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Buchmesse im Dunkeln Die Nacht schafft tausend Abenteuer

16.10.2009 ·  Nachts wäre mancher Leser gerne allein auf der Messe, um ungestört zu lesen, während verfrüht Angetrunkene den Ausgang zuweilen nicht mehr finden. Wachleute wie Harald Sielmann nehmen sich der Spätschwärmer mit gebotener Strenge an. Ein Nacht auf der Buchmesse.

Von Julia Bähr
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Wie laut die Klimaanlage wirklich ist, merkt man erst nachts. Es herrscht ein Gepuste, Gerödel und Gebrumme in den leeren Messehallen, das den Eindruck eines Hangars noch verstärkt: Gleich muss der Airbus, der diesen Lärm macht, landen. Auf den im Halbdunkel liegenden Gängen ist es ruhiger, doch die Stille ist unheimlich für denjenigen, der hier einige Meter alleine geht.

Dabei ist die Messe bei Nacht ungefährlich wie nie. Das Sicherheitsrisiko Besucher ist verschwunden, um und durch die Hallen patrouilliert der Sicherheitsdienst. Jeder, der angetroffen wird, muss eine Befugnis vorweisen können. Und es sind nicht wenige unterwegs in den Hallen: Die größeren Verlage haben ihre eigenen Standwachen, oft Studenten, die Technik und Papier bewachen. Gleich am ersten Stand beäugt uns die Wache misstrauisch; auch anderen fallen unbekannte Besucher auf. Wer zurückäugt, dem bietet sich ein faszinierendes Bild: Auf einer Messe voller Bücher hat kein Mensch eines in der Hand. Am Stand einer Zeitung spielt ein junger Mann das Rennspiel „Need for Speed“, bei einem Verlag sitzt eine Frau bei amerikanischen Serien auf DVD auf einem Sofa, und einen Gang weiter schauen zwei Männer im Internet ein Fußballspiel an: Uruguay gegen Argentinien. Lesen halte eben nicht ausreichend wach, meint der Computerspieler. Eine Dame findet sich schließlich, die Kreuzworträtsel löst und auf Nachfrage auch ein Buch aus dem Rucksack zieht: Diana Gabaldon, viele hundert Seiten dick. Das reicht für einige Nächte.

Vielleicht werden die Wachen absichtlich nach einer Leidenschaft für Freizeitgestaltung vor Bildschirmen ausgewählt. Denn für Bücherliebhaber sind die Regale eine einzige Verlockung. Manche Verlage haben ihre Stände für die Nacht leergeräumt, andere wie etwa S. Fischer präsentieren sich herrlicher als tagsüber: Wo sich sonst Menschen drängeln, ist die Sicht nun frei auf meterweise bunte Buchcover, appetitlich angerichtet, als müsse man durch eine geöffnete Pralinenschachtel laufen und dürfe nichts essen.

Es gilt, die Hände in den Taschen zu behalten, denn der Nachtdienstleiter der Sicherheit begleitet uns. Harald Sielmann schiebt seit fünf Jahren im Dunkeln Dienst und sieht deutlich weniger übernächtigt aus als die Standwachen, die den harten Arbeitsrhythmus nicht gewohnt sind. Von 20 Uhr bis 8 Uhr schläft die Messe, doch die Wachen wachen. Man ist geneigt, zu glauben: Sie bewachen einander.

Denn an „den klassischen Räuber, der durchs Fenster reinkommt“, glaubt auch Sielmann nicht. Zu streng ist das ganze Gelände bewacht. Umso heikler ist die Situation, wenn Verlagsmitarbeiter angetroffen werden, die nach 21 Uhr an diesem Abend eigentlich nicht mehr da sein dürfen. „Jeder, den wir antreffen, hält sich für befugt oder hat irgendeinen plausiblen Grund, warum er noch hier ist“, sagt Sielmann. Sein Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass er das meist anders sieht. Die späten Passanten sind in recht unterschiedlichem Zustand: „Wenn da jemand um 3 Uhr nachts am Stand über dem Laptop sitzt und beim Arbeiten die Zeit vergessen hat, lasse ich den natürlich nicht vom SEK überwältigen.“ Es kommt aber schon auch einmal vor, dass den Sicherheitsleuten jemand entgegenfällt, der den Sektumtrunk mit den Kollegen nach Hallenschluss nicht gut verkraftet hat. Solche Fälle werden ins Taxi gesetzt und vom Gelände gebracht.

Die größere Gefahr ist Feuer. Beim Aufbau gab es einen Schmorbrand, der schnell entdeckt und gelöscht wurde. „Wenn eine Halle abbrennt, wäre das schon sehr peinlich“, bemerkt Sielmann. Wie viele Sicherheitsmänner unterwegs sind, darf er nicht sagen – Betriebsgeheimnis. Vier davon sitzen im Aufenthaltsraum bei „Bild“ und Essiggurken, um sich aufzuwärmen. Es ist ein Uhr und mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Eine kalte Nacht. Der Außenrundgang dauert zweieinhalb Stunden und führt durch dunkle Ecken. Das Format der Taschenlampe auf dem Tisch hätte Alfred Bioleks Pfeffermühle zur Ehre gereicht.

In der Sicherheitszentrale geben die Funkgeräte in den Ladestationen einen Hinweis darauf, wie viele Einsatzkräfte es gibt: viele. Das Fensterbrett und ein langer Tisch sind vollgestellt mit Geräten. In einer Schublade klingelt es. Sielmann nimmt den Anruf entgegen und erklärt seinem verwirrten Gesprächspartner, die Besitzerin habe ihr Handy verloren. Außerhalb der Öffnungszeiten ist die Sicherheitszentrale das Fundbüro, auch die am Eingang konfiszierten Gegenstände werden hier verwahrt: Vor allem CS-Gas, Teppichmesser und Leathermen haben viele Besucher dabei. Ausgefallener ist die Ausbeute am Samstag, wenn die verkleideten Cosplay-Fans anrücken. Die bringen nämlich gerne Schwerter mit – Mangafiguren schützen sich selbst.

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