19.03.2009 · Auf seine alten Tage wird der Einstein der Arten zum Papst der Ringelwürmer. Im Jahr 1881 erscheint „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer mit Beobachtungen über deren Lebensweise“. Es findet reißenderen Absatz als das Gründungswerk der Evolutionstheorie „Über die Entstehung der Arten“.
Von Matthias GlaubrechtDarwin drängt es in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr täglich zur Arbeit. Viele Kämpfe um seine Abstammungstheorie, die mehr und mehr anerkannt wird, sind ausgetragen. Er erfährt persönliche Würdigungen, etwa, als ihm im November 1877 seine einstige Alma Mater, die Universität Cambridge, den Ehrendoktor verleiht, eine Auszeichnung, die sie nur selten gewährt. Und er hat Muße, sich sehr speziellen Untersuchungen zu widmen.
Als letztes seiner Bücher erscheint im Oktober 1881 „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer mit Beobachtungen über deren Lebensweise“. Es ist seine seinerzeit populärste Veröffentlichung, von der schnell dreitausendfünfhundert gedruckte Exemplare verkauft sind. Vom Erfolg ist vor allem Darwin selbst überrascht. „Mit einem geradezu lächerlichen Enthusiasmus“ sei sein Buch aufgenommen worden, notiert er; es finde reißenderen Absatz als das Gründungswerk der Evolutionstheorie „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“. So wird der Einstein der Arten auf seine alten Tage zum Papst der Ringelwürmer.
Als ob die Muscheln fliegen könnten
Dass der große Darwin einen Blick für die kleinen Details hat, bewies er nicht nur bei Regenwürmern und Rankenfußkrebsen. Seine allerletzte Veröffentlichung, die am 6. April 1882 nur zwei Wochen vor seinem Tod erscheint, ist eine kurze Arbeit in „Nature“ über kleine Süßwassermuscheln auf großer Reise. Sie trägt den Titel: „On the dispersal of freshwater bivalves“. Auf weniger als einer Druckseite und in nur vier Paragraphen greift der Text anekdotenhafte Beobachtungen auf, die Darwin bereits 1859 in seiner „Entstehung der Arten“ mitteilte und die Weichtierkundler bis heute diskutieren.
Einige im Süßwasser lebende Muscheln und Schnecken haben nämlich eine erstaunlich weite Verbreitung. Sie sind in beinahe jedem See und Teich zu finden, gleichsam, als ob sie fliegen könnten. Tatsächlich waren Darwin verschiedene Hinweise bekannt, dass Muscheln an den Füßen von Wasservögeln von Gewässer zu Gewässer transportiert werden können.
Nicht nur die Welt der Muscheln ist klein
In der „Nature“-Arbeit berichtet Darwin dann von einem konkreten Nachweis eines solchen unfreiwilligen Transports heimischer Muscheln auch durch Schwimmkäfer der Gattung Dytiscus. Ein gewisser W. D. Crick aus Northampton hatte Darwin im Februar 1882 ein von ihm gefangenes Weibchen von Dytiscus marginalis, dem Gemeinen Gelbrandkäfer, zukommen lassen. Am mittleren Bein des dreieinhalb Zentimeter großen Käfers hatte sich eine Süßwassermuschel von immerhin knapp einem Zentimeter Länge mit ihrer zweiklappigen Schale festgeklammert. Das Tier wog, wie Darwin präzise notiert, 0,39 Gramm - keine leichte Fracht selbst für einen kräftigen Käfer. Wie wir heute wissen, handelte es sich um ein trächtiges Weibchen der Erbsenmuschel Sphaerium corneum, das erst nach fünf Tagen vom Käferbein ließ, als zwei Jungmuscheln zum Vorschein kamen. Da diese Muscheln also lebendgebärend sind, können sie - einmal per Wasservogel oder Wasserkäfer in ein neues Gewässer transportiert - dort eine neue Kolonie begründen und so zu ihrer weiten Verbreitung beitragen.
Darwins weichtierkundliches Interesse hat ein Postskript, das ihn auf ganz eigene Weise mit unserer Welt der Gene und Genomik verbindet. Jener von Darwin erwähnte „W(alter) D(rawbridge) Crick“ (1857 bis 1903), der ihm einst Käfer samt Muschel schickte, war der Großvater von Francis H.C. Crick, der 1962 gemeinsam mit James Watson und Maurice Wilkins den Nobelpreis für die Aufklärung der Struktur der DNA erhalten sollte. Nicht nur die Welt der Muscheln ist klein.
Alle Folgen der Darwin-Serie „Down House”