16.10.2009 · Die Lage auf der Buchmesse spitzt sich zu. Oliver Maria Schmitts Xiao Yun ist verschleppt worden, und um sie zu retten, stürmt er das China-Forum - und stellt dort ein Ultimatum. Vierte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zur Buchmesse.
Von Oliver Maria SchmittDa vorne waren die Uiguren! Am Fuß des Messeturms, zwischen den vielen Antiquariatshändlern, da hatten sie ihren Proteststand. „Stoppt den chinesischen Völkermord an den Uiguren!“, stand auf einem Schild. Ich näherte mich, sprach einige Worte mit dem Chef der Gruppe, dann gab er mir bereitwillig ein Transparent. Ich faltete es zusammen und steckte es in den Getränkekarton, den ich auf der Sackkarre hatte, und schob das Ding weiter. Zum Stand der Tibeter.
Der Plan war zwar verrückt, aber wenn ich Xiao Yun, meine kleine Wolke, wiedersehen wollte, hatte ich keine Wahl.
Zu verlieren hatte ich nichts. Meine Wohnung war eine Trümmerwüste, der Boden übersät mit eingesautem Geschirr, Zigarettenkippen und zerbrochenen Essstäbchen, die komplette Küche war mit einem zähbraunen Schmierfilm überzogen, einer Art Sojasaucenfirnis. Und mittendrin lag Bu Yao schnarchend auf der Couch, neben ihm eine leere Reisschnapsflasche.
Wütend trat ich gegen den Schragen, der Dissident schreckte hoch. Er war verwirrt, ich musste ihm erst klarmachen, dass die beiden Rotchinesen meine Xiao Yun gepackt und in ihren Wagen geworfen hatten, in eine schwarze Limousine mit Diplomatenkennzeichen. Dass man sie verschleppt hatte.
„Das waren Zhong und Feng vom Schriftstellerverband, sie sind aber keine Dichter, sondern Parteikader.“
„Ich denke, du bist Dissident! Warum lädst du dann diese Kaderfressen zur Party ein?“
„Ich bin noch kein richtiger Dissident“, gab er plötzlich zu. „Ich bin erst am Anfang, ich suche noch meine politische Gegenposition. Mit dem Dalai Lama kann ich nichts anfangen, er ist ein verrückter Wanderprediger für Weichgehirne, die Falun-Gong-Leute sind zu debil, vor allem ihr Chef, dieser verrückte Trompeter, und die Uiguren sind unrasierte Muslime, ganz indiskutabel, mein lieber Lao Ou. Da beobachte ich doch lieber den Feind aus der Nähe. Mao sagt: Man kann den Feind nur mit dem Feind bekämpfen, doch der Feind von heute kann dein Freund von morgen sein, wenn er sich wie ein Fisch im Wasser bewegt.“
Was die beiden Rotchinesen nun aber von Xiao Yun wollten, konnte er sich auch nicht erklären. Sie sei ja gar keine Schriftstellerin, sie würde schon lange in Frankfurt leben und mache wohl irgendwas bei einer Elektronikfirma. Da fiel mir auf, dass ich von meiner mandeläugigen Schönheit, mit der ich ja erst gestern zum ersten Mal geknutscht hatte, kaum etwas wusste.
Dafür wusste ich aber, wo die Parteikader auf der Buchmesse residierten: im China-Forum, im oberen Saal.
„Los, Bu Yao! Wir müssen da hin und Xiao Yun rausholen. Du musst mir helfen!“ Er sträubte sich erst mit Händen und Füßen, dann bot ich ihm an, auf seinem Couchsurfing-Profil eine schöne Referenz zu hinterlassen: „Dieser freundliche Möchtegerndissident kann auch Ihre Wohnung in Rekordzeit zur Müllkippe machen.“ Wir fuhren zur Messe.
Ich holte die Sackkarre aus dem Catering-Van, dann zogen wir los, klapperten die Stände vorm Messeeingang ab. Ein Transparent hatten wir bereits. Jetzt verhandelte ich mit einigen Tibetern, machte eine großzügige Spende, dann ließ ich mir den Weg zum Infostand der Falun-Gong-Sekte zeigen. Auch dort lief alles bestens. Wir schoben zum Haupteingang.
„Hihi, aber du kannst nichts mit hineinnehmen“, säuselte Bu Yao. „Sie veranstalten Kontrollen der Sicherheit an allen Eingängen. Man hat auch mir am ersten Tag alles abgenommen, die ganzen Sprengstoffe, die Säure und den Zeitzünder.“
Wortlos deutete ich auf meine weiße Service-Jacke, warf ihm ebenfalls eine zu, dann zückte ich meinen Lieferantenausweis. Wir wurden sofort durchgewunken.
Vor dem Eingang zum China-Forum standen Kamerateams und holten Meinungen von Fachleuten ein. Ein dicker Mann sagte zu seinem Interviewer: „Nein, nicht Oswald, ich heiße Tilman Spengler!“ Ein Kahlkopf mit Brille sprach ins Mikrofon: „Jawohl, ich bin Juuuuude! Man lässt mich hier nirgends rein!“
Jetzt musste alles schnell gehen.
Wir rollten in den großen Saal, wo gerade eine große Pressekonferenz im Gange war. Genau, was wir brauchten! Auf dem Podium saßen chinesische Fachbesucher und redeten mit Deutschen Fachchinesisch. Das zahlreiche Publikum trug Kopfhörer für die Simultanübersetzung. Vorne sah ich Zhong und Feng stehen, sie blickten mit starrer Miene in die Menge. Wir enterten eine freie Übersetzerkabine, ich schloss von innen ab. Durch die große Glasscheibe überblickten wir den gesamten Saal.
Ich gab Bu Yao ein Mikrofon, machte das Kabinenlicht an, das Mikrofon scharf und winkte den beiden Kadern zu. Sie starrten entgeistert zu uns hoch, dann hörten sie, was Bu Yao ihnen in die Kopfhörer säuselte:
„Genossen! Gleich werden wir die Sprechanlage für alle hier hörbar machen, dann werden wir ein Schild hochhalten mit der Aufschrift ‚China ist der Mörder der Uiguren!‘, eine Tibet-Fahne schwenken und ein Plakat mit dem linksgedrehten gelben Hakenkreuz entrollen, dem Logo von Falun Gong. All das werden wir tun, wenn Xiao Yun nicht in drei Minuten hier wohlbehalten in der Halle steht!“
Fortsetzung folgt
Zu allen bisherigen Folgen
Der Autor, Jahrgang 1966, lebt und schreibt in Frankfurt. Für die Reportage über seinen Auftritt als türkische Autorenhoffnung Ertugrul bei der vergangenen Buchmesse erhielt er den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor. Sein jüngstes Werk ist „Der beste Roman aller Zeiten“.