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Bücher ordnen Haben Sie Hitlerjunge Billy Budd gelesen?

17.10.2009 ·  Auf der Buchmesse gibt es 124.000 Neuerscheinungen. Lesen könnte man sie zur Not schon. Nur: Wie soll man die alle einsortieren? Ein Versuch nach dem Alphabet führt ins Namenschaos.

Von Hans Zippert
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Auf der diesjährigen Buchmesse gibt es 124.000 Neuerscheinungen, die alle unbedingt gelesen werden müssen. Weil die Lagerkapazitäten erschöpft sind, habe ich noch vor der Messe damit begonnen, meinen Altbuchbestand einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Eine oberflächliche Inspektion ergab, dass ich über etwa 31,3 Meter Bücher verfüge, die, aneinandergelegt, nicht ganz bis zum Mond reichen würden. Sie würden nicht mal bis Offenbach reichen, wo man allerdings auch keine Bücher liest.

Ich hatte alle Bücher in Kartons verpackt und in den Flur gestellt. Danach die Fächer des Regals entstaubt und eine ziemliche Menge toter Insekten entfernt. Woran die gestorben sind? An den Ausdünstungen säurehaltigen Papiers vielleicht? Und warum findet man hinter Möbeln eigentlich immer Salzstangenreste? Machen sich manche Gäste einen Spaß daraus, die Salzstangen heimlich, während man die Schnittchen holt, hinter Regale und Sofas zu werfen? Was finden eigentlich Insekten, wenn sie die Möbel mal von der Wand abrücken? Etwa auch Salzstangen?

Bücher sind legale Stasi-Akten

Mein Regal sah ohne Bücher und Insektenleichen sehr gut aus, es hatte etwas Verheißungsvolles, in die Zukunft Weisendes. Statt mich darüber zu freuen, packte ich die Kisten aus und begann den Inhalt wieder einzusortieren. Dabei nahm ich jedes Buch in die Hand, schaute es mit sorgenvollem Blick an, hielt es aus dem Fenster, blätterte es auf und schüttelte es hektisch. Möglich, dass wichtige Buchstaben oder Sätze dabei herausgefallen oder ganze Handlungsstränge durcheinandergeraten sind. Trotzdem muss man so mit Büchern verfahren, wenn man nicht will, dass sie völlig verstauben und anfangen, muffig zu riechen. Ein neues Buch riecht nach etwa drei Jahren schon recht unangenehm. Millionen von Büchern verwesen in diesem Moment in schlecht gepflegten Regalen. Zweckmäßig ist es deshalb, die Bücher verschweißt ins Regal zu stellen und die Folie erst zu entfernen, wenn man das Buch wirklich lesen will. Ein verschweißtes Buch ist immer ein gutes Buch, aber ein unverschweißtes kann einem viele trübe Stunden bereiten.

Das Lesen wird als Kulturleistung unangemessen verherrlicht. Wieso liest man sich etwas durch, was jemand anderes geschrieben hat? Das tun eigentlich nur Lehrer oder Geheimdienste. Bücher sind legale Stasi-Akten, die der Überwachte oft selber angelegt hat. Man könnte aber auch sagen: Jedes Buch ist ein Grabstein. Ein Grabstein für eine verendete Lektüreleistung. Schrecklich, was einem für grauenhafte Aphorismen einfallen, sobald man sich ernsthafter mit Büchern beschäftigt.

Und auf mich warten jetzt weitere 124.000 Neuerscheinungen. Wo soll ich den Platz dafür hernehmen? Auf welche Bücher könnte ich bloß verzichten? Vielleicht auf Herta Müller? Ich habe „Atemschaukel“ gelesen und müsste das Buch nicht unbedingt behalten. Ich sollte auf jeden Fall eine Notiz machen: „Dieses Buch wurde gelesen, als ich noch nicht wusste, dass die Autorin den Nobelpreis bekommt.“ Herta Müller stünde genau zwischen Fanny Müller und Robert Müller. Also zwischen der Chronistin des Hamburger Prekariats und dem Hauptvertreter des exotistischen Expressionismus. Gemessen an der Häufigkeit des Namens, befinden sich nur sehr wenige Müllers in meiner Bibliothek. Müller scheint eigentlich kein Schriftstellername zu sein. Schriftsteller haben keine Allerweltsnamen, jedenfalls pflege ich keine Bücher von Schriftstellern mit Allerweltsnamen zu lesen. Kein einziger Meier beispielsweise, kein Wagner und auch kein Miller. Stattdessen Moorcock, Strugatzki, Turgenjew, Brautigan oder Modiano. So muss man heißen, um von mir gelesen zu werden. Das wird mir erst jetzt klar. Insofern war es eine mutige Entscheidung, den Nobelpreis an jemand mit dem Namen Müller zu vergeben, obwohl man sonst in Stockholm für Namen wie Pamuk, Le Clezio oder Fo schwärmt. Ein Bekenntnis zu Herta Müller wäre also auch ein Bekenntnis zur Durchschnittlichkeit.

Ein Hauch von Kränkung

Doch dieses Bekenntnis würde in meiner Bibliothek gar nicht wahrgenommen, denn sie ist aus Platzgründen zweireihig angeordnet. Und die Müllers stehen in der zweiten Reihe. Hinter Moers und Mosebach. Dieses System erlaubt mir, doppelt so viele Bücher unterzubringen, aber es rückt auch Werke in den Vordergrund, die man lieber nicht so offensiv präsentieren möchte, denn eine Bibliothek ist ja auch immer eine kleinbildungsbürgerliche Visitenkarte. Egal, wie oft ich umräume, bei mir steht beispielsweise immer Goebbels vorne. „Kampf um Berlin“ und „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“. Die Bücher besitze ich nur, weil ich einmal auf der Suche nach einem Zitat war, das ich dann auch gefunden habe, aber jetzt drängen sie sich in den Vordergrund und sind nicht weit von Max Goldt entfernt. Goebbels hat ziemlich viel geschrieben, mehr als Goldt, erstaunlich, dass ihm neben der ganzen Demagogie Zeit dafür blieb. Während Goldt dagegen in seiner Freizeit auf Demagogie völlig verzichtet.

