit 2007 auf dem Markt ist und für die Italiener wieder einen Fehlschlag bei der Expansion in höhere Marktsegmente darstellt. Noch größer sind die Unterschiede im Bereich der immer beliebteren Vans, wo Fiat mit dem unkonventionellen Modell "Multipla" nur ein Nischenprodukt besitzt und auch mit seinen beiden kleinen Vans halb so viel verkauft wie Opel. Um mehr Erfolg zu haben, bräuchte Fiat neue Plattformen, deren Entwicklung aber bei den derzeitigen kleinen Stückzahlen zu teuer ist. Der kompakte Fiat "Bravo" wurde daher auf der veralteten und etwas modifizierten Basis des Vorgängers "Stilo" konstruiert, weshalb er nach Meinung der Fachpresse keine zufriedenstellende Kombination von Straßenlage und Komfort bieten kann. In der gehobenen Mittelklasse fehlt es völlig an Voraussetzungen für Nachfolgemodelle der früheren Flaggschiffe Alfa Romeo "166" und Lancia "Thesis". Opel hat dagegen Anerkennung errungen für seinen neuen "Insignia" und will zudem im Herbst den Nachfolger für "Astra" vorstellen.
Abgesehen von neuen Einsparungen bei Entwicklungskosten und Einkauf wären auch Vorteile einer gemeinsamen Produktion denkbar. In den Stammländern der beiden Hersteller würde dies aber schnell zu politischen Debatten führen. Während bei Opel bereits schmerzhafte Einschnitte vorgenommen wurden, gilt die Frage nach Arbeitsplatzabbau oder gar Werksschließungen in Italien als Tabu. Auch der forsche Sanierer Marchionne traute sich nicht einmal, eine abgelegene, unproduktive und kleine Fiat-Fabrik in Sizilien anzutasten oder etwa den Standort von Alfa Romeo in Pomigliano bei Neapel, der bekannt ist für schlampige Fertigung, Sabotage, wilde Streiks und hohe Abwesenheitsquoten. Schon die Einführung von Kurzarbeit und Zweifel an der künftigen Auslastung der Fabrik haben in Pomigliano zu Demonstrationen geführt. Denn noch fehlt den Gewerkschaften in Italien die Einsicht, dass sie für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Fiat Opfer bringen müssen. Auch deshalb wären für eine Umverteilung von Produktionskapazitäten zwischen Fiat und Opel politische Abmachungen notwendig, damit nicht etwa Fertigungsaufträge aus einer neuen Fabrik in Rüsselsheim in die zuletzt nur ein wenig aufgemöbelte Anlage bei Neapel wandern könnten.
Fiat steht besser da als Opel
Trotz solcher Schwächen steht Fiat aber besser da als Opel. Nach einer hausgemachten Krise weist der Konzern seit 2005 wieder Gewinne aus, und zwar jeweils von mehr als 1 Milliarde Euro. Die Kasse gefüllt hat auch die gute Ertragslage der Traktoren- und der Lastwagensparten. Obwohl im Heimatmarkt Italien die Neuzulassungen der Marken Fiat, Alfa Romeo und Lancia in den Monaten Januar und Februar um mehr als 26 Prozent unter den Vorjahreswerten liegen, sagt Fiat-Chef Marchionne, der Konzern schreibe noch schwarze Zahlen. "In einer Welt von Schwachen ist Fiat im Moment ein bisschen weniger schwach als Opel", lautet ein Kommentar. Damit ergäbe sich für eine Zusammenarbeit eine Umkehrung der Vorzeichen von früher: Für die alte Zusammenarbeit galt als Perspektive, dass General Motors und damit Opel in absehbarer Zeit die Autosparte von Fiat übernehmen würde. Daher hatten damals deutsche und amerikanische Ingenieure den Ton angegeben. Nun würden die Italiener dies nicht mehr akzeptieren.
Fiat hat zuletzt an Selbstbewusstsein gewonnen, nachdem der Konzern eine Krise überwunden hatte, die an vielen Märkten schon als tödlich eingeschätzt worden war. Dennoch steht seit langem auch die alleinige Kontrolle der Fiat-Holding über die Autosparte zur Disposition. Nun, in der allgemeinen Krise der Branche, zeigt Konzern- und Autochef Sergio Marchionne auch Bereitschaft zu unorthodoxen Schritten. Gerade hat er eine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chrysler-Konzern vereinbart, in die Kleinwagentechnik von Fiat gegen eine Beteiligung von 35 Prozent getauscht wurden. Die Chrysler-Beteiligung hatte Marchionne ganz offen als "Lotterielos" bezeichnet, das für Fiat nichts koste. Für ihn ist es ein Zeichen von Führungsstärke, nicht mit der Herde der anderen Manager in der Branche zu laufen. Einer seiner Leitsätze lautet: "Unternehmensführer sehen Perspektiven, die andere nicht wahrgenommen haben."