10.07.2007 · Biologen gehen davon aus, dass der Sinn für körperliche Schönheit ein Produkt natürlicher Auslese ist. Aber warum sollte Schönheit nützlich sein? Mit der Idealisierung der Körper wächst die Unzufriedenheit über die tatsächlichen.
Von Jürgen KaubeDas Reden über körperliche Schönheit hat zugenommen. Man sucht das Supermodel, das freilich nicht nur schön, sondern auch anmutig und tolerant gegenüber den Verhaltenszumutungen der Werbewelt sein muss. Schönheitsoperationen sind nicht länger etwas, was um jeden Preis zu verbergen ist. „Ich finde es wichtig, dass man wach aussieht“, begründete George Clooney, deshalb habe er sich „die Augen machen lassen“.
Ökonomen warten mit Messungen auf, wonach Schönheit am Arbeitsmarkt besser entlohnt wird, Psychologen mit solchen, wonach hübsche Babys und Schulkinder mehr Aufmerksamkeit und bessere Zensuren erhalten. Und es verbreiten sich über die Massenmedien weltweite Schönheitsideale. Die psychologische Forschung assistiert diesem Trend, indem sie aus Experimenten eine Liste von Merkmalen entnimmt, die universell als schön gelten sollen: Symmetrien am Körper, glatte Haut, hohe Wangenknochen, lange Wimpern, volle Lippen, „babyhafte“ Gesichter bei Frauen, Athletenfiguren bei Männern.
Anthropologische Konstanten
Solche Listen erwecken den Eindruck anthropologischer Konstanten. In einem neuen Sammelband mit Beiträgen zum Phänomen der Schönheit hat der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus auf Eigentümlichkeiten der entsprechenden Evolutionstheorie ästhetischer Präferenzen hingewiesen. Wenn Evolutionstheoretiker über Schönheit nachdenken, dann suchen sie nach Anhaltspunkten dafür, warum ästhetische Einstellungen nützlich sein könnten. Darwin meinte, Schönheit sei ein Kriterium für die Wahl von Geschlechtspartnern, wenn das Schöne knapp sei und zwischen den aktiven Bewerbern - seien es nun die Weibchen oder die Männchen - eine Konkurrenz um das relativ Seltene ausbreche.
Dass lange und bunte Schwanzfedern an sich schön sind, muss darum nicht behauptet werden. Es genügt, wenn sich die Anziehung durch sie wie in einer Art Imitationswettbewerb verbreitet. „Moden“, so fasst der Menninghaus Darwin zusammen, „haben die kapriziöse Eigenschaft eines letzlich unableitbaren Entstehens und einer raschen Verbreitung bei gleichzeitigiger Tendenz zum maximalen Ausreizen einer einmal eingeschlagenen Richtung.“ Durch sexuelle Reproduktion der Sieger in der Auffälligkeitskonkurrenz stabilisiert diese ihre eigenen genetischen Grundlagen.
Extreme Ausformung auffälliger Ornamente
Im Rahmen der Theorie Darwins, so Menninghaus, unterliegt das umworbene Geschlecht - bei den Tieren oft das männliche - einem extremen Selektionsdruck, der zur extremen Ausformung auffälliger Ornamente (Geweihe, Federn, Haarschmuck etc.) führte. Der Löwe sieht dann am Ende gewissermaßen genauso aus, wie die stärksten Löwinnen ihn „gewollt“ haben. Zugleich wird das stärker ornamentierte Geschlecht stärker, als es bei insgesamt unscheinbareren Arten der Fall ist, auf seine Rolle in der sexuellen Reproduktion festgelegt. Die Schönen arbeiten weniger, sind also zum Beispiel wie der polygame Pfau überhaupt nicht an der Aufzucht des Nachwuchses beteiligt. Je größer darum die Schönheitsdifferenz zwischen den Geschlechtern, schlussfolgern Evolutionstheoretiker, desto stärker die biologische Arbeitsteilung.
Die Soziobiologen vertreten eine andere Theorie: Für sie ist Schönheit ein verlässliches Signal körperlicher Fitness. Wie sie das in Übereinstimmung mit den sowohl historisch wie auch gegenwärtig vorfindlichen Idealen der Blässe, der schmalen Hüften und der die Magersucht streifenden Erscheinung vieler Models bringen, bleibt ihr Geheimnis. Auch fragt man sich, was wohl für Soziobiologen in jener Zeit stattfindet, die beim Menschen zwischen dem Kennenlernen, also dem ästhetischen Eindruck, und der Entscheidung zur Reproduktion liegt. Solange die Paarbildung von der Norm des Zusammenlebens bestimmt ist, scheint es immerhin wahrscheinlich, dass noch ganz andere Kriterien als körperliche oder sogar genetische Aspekte eine Rolle für die Reproduktion spielen. Die Abkopplung der Sexualität von der Reproduktion - und zuletzt medizinisch sogar die der Reproduktion von der Sexualität - führt überdies im Bereich der Körpertechniken durch, was vom Schönen auch kulturell schon immer als seine Ambivalenz behauptet wurde: Vermehrung wünschbar zu machen und zugleich Schein, dekadent, lebensabgewandt zu sein.
Nachweisbare Schönheitswahl
Die Vorstellung, die Paarbildung folge vor allem ästhetischen Präferenzen, hinter denen genetische Ahnungen stecken, ist ohnehin eine moderne. Die bei Tieren nachweisbare Schönheitswahl war sozialhistorisch lange Zeit von ganz anderen Gesichtspunkten überlagert. Stamm, Stand, Konfession, regionale Herkunft, Einkommen, Beruf - worauf wurde nicht alles Rücksicht genommen, wenn die Frage anstand, wer für wen in Betracht kommt. Selbst die These von Menninghaus, wir lebten heute in einer Welt, in der soziale Rahmungen an Einfluß verlieren und am Ende, wie im Tierreich, nur noch ein Körper den anderen wählt, gehört vermutlich in die soziologische Fabelwelt. Sein Hinweis auf die Unwirklichkeit von ästhetischen Idealen, die aus den Medien stammen und von hochaufwendig erzeugten Körpern abgelesen werden, weist selbst darauf hin. Man kann sich in Kinobilder vergucken und sich im Internet kennenlernen. Aber man kann im Internet weder einander beiwohnen noch miteinander wohnen. Irgendwann setzt Nahkommunikation ein, und das ganze Tableau nichtästhetischer Gesichtspunkte macht sich geltend.
Das passt zum Befund von Menninghaus, es gebe einen „depressiven Abhang des heutigen Schönheitskults“: der Stress, der mit außergewöhnlicher Schönheit sowohl für diejenigen, denen sie zugeschrieben wird, wie für ihre Partner einhergeht; der an den Schönen nagende Verdacht, alle möglichen Arten von Erfolg seien nur ihrem Aussehen zuzuschreiben; und schließlich die Entwertung von Attraktivität durch gesteigerte Selbstbeobachtung und den Vergleich: Spieglein, Spieglein an der Wand.