Home
http://www.faz.net/-gbo-127kg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Down House (40) Darwins Statue

07.04.2009 ·  Darwin hat nichts in der Cafeteria des londoner Naturkundemuseums zu tun. Viel eher passt er in dessen Eingangshalle. Dorthin ist seine Statue jetzt umgezogen und hat die Skulptur des Museumsgründers vertrieben. Ein gebührender Abschluss der Serie „Down House“.

Von Matthias Glaubrecht
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Darwin mag uns mit der „Entstehung der Arten“ das vielleicht wichtigste Werk der Biologie hinterlassen haben; Richard Owen aber, dessen Namen heute kaum noch jemand kennt, hinterließ uns mit der Gründung des Naturkundemuseum in London eine der heute weltweit größten Sammlungen dieser Art. Allein das wäre Grund genug dafür, dass man seiner dort gedenkt. Lange thronte deshalb auch in der großen, durch einen Diplodocus-Dinosaurier geschmückten Eingangshalle des Museums sein bronzenes Standbild am hinteren Treppenaufgang; und auf dem Steinsockel wie zur lapidaren Begründung „The first director of this museum“.

Doch nun zum Darwin-Jahr musste Richard Owen weichen. Zwar wurde er nicht vom Sockel gestoßen, dafür hat er sich zu Lebzeiten als bedeutender Anatom – trotz aller von seinen Biographen aufgedeckten charakterlichen Unzulänglichkeiten – einen zu gewichtigen Ruf erworben. Doch wurde der bronzene Owen samt Sockel von seinem zentralen Hochsitz in der Eingangshalle verbannt und seine Statue durch eine einst von Joseph Boehm gefertigte Marmorstatue eines sitzenden Charles Darwin ersetzt.

Rochade von Darwin und Owen

Das entbehrt gleich in doppelter Hinsicht nicht einer gewissen Ironie. Zum einen war Darwin ebenso wie dessen „Bulldogge“ Thomas Henry Huxley durchaus kein Freund von Owens Idee, ein eigenständiges Naturkundemuseum zu errichten. Umgekehrt wurde Owen zu einem radikalen Gegner Darwins und bekämpfte nach einer rüden Attacke gegen dessen „Entstehung der Arten“ im April 1860 fortan Darwins Idee einer Evolution durch natürliche Selektion. Denn Richard Owen hatte seine eigenen Vorstellungen vom Wesen und Wandel der Natur.

Zum anderen ist es nicht die erste Rochade der beiden Statuen von Darwin und Owen im Londoner Museum. Mit ihrem Kommen und Gehen spiegeln sie die wechselnde Verehrung wider, die nachfolgende Generationen diesen beiden Großen der viktorianischen Naturforschung entgegenbrachten, auch welche Bedeutung man ihnen zu unterschiedlichen Zeiten beimaß.

Vivat Darwin!

Wer mit wachen Sinnen den neoromanischen Bau des Natural History Museum in der Cromwell Road in South Kensington betrachtet und betritt, dem drängt sich der Vergleich mit einer Kathedrale auf. Tatsächlich wirkt im Entwurf des Architekten Alfred Waterhouse, der sich an den Kirchenbauten der Romanik orientierte, zugleich auch Owens Plan nach, mit dem im April 1881 eröffneten Museum einen Schöpfergott durch dessen Naturwunder zu verehren. Als Superintendent für die naturgeschichtlichen Sammlungen des Britischen Museums zuständig, hatte sich Owen seit 1858 vehement für die Auslagerung dieser Sammlungen in einem eigenen, unabhängigen Naturkundemuseum eingesetzt. Nach langen Debatten bewilligte das Parlament 1872 schließlich die Mittel für den Neubau des Natural History Museum.

Erst nach Owens Pensionierung 1883 wandelte sich das Naturkundemuseum unter dem nächsten Direktor William Henry Flower, einem überzeugten Anhänger Darwins, zu einem Schaukasten der Evolutionstheorie. Flower sorgte dafür, dass jene Marmorstatue Darwins erstmals dort aufgestellt wurde, wo sie nun im Darwin-Jahr wieder steht: an jener Stelle der großen Haupthalle, wo sich – wäre diese tatsächlich eine Kathedrale – der Altar befände. Im Jahre 1885 von Thomas Henry Huxley, als Präsident der ehrwürdigen Royal Society, feierlich eingeweiht, blieb Darwins Skulptur dort bis 1927. Dann sorgte ein neuer, von den Fortschritten der Genetik begeisterter Direktor dafür, dass der Marmor-Darwin schließlich für viele Jahre in der Cafeteria des Museums endete – bis er jetzt gleichsam wieder aufs Podest gehoben wurde. Vivat Darwin!

Der Autor ist Evolutionsbiologe am Museum für Naturkunde in Berlin. Von ihm erschien die Darwin-Biographie „Es ist, als ob man einen Mord gesteht. Ein Tag im Leben des Charles Darwin“ im Herder Verlag.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen