15.10.2009 · Menschen mit E-Book-Readern unterm Arm. Sieht so die Zukunft des Lesens aus? Vielleicht. Jedenfalls zeigen die aktuellen digitalen Lesegeräte einige Schwächen. Sie sind noch nicht so sexy wie ein Buch. Das könnte sich ändern.
Von Marco Dettweiler, FrankfurtSo könnte die Zukunft des Lesens aussehen. Der Kopf der blonden Frau am Nachbartisch verschwindet nicht hinter einer Zeitung, sondern neigt sich über ein digitales Lesegerät. Sie wählt mit einem Tastendruck die Frankfurter Allgemeine Zeitung und liest Artikel auf ihrem Kindle. Laura Porco ist allerdings der einzige Gast im Café Net-Line auf der Buchmesse, der ein Kindle in der Hand hält. Die Managerin von Amazon ist verantwortlich für den Bereich E-Books und hat das schmale, taschenbuchgroße Gerät mit dem Schwarzweißbildschirm und Tastatur aus Amerika mitgebracht. Porco führt stolz vor, wie sie ihr digitales Bücherregal in weniger als einer Minute bestückt. Dank 3G-Funkverbindung steuert sie den Amazon-Store auf ihrem Kindle an, sucht und wählt - ähnlich wie auf der Homepage - ein Buch aus und kauft es.
„The lost Symbol“ von Dan Brown ist ein englischsprachiges Buch - so wie alle 297.000 Titel, die Leser hier in Deutschland herunterladen können. Wer auf dem Kindle deutschsprachigen Inhalt lesen will, muss sich auf Zeitungslektüre beschränken. „Wir werden auch deutschsprachige Bücher anbieten, das ist nur eine Frage der Zeit“, sagt Laura Porco. Während sich das Café auf der Buchmesse allmählich mit Menschen verschiedenster Nationen füllt, ergänzt sie: „Jedes Buch soll in jeder Sprache in weniger als 60 Sekunden verfügbar sein.“ An die Erfolgschance des Kindle und der E-Books in Deutschland glaubt Laura Porco fest. Mittlerweile verkaufe Amazon in Amerika bei durchschnittlich 100 „physischen Büchern“ zusätzlich 48 digitale Ausgaben.
Überall und zu jeder Zeit
Ein Objekt der Begierde ist der Kindle in dem Buchmesse-Café jedoch nicht. Keine neugierigen Blicke, keine staunenden Besucher, keine drängenden Nachfragen. Der Kindle ist zu unspektakulär - und nicht sexy genug. Die Menüführung muss der Leser mit klobigen Tasten und einem Mini-Joystick bedienen, der Wechsel von Seiten ist nicht fließend. Es stellt sich kein Ich-will-auch-mal-Gefühl ein. Was vollends überzeugt, ist allerdings die drahtlose Funkverbindung. Solange der Kindle-Besitzer ein Handynetz zur Verfügung hat, kann er sich ein Buch herunterladen. Überall und zu jeder Zeit.
Auf zur Halle 4. Wieder ein Café, dieses Mal zwei Lesegeräte. Sony präsentiert neben dem im Frühjahr vorgestellten Reader PRS 505 seine neueste „Touch Edition“ (PRS 600), die es Ende des Monats zu kaufen gibt. Nicht nur im Internet, sondern jetzt auch im „CE-Handel“, wie Silke Bernhardt von Sony betont. In Absprache mit dem Buchhandel habe man sich dazu entschlossen, die Lesegeräte in einem möglichst breiten Markt anzubieten. Letztlich könne jeder Buchladen einen Reader verkaufen.
Und will berührt werden
Da liegt nun abermals ein Lesegerät auf dem Tisch und will berührt werden. Sehr gern. Es lässt sich flüssiger bedienen als das Kindle, Textstellen können Nutzer mit dem Finger markieren, Seiten können mit einem Fingerwischer umgeblättert werden. Die Hardware stimmt. Aber wie kommt das elektronische Buch, also der Inhalt, in das Lesegerät? Mit der Antwort lässt die Lust wieder nach. Man müsse den Reader an den Computer anschließen, eine Software installieren, die E-Books im Netz herunterladen und sie dann wiederum auf das Lesegerät ziehen. Das ist umständlich - und möglicherweise bald Vergangenheit. „Ein Gerät mit Wireless-Schnittstelle wird in Deutschland definitiv eingeführt“, sagt Silke Bernhardt von Sony.
Olaf Ernst kann die Entwicklung der digitalen Lesegeräte entspannt beobachten. „Der E-Book-Hype ist für uns schon vorbei“, sagt der Manager des wissenschaftlichen Verlages Springer. Seit 2005 bietet Springer alle Publikationen auch digital an. Das sind bisher 35.000 Titel. Die meisten werden am Computer von Wissenschaftlern gelesen. Mehrere tausend Bibliotheken weltweit verleihen die Bücher des Verlages an ihre Nutzer. Das Wachstum in diesem Markt sei spektakulär. Die Bibliotheken hätten ein „Rieseninteresse“, ihren Bestand digital zu bestücken. Der Bedarf an E-Books ist in der Wissenschaft also enorm, die Nachfrage nach Lesegeräten eher gering. Noch ist man hier in der Halle 4 umgeben von gedruckten Büchern. Nach Auffassung von Olaf Ernst wird sich dies auch nicht ändern. „Das gedruckte Buch wird nicht aussterben.“