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Down House (25) Darwins Erröten

16.03.2009 ·  Der Schwanz der Pfaus ist wie das Erröten der Wangen: ein ehrliches Signal. Auffällige Zeichen, die verwundbar machen, können sich nur diejenigen leisten, die gesund und geschickt genug sind, um damit überleben zu können. Darwin kam diesem Handicap-Prinzip sehr nah.

Von Carsten Höller
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Warum gibt es außerordentlich bunte Vögel, meistens Männchen, und warum singen einige Vögel so laut, abwechslungsreich und lang? Beides steht bei vorläufiger Betrachtung in Widerspruch zur Theorie der Anpassung an die Lebensumwelt, weil es die entsprechenden Vögel verwundbar macht - sie machen auf sich aufmerksam und werden so leicht zum Opfer von Beutegreifern. Darwin beantwortete diese Frage, indem er das Prinzip der sexuellen Selektion einführte; dennoch blieben diese Beispiele lange Wasser auf die Mühlen der Kreationisten, zeugen sie doch angeblich von der Schönheit des „Erschaffenen“.

Im Jahr 1975 gelang Amotz Zahavi ein origineller Erklärungsansatz: sein berühmtes „Handicap“-Prinzip. Er schlug vor, solche Überschwenglichkeiten wie den Schwanz des Pfaus als „ehrliche Signale“ zu deuten, die sich nur diejenigen Individuen leisten können, die tatsächlich gesund und geschickt genug sind, um mit diesem Handicap leben zu können. Dass sie trotz ihrer Auffälligkeiten überleben, zeugt von ihrer guten genetischen Ausstattung und macht sie daher als Partner attraktiv. Etwas Ähnliches könnte man über Menschen, die rauchen, sagen, denn dass sie das schädliche Zeug in der Öffentlichkeit inhalieren, zeigt doch, wie gesund sie sein müssen, sonst könnten sie sich das nicht leisten. Im stillen Kämmerlein zu rauchen ist dagegen vollkommen unproduktiv. Auch das Rauchen aufzugeben ist ein starkes Signal (Wille, Durchsetzungsvermögen, zielorientiert), und es ist auffällig, dass ehemalige Raucher so gern ihre nikotinöse Vergangenheit proklamieren.

Ehrlich sein ist attraktiver

Interessanterweise war Darwin schon ziemlich nahe dran am „Handicap“-Prinzip, als er sich in „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ mit dem Erröten beschäftigt, welches er als die „besonderste und menschlichste aller Ausdrucksformen“ bezeichnet. Rot zu werden ist ein ehrliches Signal, gerade weil es peinlich ist und das eigene Bewusstsein, betrachtet zu werden, zum Ausdruck bringt. Der Rotgewordene ist zwar nicht unbedingt anfälliger für Prädatoren im Sinne von Löwen oder Bären, wohl aber für prädatorische Gedanken (dass man denkt, dass schlecht über einen gedacht wird, löst ja das Rotwerden erst aus), denen er sich aussetzt (es sind ja seine eigenen) und außerdem sein Ausgesetztsein durch das Rotwerden öffentlich kundtut. Darwin sagt es so: „Erröten wird durch Aufmerksamkeit indirekt ausgelöst, besonders zwischen den Geschlechtern.“ Es „zeigt die Beschäftigung des Schüchternen mit dem eigenen Aussehen“ und kann als echtes Handicap gedeutet werden, welches unkontrolliert den Blick von außen in das Innerste freigibt.

Wo liegt jetzt der Selektionsvorteil, warum sollten Errötende attraktiver sein? Weil sie ehrlich sind, peinlich ehrlich, und weil Ehrlichkeit hilfreich ist in der paarweisen Langzeitnachzuchtkooperationsgemeinschaft Mensch.

Der Autor habilitierte in Phytopathologie und lebt als Künstler in Stockholm.

Quelle: F.A.Z.
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