Verspätete Karl-May-Allüren seien im Umgang mit kleineren Nachbarn fehl am Platze, sagte jüngst der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU). Er bezog sich damit auf seinen Nachnachnachfolger im Amt, Peer Steinbrück (SPD), der die Schweizer in der Debatte über Steueroasen als „Indianer“ bezeichnet haben soll, gegen die nicht immer gleich „die Kavallerie im Fort Yuma“ ausreiten müsse. Es genüge, dass die Indianer wüssten, dass es die Kavallerie gebe. Nach heftigen Protesten der Schweizer ließ Steinbrück seine Einlassung dementieren. Der Indianer-Vergleich solle keinen konkreten Bezug zu den Schweizern gehabt haben.
Wie dem auch sei: Waigel tut Karl May Unrecht. Ein Blick in die Bücher des gebürtigen Sachsen hätte Waigel offenbart, dass bei Karl May die Indianer in der Mehrzahl edlen Geblüts und Gemüts sind, tapfer und integer. Jedenfalls hat Karl May das positive deutsche Bild von Indianern nachhaltig geprägt, was heute noch in Redensarten wie „Großes Indianerehrenwort“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ fortlebt. Erst Einlassungen von Verantwortlichen des FC Bayern, die Mitte der neunziger Jahre beklagten, in der Mannschaft gebe es zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer, haben das Indianische in die Nähe eines Lakaiendaseins gerückt.
Schweizer Karl-May-Freunde wissen hingegen, dass der ganze Wirbel um Deutschland, die Schweiz, indianische Lakaien und Karl May ein großes Missverständnis ist: Auf ihrer Internetseite weisen sie darauf hin, dass Karl May drei Mal in der Schweiz gewesen sei und in seinen Büchern niemals schlecht über die Schweiz geschrieben habe. 2004 haben die Schweizer Karl-May-Freunde Sachsen besucht, wo - so steht es im Expeditionsbericht - ein „humorvoller Reiseleiter“ immer mal wieder „einen Seitenhieb in Richtung Schweiz“ ausgeteilt habe. Anschließend habe man noch im Luftkurort Rathen in der Sächsischen Schweiz haltgemacht und dort eine „sehr gelungene“ Aufführung von „Winnetou I“ auf der Felsenbühne gesehen. Theo Waigel sollte das ein Beleg dafür sein, dass das Werk Karl Mays der Versöhnung dient - nicht nur von Cowboys und Indianern, sondern auch zwischen Schweizern und Deutschen.
