20.03.2009 · Darwins Verhältnis zur bildenden Kunst war von den Interessen des Forschers geleitet. Für die Recherchen zu seinem Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ schien sie ihm wenig hilfreich. Dem Bildhauer Thomas Woolner verdankt er jedoch eine Entdeckung.
Von Julia VossVon der bildenden Kunst war Darwin, als er begann, sich mit ihr zu beschäftigen, zunächst enttäuscht. „Ich habe Fotografien und Kupferstiche vieler allgemein bekannter Kunstwerke genau betrachtet“, berichtet er seinen Lesern 1872 in „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“. „Es hat mir aber, mit wenig Ausnahmen, keine Vorteile gebracht.“ Den Grund benannte er auch. Ihn interessierte die Mimik von Mensch und Tier; da aber Schönheit das hauptsächliche Ziel der Kunst sei und „stark kontrahierte Gesichtsmuskeln die Schönheit zerstören“, konnte ihm die hohe Kunst kein Anschauungsmaterial bieten. Grimassierende oder auch nur lachende Generäle, Propheten oder Könige, die der Stoff der Historienmalerei sind, wären in der Tat undenkbar gewesen; selbst die Leiden der Heiligen waren für Darwins Zwecke zu pathetisch.
Die Lust am Überspannten oder Grotesken bediente allerdings die Populärkunst der Viktorianischen Epoche. Dementsprechend war es ein Kunstwerk, das sich mit der wunderlichsten Gestalt aus Shakespeares Werken beschäftigte, dem Darwin die Entdeckung des sogenannten „Woolnerian tip“ verdankte – benannt nach Thomas Woolner, einem Bildhauer, dem der Forscher 1867 Porträt gesessen hatte. Woolners Statue des Puck aus dem „Sommernachtstraum“ hatte wegen eines Knicks in der Ohrmuschel Darwins Aufmerksamkeit erregt. Woolner war bei einigen Menschen auf eine Verformung des Ohrs gestoßen, die, wie er nach vergleichenden Studien feststellte, auch bei Affen vorhanden ist. Darwin sah darin die „Überreste der Spitzen früher aufgerichteter und spitzer Ohren“ des Menschen. Pucks Ohr übernahm er 1871 in „Abstammung des Menschen“ und dankte darin ausführlich Woolner – dem Künstler, von dem er mehr gelernt hatte als von jedem großen Meister.
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