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Fortsetzungsroman (5) Wir schenken der Welt endlich das Glück

18.10.2009 ·  Dramatisches Finale des F.A.Z.-Kurzromans zur Buchmesse: Alle Fäden laufen zusammen bei den Glastürmen der Deutschen Bank. Dort wird der teuflische Plan enthüllt: das Internet soll abgeschaltet werden. Letzte Folge der „Frankfurter Verknotung“ von Oliver Maria Schmitt.

Von Oliver Maria Schmitt
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Soll und Haben – wegen Umbau geschlossen. Hatte ich eigentlich gedacht, aber wir hielten genau darauf zu: auf die Doppeltürme der Deutschen Bank. Offiziell waren sie seit Monaten im Umbau, die Fassade war angenagt, etliche der spiegelnden Glasplatten fehlten.

Ich saß hinten in der schwarzen Diplomatenlimousine, neben mir Herr Zhang, der teilnahmslos nach vorne stierte. Bu Yao war auf dem Messegelände geblieben, hatte sich in der Glaskabine verschanzt. Wenn ich ihm nicht in dreißig Minuten per Handy Entwarnung gäbe, würde er die Protesttransparente entrollen und einen für die Chinesen weltweiten Gesichtsverlust verursachen. Herr Feng behielt ihn im Auge, während Zhang den Auftrag hatte, mich zu Xiao Yun zu bringen, meiner geliebten kleinen Wolke. Unsere Limousine passierte drei Sicherheitsschleusen, besetzt von grimmig dreinschauenden Security-Herrschaften. Sie trugen Anoraks mit der Aufschrift „ex-suhrkampler.de“. In der Tiefgarage bestiegen wir einen Aufzug und fuhren . . .

„Abwärts?“

„Ja, abwärts. Oben ist alles voll.“

„Nicht leer? Wird denn nicht umgebaut?“

„Haha, schön, dass Sie das glauben. Die beiden Türme sind längst in chinesischer Hand, sie heißen jetzt Yin und Yang. Wir benutzen sie als Vorratsspeicher, links ist Reis drin, rechts Sojasauce.“ Er lächelte süß-säuerlich.

Im Keller angekommen, eilten wir durch lange, dunkle Gänge. Herr Zhang geriet ins Lamentieren: „Wir Chinesen sind stolz auf unsere Vier Großen Erfindungen: Wir haben das Papier und den Buchdruck erfunden, das Schwarzpulver und den Magnetkompass. Genaugenommen sind es sogar fünf, denn die Nudeln haben wir auch entwickelt, die dann euer Wirtschaftsspion Marco Polo nach Italien gebracht hat. Und nun wollen wir der Welt eine weitere großartige Sache schenken: Zeit der Harmonie.“

Schreie hallten im Gang, es war Xiao Yuns Stimme, ich erkannte sie sofort. Ich rannte los, riss eine Türe auf – da saß sie! Festgeschnallt auf einem Stuhl. Offenbar wurde sie gefoltert. Ein großer, weißhaariger Mann stand vor ihr und schnäuzte sich in ein großes, kariertes Taschentuch. Xiao Yun schrie. Der Mann faltete das Tuch zusammen, steckte es in die Hosentasche, die kleine Wolke wimmerte. Er holte das Tuch wieder heraus, Xiao Yun bäumte sich auf, er schnäuzte sich wieder, sie schrie wie am Spieß.

Zhang war hinzugetreten und sagte: „Für einen Chinesen ist der Anblick eines sich schnäuzenden Menschen absolut widerlich. Vor allem, wenn man den Rotz in Tücher wickelt und diese dann spazieren trägt.“

„Schluss damit!“, rief ich. „Hört endlich auf, sie zu foltern, ihr gottverdammten Schlitzaugen! Gewalt bringt doch nichts!“

Erstaunlicherweise beendete Zhang die Prozedur mit einer Handbewegung, ich stürzte zu Xiao Yun und trocknete ihr die Tränen. Mit einem frischen Papiertaschentuch.

„Sie soll uns ja auch nur die Kombination verraten“, seufzte Herr Zhang.

„Ich weiß die Kombination nicht!“, rief sie trotzig.

Ich verstand gar nichts. „Welche Kombination denn?“

„Die Zahlenkombination, um die Türe zu öffnen“, sagte Zhang und deutete auf eine große, graue Stahltüre. Sie war geschlossen, ein Zahlenfeld blinkte. „Wir wollen an den Knoten.“

Ich verstand immer weniger. „An welchen Knoten denn?“

„An den Frankfurter Knoten, den DE-CIX, das ist der größte europäische Internet-Knotenpunkt. Hier laufen jede Millisekunde tausend Milliarden Informationen durch. Informationen, die keiner braucht, die allen nur die Sinne verwirren, die Harmonie zerstören und Zeit vernichten. Wenn wir diesen Knoten trennen, bricht der internationale Datenverkehr zusammen, und wir Chinesen schenken der Welt endlich das Glück, die Zeit der Harmonie! Erstmals seit langem wird die Menschheit wieder selbständig denken!“

Ich weiß nicht, warum – aber mir gefiel der Gedanke sofort. Kein Datenverkehr! Ich müsste nicht mehr die Nächte vorm Internet verbringen, könnte wieder, falls es das überhaupt noch gab, ein gutes Buch lesen. Und vor allem: Das schlechte Rating auf meinem Couchsurfer-Profil wäre endlich getilgt.

„Damit wäre die neue Undurchsichtigkeit endlich Hiftorie“, sagte der weißhaarige Folterer und reichte mir die Hand.

„Geftatten: Ich bin hier gleichfam der Haufmeifter, ich foll den Chinefen helfen, eine neue, weltweite Kulturrevolution fofufagen durchfufetzen, nicht wahr?“ Ich verstand den Mann kaum, er fprach, äh: sprach so ganz komisch. „Ich bin hier gleichfam die Metapher def verrückten Wiffenfaftlers, nicht wahr, ich bin vernetft mit allen wichtigen Denkern der Erde, ich twittere, ich bin auf Facebook, und ich kenne die Handynummer von Frank Firrmacher, hmpf, fie ift 0172 653 – aaaargh, verdammt, Fwächeanfall!“

Er faltete sich zusammen und ging geordnet zu Boden.

Keine Ahnung, wieso, wie und warum – aber aus irgendeiner Geistesgegenwart heraus ging ich zum Tastenfeld der Stahltüre und gab genau diese Ziffernfolge ein. Das rote Signallicht wechselte auf Grün. Die Chinesen applaudierten.

Xiao Yun schrie noch: „Nein, tu’s nicht!“

Doch ich konnte nicht anders, ich betätigte den großen Hauptknopf und schaltete sie einfach ab: die Frankfurter Verknotung.

Ende

Zu allen bisherigen Folgen

Der Autor, Jahrgang 1966, lebt und schreibt in Frankfurt. Für die Reportage über seinen Auftritt als türkische Autorenhoffnung Ertugrul bei der vergangenen Buchmesse erhielt er den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor. Sein jüngstes Werk ist „Der beste Roman aller Zeiten“.

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