12.10.2009 · Elektronische Konkurrenz zum gedruckten Buch gibt es schon länger. Aber sie scheint ihrem Durchbruch so nahe wie nie zuvor. Die ganze Branche sucht daher nach Geschäftsmodellen für die Zukunft. Dabei drängt die Zeit.
Von Georg GiersbergÜber einen Mangel an Aufmerksamkeit kann sich die diesjährige Buchmesse nicht beklagen. Das Gastland China hat dem Messeveranstalter schon vor der Messe viel Publizität und damit verbunden viel Lob und Kritik bereitet. Die 61. Internationale Buchmesse vom 14. bis 18. Oktober wird allein schon deshalb ein großes Medieninteresse auf sich ziehen, weil man sehen will, wie sich das noch weitgehend staatliche Verlagswesen Chinas mit der europäischen Meinungsfreiheit verträgt und ob es zu spektakulären Auftritten offizieller Vertreter der Volksrepublik oder chinesischer Dissidenten kommt.
Die Organisatoren des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels dürften sich über die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller mehr gefreut haben als über manchen Auftritt chinesischer Gäste vor der Messe.
Nobelpreis treibt auch Lizenzhandel
China und dessen Meinungsfreiheit ist zwar ein wichtiges Thema, chinesische Literatur spielt im deutschen Buchhandel aber keine große Rolle. Im vergangenen Jahr sind elf Bücher aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt worden - bei 80 000 Neuerscheinungen hierzulande. Weil China in diesem Jahr den Status eines Gastlandes auf der Messe genießt, sind aktuell 80 Bücher übersetzt worden. Aber auch das wird sich im Buchhandel kaum umsatzsteigernd niederschlagen.
Anders die Verleihung des Literaturnobelpreises. Kaum war Herta Müller nominiert, waren in vielen Buchhandlungen ihre Bücher ausverkauft. Von ihren Büchern verspricht sich der Handel ein Zusatzgeschäft, zumal Herta Müller mit „Atemschaukel“ eine der meistgelobten Neuheiten dieses Herbstes vorgelegt hat. Zudem bekommt Deutschland nicht so häufig einen Nobelpreis. Von 106 vergebenen Literaturnobelpreisen gingen bisher 13 an deutschsprachige Autoren wie Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse oder Günter Grass. Der Nobelpreis wird dem Hanser Verlag, in dem Müller publiziert, eine Fülle von Übersetzungsgesuchen einbringen.
Elektronische Bücher vor dem Durchbruch
Der Handel mit internationalen Rechten und Lizenzen ist denn auch einer der wichtigsten Gründe, warum 7000 Verlage aus 100 Ländern jährlich nach Frankfurt kommen. In diesem Jahr geht es aber um mehr in Frankfurt. Es geht um die Zukunft des gedruckten Buches. Elektronische Konkurrenz zum gedruckten Buch gibt es schon länger. Aber sie scheint ihrem Durchbruch so nahe wie nie zuvor.
Der Umsatz mit elektronischen Büchern liegt hierzulande im einstelligen Millionenbereich - noch. Für Hörbücher werden schon 200 Millionen Euro im Jahr ausgegeben. Auch das ist bei einem Gesamtmarkt von 10 Milliarden Euro nicht viel. Aber die Technik wird laufend verbessert, neben Amazon und Sony kommen andere potente Geräteanbieter bis hin zu dem Giganten Apple auf den Markt. Google bietet ein immer größeres Bucharchiv.
Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten zeigt, dass das elektronische Publizieren an Fahrt gewinnt. Der Tod des gedruckten Universallexikons (Brockhaus) durch Wikipedia oder der Ersatz von Straßenkarten durch Navigationssysteme zeigt, dass auch hierzulande die Elektronik längst Spuren auf dem Markt des gedruckten Wortes hinterlässt.
Suche nach dem Geschäftsmodell
Viele Verlage und Buchhändler befürchten ein Schicksal ähnlich dem der Musikindustrie: Im Internet gibt es alles kostenlos, und um Urheberrechte kümmert sich niemand mehr. So weit ist es in der Verlagsbranche noch nicht. Aber sie muss aufpassen. Aus Umfragen geht hervor, dass die meisten Verbraucher erwarten, dass elektronische Versionen eines Buches billiger sind als gedruckte. Sie gehen sogar davon aus, dass der Preis für elektronische Bücher deutlich unter dem Preis für das entsprechende Taschenbuch bleibt
Die ganze Branche sucht daher nach Geschäftsmodellen für die Zukunft. Eine Lösung, wie man nachhaltig und gewinnbringend Inhalte elektronisch vermarkten kann, hat bis heute niemand. Dabei drängt die Zeit. Gedrucktes Buch, elektronische Versionen, Verfilmung und Vermarktung über Computerspiele wachsen immer stärker und schneller zusammen. Fachleute sagen voraus, dass im Jahr 2018 der Umsatz mit elektronischen Büchern den mit gedruckten Büchern übersteigen wird.
Lieber Medienkaufmann als Buchhändler
Viele Jugendliche nehmen diese Entwicklung offenbar schon voraus. Die Ausbildung zum Buchhändler hat unter Schülern deutlich an Ansehen verloren. Buchhändler gelten unter Jugendlichen schon heute als verstaubt, aussterbend, brotlos und langweilig. Hierin kommt auch zum Ausdruck, dass die Jugend auf dem Weg in die Elektronik weiter ist als der Durchschnittserwachsene. Der Beruf des Medienkaufmanns im Verlagswesen wird schon besser beurteilt. Er wird die neuen Schnittstellen zwischen Produzent und Verbraucher finden müssen.
Ob auf der Messe dazu mehr als Ansätze geliefert werden, ist unwahrscheinlich. Noch hat offenbar niemand eine zukunftsträchtige Lösung. Andere Fragen wie Stellenstreichungen oder Konsolidierung im Verlagswesen sind Begleiter dieses Wandels, die eine spannende Messe erwarten lassen.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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