13.10.2009 · Nachdem über Wochen die Buchmesse allein aufgrund ihres Ehrengastes China im Gespräch war, saß bei der Pressekonferenz kein einziger Chinese auf dem Podium. Doch die Buchmesse hat ohnehin andere Sorgen.
Von Oliver JungenEs war dann doch kurios: Nachdem über Wochen die Frankfurter Buchmesse allein aufgrund ihres schwierigen Ehrengastes China im Gespräch war, saß bei der gut besuchten Pressekonferenz, die der abendlichen Eröffnung der Messe durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und den stellvertretenden chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping vorausging, kein einziger Chinese auf dem Podium.
Die Regimekritiker, darunter der zwischenzeitlich ausgeladene Bei Ling, hielten zeitgleich eine eigene Pressekonferenz ab. Die Vertreter der offiziellen Delegation begnügten sich damit, ihre recht edel und offen wirkende Ehrengasthalle vorzuführen, in deren Mitte ein Becken steht, in das Wassertropfen fallen, wobei sich die Wellenstruktur konzentrisch in den Raum fortsetzt. Da schien es fast schon konsequent, dass von den Organisatoren zum Thema China auch so gut wie nichts mehr gesagt wurde.
Messedirektor Jürgen Boos erwähnte lediglich, man verurteile „die Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungs- und Redefreiheit in der Volksrepublik China aufs Schärfste“, aber man sei eben „nicht die Uno“: „Wir können Konflikte aufzeigen, aber wir können sie nicht lösen.“ Die Buchmesse dürfe sich auch mit Ländern beschäftigen, die öffentliche Kritik auf sich zögen; nur eines sei ihr niemals erlaubt: zu langweilen.
Fluch und Segen des E-Books
Darf man es trotzdem etwas langweilig finden, dass alle hier gehaltenen Reden auch in den vergangenen Jahren hätten gehalten werden können? Das eigentlich zentrale Thema nämlich hieß wieder: Fluch und Segen des E-Books. Für die Fluchseite war Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zuständig. Zwar stellten diese „handlichen Apparate“ selbst ein Jahr nach dem großen E-Reader-Hype noch eine „marginale Größe“ auf dem Markt dar, und über die jetzige Kindle-Einführung in Deutschland, beschränkt auf englische Texte, könne er nur lächeln. Aber der endgültige Durchbruch des E-Books stehe bevor, und dies werde „sich dann auf den Buchmarkt auswirken, dem es trotz weltweiter Finanzkrise in Deutschland gutgeht“.
Doch wer „E-Book“ sagt, der muss heute auch „Google“ sagen. Hier sei die Haltung des Börsenvereins eindeutig: Man begrüße die Digitalisierung, aber sei gegen die Monopolstellung eines auch noch branchenfernen Privatunternehmens, dessen Willkür alle Inhaber geistigen Eigentums ansonsten bald ausgesetzt wären. Dass sich Angela Merkel jüngst ähnlich geäußert hat, stimme ihn hoffnungsfroh.
Der Hauptredner dieser Voreröffnung der Buchmesse, der spanische Planeta-Verleger Jesús Badenas, hegte indes die Hoffnung auf gute Kooperation. Wie Google seine Digitalisierung begonnen habe, sei freilich ein „Akt der Piraterie“ gewesen, ein „Napalm-Angriff“ auf das Buch; doch inzwischen würden die Gesetze etwas mehr beachtet: „Als Verleger müssen wir dieses Spiel mitspielen.“
Ein Kampf gegen Riesen habe schließlich wenig Erfolgsaussichten. Das Klügste, was getan werden könne, sei, „sich an die neuen Umstände anzupassen und zu verhandeln“. Um eine stärkere Position gegenüber Amazon und Google zu erlangen, sei der Zusammenschluss konkurrierender Verleger unvermeidlich. Kurz: Man sieht die Krise heraufziehen und übt sich weiter in Ankündigungsrhetorik. Derweil schaffen die Internetgiganten Fakten. In der Ehrengasthalle kann man einen Blick in die Zukunft werfen: Die äußerste Wellenfront besteht aus E-Readern. Das E-Book-Geschäft läuft in China aber zu großen Teilen längst an den Verlagen vorbei.