17.03.2009 · Auch die Hummel kann betrügen: Das glücklich wirkende Tierchen verschafft sich mitunter gewaltsamen Zugang zum Nektar. Anstatt in die Blüte zu kriechen, beißt sie ihr ein Loch in die Seite. So trägt die Hummel keinen Blütenstaub weiter. Die Blume ist geprellt, Darwin fasziniert.
Von Diemut KlärnerDer Frühlingssonnenschein lässt auch die Hummeln emsig von Blüte zu Blüte fliegen. Was sie dort treiben, beschrieb Christian Konrad Sprengel in seinem 1793 erschienenen Buch „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“. Obwohl von Haus aus Theologe und Philologe, gilt dieser preußische Lehrer als Pionier der Blütenökologie. Zu den wenigen zeitgenössischen Naturforschern, die ihn für seine Beobachtungsgabe zu schätzen wussten, zählt Charles Darwin. Auch ihn faszinierten die raffinierten Interaktionen zwischen Blüten und Insekten. Als er - selbst ein begeisterter Gärtner - die Blumenbeete im Zoologischen Garten von London bewunderte, fiel ihm eines Tages auf, dass sich Hummeln bisweilen gewaltsam Zugang zum Nektar verschafften. Statt in die engen Blütenkelche zu kriechen, streckten sie ihren Rüssel in kleine Löcher, die andere Hummeln hineingebissen hatten. Diese Öffnungen lagen jeweils direkt an der Nektarquelle. Ob auf der Oberseite wie bei Salbeiblüten oder wie bei Löwenmäulchen auf der Unterseite verborgen, stets wurden sie schnell und zielstrebig angesteuert.
Löcher statt Schrammen
Darwin war jedoch nicht der Einzige, der 1841 in „Gardener's Chronicle and Agricultural Gazette“ über durchlöcherte Blüten berichtete. Wenige Wochen zuvor hatte sich darin ein Gartenfreund erbost, bissige Hummeln hätten seine blühenden Bohnen beschädigt und ihm dadurch die Ernte verdorben. Was Darwin zu der Überlegung führte, dass die fraglichen Bohnenblüten wohl nicht ordentlich bestäubt worden waren. Dass Blumen, die Insekten anlocken, gewöhnlich auf die Bestäubung durch solche Besucher angewiesen sind, schien ihm durchaus plausibel.
Wenn sich eine Hummel auf die übliche Weise zur Nektarquelle vorarbeitet, bleibt Blütenstaub an ihrem Körper hängen und landet zielgenau auf der Narbe der nächsten Blüte. Beißt sie dagegen ein Loch, um sich an süßem Nektar zu laben, so betrügt sie die Pflanze um eine Gegenleistung für die großzügige Bewirtung. Der Appell des empörten Gärtners, die scheinbar so nichtsnutzigen Hummeln beizeiten totzuschlagen und ihre Nester zu zerstören, findet bei Darwin jedoch keine Zustimmung: „Es wäre ein Jammer, diese fleißigen, glücklich wirkenden Geschöpfe mit solcher Strenge bestraft zu sehen.“ Zumal Liebhaber schöner Blumen sogar dankbar sein könnten, wenn die Hummeln trickreich auf kürzestem Weg zur Nektarquelle vordringen, statt sich durch den offiziellen Eingang zu zwängen. Denn dabei, so bemerkte Darwin, hinterlassen sie an zarten Blütenblättern mitunter hässliche Schrammen.