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Fortsetzungsroman (5) Liebesgrüße aus Montclair

09.10.2010 ·  Ob es schlimm für mich war? Klar, war es das. Ich meine: Russland! Das ist schon eine ziemliche Ecke weg. Fünfte und letzte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.

Von Annette Mingels
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Ob es schlimm für mich war? Klar, war es das. Ich meine: Russland! Das ist schon eine ziemliche Ecke weg. Aber noch schlimmer als den Abschied von meinen Eltern fand ich den von Rory. Sie hatte sich ja entschieden, mit ihnen auszureisen. Und auch wenn ich das verstehe - immerhin ist sie erst acht, und in dem Alter hatte ich schon Sehnsucht nach meinen Eltern, wenn ich nur ein paar Tage im Summer Camp war - bin ich doch sehr traurig, dass sie nicht bei mir bleiben will.

„Wie sollte das denn gehen?“, fragte sie. „Du musst doch zur Schule gehen, und daneben reist du wegen dem Buch so viel herum.“ Sie ist eine verdammt kluge Achtjährige, und sie sagte das sehr lieb, nicht so vorwurfsvoll, wie das jetzt vielleicht in Ihren Ohren klingt. Sie hat ja recht: So ist die Lage. Schule und Buch, das ist schon mehr als genug.

„Aber du kannst doch gar kein Russisch“, sagte ich, und im nächsten Moment hätte ich mich ohrfeigen können: Angstmacherei war nun wirklich das Letzte, was Rory brauchte. „Ich weiß“, sagte sie und war einen Moment lang ganz geknickt. Aber dann sagte sie: „Jollki palki“, was ziemlich nett klang, aber - wie sie mir erzählte - ein russisches Schimpfwort ist, das unsere Mutter ihr kürzlich beigebracht hatte. „Jollki palki“, sagte ich, und wir umarmten uns, wie wir es sonst nur an Weihnachten tun und wenn einer von uns Geburtstag hat.

Zehn russische Agenten gegen vier amerikanische. Fragen Sie mich nicht, warum das nicht gerechter verteilt ist. Manchmal frage ich mich, was meine Eltern eigentlich in ihrem wöchentlichen Rapport nach Moskau geschrieben haben. Wovon sie erzählt haben. Vom Bauernmarkt am Wochenende? Vom 4.-Juli-Umzug, bei dem der Zoo von Essex einen Wagen hat und der Women's Club von Montclair? Was konnten sie berichten aus einem Städtchen, dessen einzige Attraktion ein Museum ist, in dem es eine große Sammlung von Totempfählen gibt? Vielleicht haben sie sich ja einfach etwas ausgedacht: Haben irgendwem irgendwas angedichtet, weil sie an die wirklich wichtigen Leute nicht herankamen.

„Nee, nee“, sagt Lenny, „so harmlos war das nun auch wieder nicht.“ Hatte ich erzählt, dass er eigentlich Levin heißt? Ja, genau! Wie der grummelige Gutsbesitzer in „Anna Karenina“. Irgendwie scheint er außer mir keine anderen Autoren zu betreuen. Ich find's gut. So hat er genügend Zeit, sich um mich zu kümmern, mir Tipps zu geben und so. Ich solle, sagte er zum Beispiel, nicht dauernd Scherze über den Buchtitel machen, auch wenn der nun wirklich haarsträubend blöd ist: „Meine Eltern 007“. Sonst komme noch jemand dahinter, dass ich das Buch gar nicht selbst geschrieben habe. Und ich solle, meinte er, meinen Eltern jede Woche schreiben. Damit sie wüssten, wie es mir geht, was ich erlebe, wen ich so alles treffe. „Du lernst jetzt ja jede Menge Berühmtheiten kennen“, sagte er. „Politiker, Wirtschaftsbosse, Journalisten. Erzähl ihnen davon, schreib einfach alles auf, was du so hörst.“

Na ja, was soll ich sagen, das mache ich jetzt halt: jede Woche einen langen Brief an meine Eltern, auch wenn die nur selten antworten. Und am Ende schreibe ich immer noch was mit Geheimtinte hin. Keine große Botschaft oder so. Einfach was für Rory.

Ende

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Die Autorin, Jahrgang 1971, lebt seit 2009 in Montclair, New Jersey. Soeben ist bei Dumont ihr Neuer Roman „Tontauben“ erschienen.

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