Ich frage mich gerade, ob ich wohl jemals einem Menschen begegnen werde, der stolz auf seine Bibliothek weist und erklärt, er habe alles von Hitler? Hitler stünde bei mir übrigens auch vorne, und zwar direkt zwischen Herzmanowsky-Orlando und Paulus Hochgatterer.

Besonders unangenehm kann die Zweireihigkeit werden, wenn man Besuch von einem Schriftsteller bekommt. Ich erinnere mich noch heute, wie Robert Gernhardt zwischen Suppe und Hauptgang vor meiner Bibliothek stand. Natürlich nicht ganz plump vor dem Buchstaben „G“, das wäre auch für ihn peinlich gewesen. Er äußerte sich lobend über meinen umfangreichen Bestand an Büchern von Alexander Lernet-Holenia, der insgesamt 31 Werke umfasst. Aber er hatte natürlich die Goebbels-Bücher registriert und auch die Goldt-Titel und vergeblich seine eigenen Werke gesucht, die alle nach hinten verbannt waren, worauf ich ihn dann notgedrungen hinweisen musste. Darauf bemerkte er vielsagend: „Soso, in der zweiten Reihe . . .“, und da schwang bei aller Ironie auch ein Hauch von Kränkung mit.

Ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb

Meine eigenen Werke habe ich wohlweislich nicht in die Bibliothek eingeordnet, weil das so einen bescheidenen und unprätentiösen Eindruck macht. Ich stünde sonst direkt neben Zuckmayer, aber auch in der zweiten Reihe, und zwar ganz unten. Zuckmayer ist übrigens ein guter Schriftstellername, Zuckmüller oder Zuckwagner ginge auch. Die Vorsilbe Zuck veredelt anscheinend einfache Namen, wobei Zuckgoethe eher bizarr klänge, von Zuckzippert ganz zu schweigen.

Es ist wirklich ein Problem, wenn man viele Menschen kennt, die Bücher schreiben und die tatsächlich auch mal zu Besuch kommen könnten. Das Problem ist aber nicht nur, ob sie in erster oder zweiter Reihe stehen; das Problem ist, dass sie überhaupt schreiben. Von Robert Gernhardt stammt bezeichnenderweise die Äußerung, die anderen würden nur deshalb Bücher verfassen, um einen selber vom Schreiben abzuhalten,weil man die dann aus Höflichkeit liest. In Wirklichkeit handelt es sich um einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb, vor allem, wenn es besonders dicke Bücher sind. Wenn der Autor schlau ist, schreibt er auch noch eine Widmung in den Ziegel, die man dann erst vorsichtig mit einer Rasierklinge heraustrennen muss, bevor man das Buch dem Förderverein der Stadtbibliothek Oberursel schenkt, damit der es auf dem Bücherflohmarkt verkaufen kann, von dessen Erlösen die Stadtbücherei sich neue Ziegel anschafft.

Ein rätselhaftes Alterswerk

Ein Freund schrieb mir in sein eher schmalziegeliges Werk: „für Hans und seine Erben (damit ihr das Buch später mal nicht wegschmeißt)“. Und damit steht jetzt auf ewig eine Joschka-Fischer-Biographie in meiner Bibliothek. Auf einer Veranstaltung in Dresden begegnete ich dem sympathischen Dr. Manfred Osten, und wir widmeten uns zum Abschied gegenseitig unsere Bücher. Seins trägt den Titel: „Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur“. Ich habe es nicht überprüft, glaube aber, es handelt davon, dass ich sein Buch auf keinen Fall aussortieren darf, weil ich dadurch die Erinnerung an unsere Begegnung zerstören würde

Doch wie kann ich unter diesen vertrackten Voraussetzungen bloß die 124.000 Neuerscheinungen unterbringen? Vielleicht sollte ich mich endlich von Billy Budd trennen. Den besitze ich nämlich viermal. Ich habe das „rätselhafte Alterswerk“ Melvilles allerdings bislang noch nie gelesen und wohl deshalb immer wieder gekauft. Einmal in der Übersetzung von Ilse Hecht, einmal von Lislott Pfaff, einmal von Michael Walter und Daniel Göske und dann noch von Richard Möring, der das Buch als Erster ins Deutsche übertrug, und zwar 1938. Eine gefährliche Zeit, es würde mich nicht wundern, wenn das Buch eigentlich „Hitlerjunge Billy Budd“ heißen sollte.

Oder sollte ich mich endlich mal von Hans Holzers „Gespensterjäger“ trennen? Das wäre ein Fehler, denn er schreibt im Nachwort, man könne ihm „jeden unerklärlichen Spukvorgang“ melden. Und zwar nach New York City USA, 140 Riverside Drive. Hans Holzer wäre wahrscheinlich der Einzige, der mich vom grauenhaften Spuk der 124.000 Neuerscheinungen befreien könnte.

Von Hans Zippert erschien zuletzt „Was macht dieser Zippert eigentlich den ganzen Tag? - Aus dem Leben eines bekennenden Kolumnisten“ im Verlag Klaus Bittermann, Edition Tiamat Berlin 2009.

Quelle: F.A.Z.
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