19.03.2009 · Die an Manager des strauchelnden Versicherers AIG überwiesenen Bonuszahlungen von 165 Millionenen Dollar sorgen für Aufruhr. Die Regierung sucht Wege, das Geld zurückzufordern. AIG-Chef Edward Liddy hat jetzt Teile seiner Belegschaft zur Rückzahlung von Boni aufgefordert.
Von Norbert Kuls, New YorkDie an Manager des strauchelnden Versicherers American International Group Inc. (AIG) überwiesenen Bonuszahlungen von 165 Millionen Dollar sorgen in der amerikanischen Öffentlichkeit weiter für Aufruhr. Die amerikanische Regierung und von Wählern mit Protestschreiben überzogene Kongressmitglieder suchen jetzt nach Möglichkeiten, die Boni wieder zurückzufordern.
Der Chef des kriselnden Versicherers hat Teile seiner Belegschaft unterdessen zur Rückzahlung von Boni aufgefordert. Empfänger von mehr als 100.000 Dollar seien gebeten worden, mindestens die Hälfte der Zusatzzahlungen rückzuerstatten, sagte AIG-Chef Edward Liddy vor einem Unterausschuss des Repräsentantenhauses am Mittwoch.
Zugleich verteidigte er die Zahlungen: „Die Amerikaner fragen sich ganz einfach, warum diese Leute überhaupt irgendetwas gezahlt bekommen. Hier ist der Grund: Ich versuche verzweifelt einen unkontrollierten Zusammenbruch des Geschäfts zu verhindern.“ Die Boni seien notwendig um solche Angestellten zu halten, deren Kenntnisse für den Abbau risikobeladener Wertpapiere unerlässlich seien. Zugleich erklärte Liddy, dass einige Angestellte schon ihren gesamten Bonus zurückgezahlt hätten.
Bei einer Kongressanhörung erklärte der AIG-Chef Edward Liddy, harter Wettbewerb habe ihn zu den umstrittenen Bonus-Zahlungen gezwungen. Das Unternehmen zahlte vor ein paar Tagen 165 Millionen Dollar Gehaltszulagen, obwohl der Konzern bereits Staatshilfen erhalten hat.
Geithner will Kosten der Boni von Kapitalspritzen abziehen
Der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner will die Kosten der Boni von der neuen 30-Milliarden-Dollar-Kapitalspritze abziehen, die die Regierung AIG jüngst als Teil des Hilfspakets für die Finanzbranche zugesichert hatte. Das Finanzministerium beruft sich auf einen Passus im Gesetzestext, wonach Zahlungen zurückgefordert werden können, wenn sie mit den Zielen des Hilfspakets "unvereinbar" seien. Parallel dazu hat der demokratische Vorsitzende des Finanzausschusses im Senat, Max Baucus, gemeinsam mit seinem republikanischen Kollegen Charles Grassley, eine Steuer von 35 Prozent für Bonusempfänger und zusätzliche 35 Prozent für die zahlende Firma vorgeschlagen. Diese Steuer würde für alle Unternehmen gelten, die wie AIG staatliche Hilfe erhalten.
Präsident Barack Obama hatte Finanzminister Geithner am Montag aufgefordert, alle "juristischen Möglichkeiten" auszuloten, um die Bonuszahlungen zu verhindern. Geithner hatte erst in der vergangenen Woche von den anstehenden Bonuszahlungen erfahren. Das hatte in den vergangenen Tagen zu hektischer Aktivität in Washington geführt, obwohl die Existenz der fraglichen Boni im Finanzministerium schon länger bekannt war. Schon im Dezember waren weitere 55 Millionen Dollar als Prämien geflossen. Die Zahlungen sorgen für besondere Aufregung, weil sie Halteprämien für Mitarbeiter der Sparte Finanzprodukte waren. Diese Sparte hatte die Milliardenverluste angehäuft, die AIG an den Rand des Zusammenbruchs geführt hatten.
Prämien wurden vor einem Jahr vereinbart
Der seit September des vergangenen Jahres amtierende AIG-Vorstandschef Edward Liddy hat einige der Zahlungen am Mittwoch vor einem Unterausschuss des Repräsentantenhauses erneut als "geschmacklos" bezeichnet. AIG sind nach Einschätzung von Liddy allerdings die Hände gebunden, weil die am Freitag gezahlten Boni vertraglich garantiert waren. "Die Anerkennung von Verträgen ist ein Grundsatz des Versicherungsgeschäfts", hatte Liddy zuvor in einem Brief an Geithner geschrieben.
Vereinbart wurden die Prämien für insgesamt 73 Angestellte schon vor einem Jahr, also lange bevor die Regierung AIG stützen musste und Liddy die Führung übernommen hatte. Von den Empfängern der Halteprämie arbeiten 11 Personen nicht mehr für AIG.
AIG steht im Zentrum der Bonus-Debatte, weil kein anderes Unternehmen mehr staatliche Hilfe erhalten hat. Das Hilfspaket für den vom Kollaps bedrohten Konzern war seit vergangenem September in mehreren Stufen auf mehr als 170 Milliarden Dollar angeschwollen.
Obwohl die Regierung der größte Anteilseigner von AIG ist, hat sie offenbar keine rechtliche Autorität, Zahlungen einzufrieren. Die Sparte Finanzprodukte hatte Wertpapiere, darunter komplexe Hypothekenanleihen, gegen Zahlungsausfälle versichert. Nachdem diese Papiere wegen der amerikanischen Häuserkrise stark an Wert verloren hatten, musste AIG Handelspartnern neue Sicherheiten stellen. Kreditausfallversicherungen hatten bei AIG zu einem gigantischen Jahresverlust von knapp 100 Milliarden Dollar beigetragen.