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Down House (38) Darwins Bärwal

 ·  Darwins gewagte Vermutung, Wale könnten vom Bären abstammen, brachte ihm nur Gelächter ein. Dabei hat der Wal tatsächlich einen Rückschritt in der Evolutionsordnung gemacht. Sein Vorfahr ist das Nilpferd.

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Von Rudyard Kipling gibt es „Genau-so-Geschichten“. Eine davon erklärt, wie der Leopard zu seinen Flecken kam, das war nämlich, kurz gefasst, genau so: Der Leopard war zuerst genau so gelb wie die Steine und das Gras der Landschaft, in der er Giraffen und Zebras jagte, die ihn darum nicht sahen, weswegen die schlaueren von ihnen in eine waldige Gegend auswanderten, wo sie sich vor ihm versteckten und selber allmählich so fleckig und streifig wurden wie ihre schattenreiche Umgebung. Der Leopard tut sich mit einem Äthiopier zusammen und fahndet nach den Emigranten. Im Wald merken sie, dass ihre Beute an diese Umwelt angepasst ist, aber sie selber nicht. Also wird der Äthiopier schwarz und der Leopard fleckig.

Genau-so-Geschichten (Just-so-stories) nennt man nach Kiplings 1902 veröffentlichtem Band solche Erklärungen einer Tatsache, die sich kaum widerlegen lassen, ohne dass für sie aber auch nur ein einziger Beleg vorliegt.

Von der griechischen Tragödie zu „Wetten dass“

Von Charles Darwin gibt es auch eine Genau-so-Geschichte. Sie steht in der ersten Auflage von „Über die Entstehung der Arten“, und zwar nur in der ersten Auflage. Und sie geht so: In Nordamerika habe ein Forscher Braunbären stundenlang mit offenem Maul schwimmen sehen, wie ein Wal Insekten im Wasser fangend. Das sei ein extremer Fall, so Darwin, aber wenn es genug Wasserinsekten gegeben habe und keine ernsthaften Konkurrenten, dann könne es wohl sein, dass durch natürliche Selektion allmählich aus dem Bär so etwas Monströses wie ein Wal hervorgegangen sei.

Die Zeitgenossen schütteten sich aus vor Lachen, Darwin löschte die Stelle. Es leuchtet ein, dass der Gang eines Landtiers ins Wasser nebst Umwandlung der Beine in Flossen ein anspruchsvoller und für die Evolutionstheorie ein besonders heikler Vorgang ist. Ist doch umgekehrt das Heraustreten der Tiere aus dem Wasser die von der Affenfrage nur verdeckte, eigentliche Urszene der Evolution. Sollte ihre Theorie denn auch Rückschritte erklären können? So, wie wir uns heute „Lernen“ immer nur als Lernen des Vorteilhaften, Guten vorstellen, so denkt man sich Evolution gern als einen Vorgang mit klaren Richtungen: vom Wasser zum Land, vom Einfachen zum Komplexen, von der griechischen Tragödie zu „Wetten dass“. Doch Darwins Indifferenz gegen die Bewertung des Unterschieds von Land und Meer behielt recht, im Prinzip. Dass die Wale von Landtieren abstammen, ist inzwischen gut erforscht. Sie hätten von Bären abstammen können, tun es aber nicht. Heute meint man zu wissen, dass sie eher Nilpferden verwandt sind. 1993 fand der amerikanische Paläontologe Hans Thewissen als watschelndes Zwischenglied die Überreste dessen, was er den schwimmenden Gehwal (Ambulocetus natans) nannte.

Mit dieser Folge endet unsere Serie.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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