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Das Nervenzentrum

12.12.2008 ·  In Darwins Arbeitszimmer stand kein Schreibtisch / Von Janet Browne

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Ruhe, Zurückgezogenheit und Komfort: Was konnte ein Gentleman der viktorianischen Ära mehr für sich verlangen? Charles Darwin entwickelte seine Ideen fast ausschließlich in seinem Arbeitszimmer. Es war Refugium und intellektuelles Kraftwerk zugleich. Hier verfasste der Naturforscher sein kontroverses Werk "Die Entstehung der Arten", das weltweit den Disput über den Ursprung der menschlichen Gattung befeuerte und das wissenschaftliche Bild der Natur von Grund auf verwandelte. Hier empfing Darwin die schockierende Nachricht, dass Alfred Russel Wallace eigenständig die gleiche Theorie der Evolution durch natürliche Auslese entwickelt hatte wie er selbst, und hier erreichte ihn auch die Woge der Kritik nach der Veröffentlichung seines Werks im Jahre 1859. Durch sein Wirken wurde dieser überaus private Winkel, verborgen in einem kleinen Dorf in der Grafschaft Kent, zum Nervenzentrum einer globalen Bewegung für die Reform der Wissenschaft.

Darwin hatte keinen Schreibtisch. Er schrieb im Ledersessel am Kamin, ein Brett auf den Knien balancierend, seine Notizen und Unterlagen greifbar im dahinter liegenden Alkoven, umgeben von Bildern seiner Gattin und engster Freunde, die Tür stets geöffnet, so dass seine Kinder hereinlaufen konnten. Darwin war ein warmherziger Ehemann und Familienvater. Er ließ seine Kinder auf dem Hocker mit der runden Sitzfläche spielen und ihn mit einem Spazierstock durch das Zimmer bugsieren. In regelmäßigen Abständen begab er sich zur Familie in den Salon oder nahm seinen Hut vom Stuhl, um sich einen kurzen Spaziergang durch den Garten zu gönnen. Er brauchte diese Pausen. Darwin forschte und schrieb zehn große Werke in Down House, und hier betrieb er auch seine ausgedehnte internationale Korrespondenz, die seine Ideen weit und breit bekannt machte.

Doch er war auch krank. Die Waschecke auf der Linken nutzte Darwin während seiner häufigen Übelkeitsattacken, deren Ursache bis heute ungeklärt ist. Ins Arbeitszimmer zog er sich auch zurück, um zu lesen oder Ruhe zu finden, wenn ihn die Gäste im Haus zu langweilen begannen. Nur wenige ausgewählte Besucher fanden hier Einlass. Es scheint fast, als wollte er so leben wie seinerzeit auf HMS Beagle, dem Schiff, das den Forscher um die Welt getragen hatte. Sein Arbeitszimmer glich einer Kabine, abgeschlossen von der Welt, mit seiner Gattin und dem Dienstpersonal als tüchtige Seekadetten im Hintergrund. Nur dass das Zimmer stabil war. In der Ordnung und Zurückgezogenheit, die ihm dieser Ort bot, fühlte Darwin sich befähigt, seine Ideen der Welt vorzutragen.

Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Reul.

Janet Browne ist Professorin für Wissenschaftsgeschichte an der Harvard Universität. Von ihr erschien die doppelbändie Biographie "Charles Darwin: Voyaging" und "Charles Darwin: The Power of Place".

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