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Fortsetzungsroman (4) Liebesgrüße aus Montclair

08.10.2010 ·  Bei einer Buchmessenparty sagte an der Bar ein Typ „I'm a journalist“, und ich sagte: „I'm an author“. Dann kann ich mich nur noch daran erinnern, wie wir in ein Taxi stiegen. Vierte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.

Von Annette Mingels
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Lenny hatte ja gesagt, dass das Buch ein Erfolg werden würde. Und nach den ersten Wochen habe ich langsam angefangen, selbst daran zu glauben. Den ganzen September hindurch tingelte ich von einer Lesung zur nächsten. In Boston las ich auf einem Literaturfestival, das in einer ehemaligen Brauerei stattfand. Ich saß auf einem Fass, eine Cola stand vor mir auf einem zweiten Fass, und an der Wand hing ein Plakat, das dafür warb, jeden Tag ein Bier zu trinken. In Westport wurde ich für's Radio interviewt und als ich später meine Stimme hörte, wurde mir fast übel. Anfang Oktober dann erschien das Buch in acht Sprachen: deutsch, spanisch, portugiesisch, französisch, italienisch, holländisch, schwedisch und estnisch. In Amerika hatten inzwischen alle großen Zeitungen über das Buch geschrieben. Um es auf einen Nenner zu bringen: inhaltlich fanden es alle spannend, handwerklich wurde einiges bemängelt. Aber das konnte mich glücklicherweise kalt lassen, weil ja nicht ich das Buch geschrieben hatte, sondern mein Vater.

Am 6. Oktober flogen Lenny und ich nach Deutschland, zu einer Buchmesse in Frankfurt. Mein Vater hatte mir vorher am Telefon noch Instruktionen gegeben. Sein bester Tip: Ich solle kein Getränk trinken, das mir in einem offenen Glas vorgesetzt wird. „Du weißt, warum“, sagte er. „Nicht wirklich“, sagte ich. „Gift“, sagte mein Vater. Keine Ahnung, ob es an der Gefängniskost liegt oder am Eingesperrtsein, aber allmählich scheint er durchzudrehen. Ich müsse auf einer Flasche bestehen, und diese Flasche, sagte mein Vater, müsse beim Öffnen klacken. Er machte ein Geräusch mit der Zunge. „So etwa“, sagte er, „hast du das gehört?“ „Ja“, sagte ich, „hmhm, schon klar.“ „Oder Dosen“, überlegte mein Vater. „Am besten sind wohl Dosen.“ Ich machte wieder hmhm, während ich mit einem Kugelschreiber auf dem Block herumkritzelte, der neben dem Telefon lag. Als Rory und Mrs Redmond an mir vorbei zur Haustür gingen und winkten, sagte mein Vater gerade, dass ich niemandem meine Handynummer geben solle und am besten mit überhaupt niemandem spräche. „Es gibt da“, sagte er, „eine lange Geschichte zwischen Russland und Deutschland, und die ist noch immer nicht abgeschlossen.“

Am ersten Abend der Buchmesse gingen Lenny und ich auf eine Party meines deutschen Verlags. Der Verlag hatte ein großes Café gemietet, in dem es bereits um zehn Uhr so voll war, dass ich auf dem Rückweg von der Toilette Lenny nicht mehr finden konnte. Ich stellte mich an die Bar, bestellte mir einen Sekt und dann noch zwei, dann sagte jemand zu mir: „I'm a journalist“, und ich sagte: „I'm an author“, und dann kann ich mich nur noch daran erinnern, wie wir in ein Taxi stiegen, zwischen hohen modernen und kleinen alten Häusern hindurch zu meinem Hotel fuhren, und wie wir in mein Zimmer traten und uns, angezogen wie wir waren, aufs Bett legten. Als ich wach wurde, war ich alleine und immer noch angezogen, und darum dachte ich, dass ich guten Gewissens Mitglied der „True love waits“-Gruppe unserer Schule bleiben könne. Aber dann kam der Typ aus dem Bad zurück, und damit hatte sich das dann auch erledigt.

Kurzroman zur Buchmesse: Liebesgrüße aus Montclair (3)

Kurzroman zur Buchmesse: Liebesgrüße aus Montclair (2)

Kurzroman zur Buchmesse: Liebesgrüße aus Montclair (1)

Fortsetzung folgt

Die Autorin, Jahrgang 1971, lebt seit 2009 in Montclair, New Jersey. Soeben ist bei Dumont ihr Neuer Roman „Tontauben“ erschienen.

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