25.03.2009 · Das Auge, Kronzeuge der Evolution, brachte Darwin seinerzeit in Erklärungsnot. Konnte dieses komplexe Organ durch Auslese entstanden sein? Der Schöpferglaube lag nah, doch der Evolutionsglaube siegte, denn 1859 entdeckte er bei Meeresborstenwürmern „Protoaugen“.
Von Matthias GlaubrechtSeit Darwin sehen wir die Welt mit anderen Augen. Dabei brachten aber gerade Augen Darwin anfangs in Erklärungsnot, denn selbst ihm erschien dieses komplexe Organ, das nur im Zusammenhang seiner sämtlichen, fein aufeinander abgestimmten Teile sinnvoll erscheint, als ein gewichtiges Argument gegen die Evolutionstheorie. Anzunehmen, dass auch Augen durch den Prozess der natürlichen Auslese entstanden sein könnten, so gestand er in einer berühmten Passage seines epochalen Buches „Über die Entstehung der Arten“, sei in höchstem Maße absurd. Allzu augenfällig schien hier ein göttlicher Schöpfer am Werk gewesen zu sein.
Darwin hatte einst am Christ's College in Cambridge bei der Vorbereitung auf ein geistliches Amt die Lehren des damals einflussreichen Naturtheologen William Paley verinnerlicht. Tief beeindruckt von der Darlegung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Perspektive einer teleologisch orientierten Schöpfungslehre, empfand Darwin die Lektüre als wunderbare Schulung. In seinem 1802 erschienenen Hauptwerk „Natural Theology, or Evidence of the Existence and Attributes of the Deity collected from the Appearances of Nature“ leitete Paley aus der Komplexität von Organismen einen Gottesbeweis ab. Die Lebewesen seien an ihre Umwelt vollkommen zweckmäßig angepasst, und dies liefere einen schlüssigen Beweis dafür, dass es Gott gebe.
Von Paley stammt das bis heute von Kreationisten jeglicher Couleur immer wieder bemühte Gleichnis eines göttlichen Uhrmachers: Er verglich Lebewesen mit einer Uhr, bei der jedem sofort einleuchte, dass die Anordnung ihrer Teile und die Zweckmäßigkeit ihres Baus einen Konstrukteur notwendig machten.
Mit „Protoaugen“ auf dem Weg zur Erkenntnis
Darwin lieferte mit seiner Selektionstheorie einen überzeugenderen Gegenentwurf zu Paleys göttlichem Baumeister. Heute wissen wir, dass in der Natur durch die Evolution als eine Art blinder Uhrmacher sehr wohl komplexe Lebewesen entstehen. Und ungeachtet der Attacken von Darwins Gegnern gelten heute ausgerechnet Augen als Kronzeugen der Evolution. Denn zum einen wissen wir inzwischen um die vielfach unabhängige Entstehung sehr verschiedener Lichtsinnesorgane. Quer durch das gesamte Tierreich erscheinen Becher-, Gruben- und Komplexaugen gleichsam wie Bau- oder gar Vorstufen bei der Entwicklung höchst komplizierter Linsenaugen. Sie zeigen die unterschiedlichen Wege auf, wie sich Tiere dank der Wahrnehmung von Licht einen Überlebensvorteil verschaffen. Während dabei beispielsweise das Auge eines Oktopus durch Einfaltung der Körperwand im Zusammenspiel mit Nervenzellen entsteht, bilden sich Teile des menschlichen Auges aus dem Hirngewebe.
Zum anderen fanden Entwicklungsbiologen jüngst auf molekulargenetischer Ebene sehr ähnliche Bauanweisungen für Augen. Genetische Informationen, wie sie für das menschliche Auge verantwortlich sind, lassen sich in Ansätzen auch bei Meeresborstenwürmern nachweisen, die gleichsam Uraugen aus nur zwei Zellen haben. Just solche „Protoaugen“ hatte Darwin 1859 als Vorstufen komplexer organisierter Lichtsinnesorgane postuliert. Hellsichtig war er damit auf dem richtigen Weg zur Erkenntnis.