16.10.2009 · Bei Oliver Maria Schmitt tobt die einzige echte Gratisparty in der Stadt. Plötzlich gibt es Streit über das Essen. Und Xiao Yun, die kleine Wolke, wird Hals über Kopf in einer schwarzen Limousine verschleppt. Dritte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zur Buchmesse.
Von Oliver Maria SchmittUm den Ratingstatus seines Couchsurfer-Profils zu verbessern, beherbergt Oliver Maria Schmitt während der Frankfurter Buchmesse den chinesischen Dissidenten Bu Yao auf der heimischen Liege. Ein folgenschwerer Schritt. Dritte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans.
Wir aßen aus Aschenbechern. Es gab keine freien Teller, Tassen, Töpfe mehr, alles war belegt, befüllt, beschmiert mit bräunlich-gelblichen, rotbraunen und braunschwarzen Substanzen, die Namen trugen wie „Rindfleisch mit Fischduft“, „Tofu nach Art der pockennarbigen Frau“ oder „Nummer 34“. Nachdem ich die Blumentopfuntersetzer gespült und zu Tellern erklärt hatte, waren jetzt die Aschenbecher dran, was den rauchenden Chinesen in meiner Wohnung jedoch nichts auszumachen schien. Sie aschten einfach auf den Boden.
Bu Yao, der Dissident, der seit Tagen auf meiner Couch wohnte, hatte sich spontan entschlossen, sämtliche Chinesen und Chinaaffine auf der Frankfurter Buchmesse zu mir nach Hause einzuladen, um sie auf meine Kosten zu bewirten. „Dadurch konnte ich sehr viel Gesicht gewinnen, Lao Ou“, hatte er mir erklärt. Es schien die einzige echte Gratisparty an diesem Donnerstagabend zu sein, denn auch alle Nicht-Chinesen Frankfurts waren der Einladung gefolgt. Nun versuchten sie, bis in meine Wohnung vorzudringen.
Von außen drosch jemand mit Fäusten gegen die Wohnungstür und schrie: „Ich bin Juuuuude! Lasst mich rein, ihr verdammten Nigger! Ich bin Juuuuuuuude, ich habe Thomas Mann getötet!“ Die Tür war aber nicht mehr zu öffnen, der Gang war, wie alle anderen Zimmer auch, gestopft voll, man konnte sich nur mit Hilfe von Brechstangen vorwärtsbewegen.
In meinem Bett lag ein Mann, der sich als „der echte Joachim Lottmann“ ausgab. Er flüsterte mir zu: „Ich bin inkognito hier. Offiziell bin ich in Indien. Sagen Sie bloß niemandem, dass Sie mich gesehen haben, wiederschaun.“ Er zog sich die Decke über den Kopf.
„Ist das ein Dissident?“ fragte Bu Yao.
„Keine Ahnung. Er ist jedenfalls nicht da.“
„Dann ist er nicht von meinem Interesse. Kannst du mich anderen Dissidenten vorstellen? Ich muss sehr dringend internationale Beziehungen mit anderen Opponenten aufnehmen.“
„Frag doch mal den da hinten!“ Ich deutete auf einen hageren, abgezehrten Mann mit Stoppelbart und auftoupiertem grauen Wuschelkopf. Obwohl keiner zuhörte, rief er immer wieder: „Ich habe Krebs, Leute, Krebs! Hallo, Kreee-hebs! Das müsst ihr euch mal geben!“
„Ist das Herr Se-Lin-Gen-Sif?“
„Frag ihn doch.“
Ich drängte mich weiter, ich musste Xiao Yun finden, meine kleine Wolke. Vorhin hatte ich Gelegenheit gefunden, mit dieser süßesten Versuchung Chinas auf dem Klo zu knutschen. Ich fand erst, dass der Ort unpassend sei, Xiao Yun auch, aber nachdem wir ein unbekanntes Pärchen in meiner Badewanne kopulieren sahen, schlossen wir uns dem allgemeinen Gehabe an. So gut das im Stehen halt ging.
Ich drückte mich durch die Menge. Ein Chinese sprach mich an, er trug einen Rucksack auf dem Rücken, der sich merkwürdig bewegte, sich wölbte und krümmte. Da ich kein Wort verstand, drückte er mir freundlich lächelnd ein Kärtchen in die Hand - dann wurde er weitergeschoben. Auf dem Kärtchen stand eine Telefonnummer und darunter: „Ich habe Interesse fuer Ihre Hund, zahle Bar.“
Ein anderer Gast rief aufgeregt in die Runde: „Habt ihr das gesehen? Überall in den Parks, an den Ententeichen und Tümpeln, da sind Schilder aufgestellt: 'Liebe Chinesen! Bitte nicht aufessen! Städtisches Eigentum!'“
Im Wohnzimmer stand ein Mann, der so ähnlich aussah wie der dicke Dichter Thomas Hettche, er war aber nicht so dick wie Hettche. Das verwirrte mich. Als ich den Ähnlichen darauf ansprach, meinte er: „Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin nur die Dünndruckausgabe von Thomas Hettche.“
Plötzlich drang aufgeregtes Geschrei aus der Küche, Chinesen stritten. Bu Yao, umringt von anderen Schlitzaugen, fuchtelte wild mit den Händen, alle teufelten aufeinander ein. Meine kleine Wolke stand auch dabei und platzierte mit greller Stimme verbale Einwürfe, welche die Debatte nur noch weiter anheizten.
Ich ging dazwischen und schrie: „Schnauze jetzt! Könnt ich euren Politikscheiß nicht woanders regeln?“
„Es ist nicht Politik“, rief Xiao Yun. „Es ist Essen!“
„Essen?“
„Ja“, sagte sie. „Sie unterhalten sich nur ganz normal über die Speisenkombination. Wir sind alle der Meinung, dass man Hühnchen nach Art der Kaiserin nicht mit doppelt gewürztem Warzenfisch servieren kann. Aber diese beiden Männer hier“ - sie deutete auf zwei sehr feindselig stierende Rotchinesen - „sind anderer Ansicht. Sie sagen, dass man sogar sauer-scharfe Kartoffelstreifen dazu essen könne.“ Mein Dissident Bu Yao nickte, andere Chinesen wandten sich ab, um sich zu übergeben.
Ich ging einen Lappen holen, doch als ich wiederkam, war meine kleine Wolke verschwunden. Ein bleicher Chinese führte mich zum Fenster und deutete nach unten, auf die Straße.
Vor unserem Haus stand eine große, schwarze Limousine mit laufendem Motor. Die Warnblinker warfen orange unterlegte Schatten an die umliegenden Hauswände. Jetzt kamen zwei Männer aus der Haustüre - die Rotchinesen! Sie trugen etwas Längliches. Der Fahrer öffnete den Kofferraum, sie warfen das zappelnde Paket hinein. Es schrie auf, ich erkannte die Stimme sofort: Xiao Yun!
Fortsetzung folgt
Zu allen bisherigen Folgen
Der Autor, Jahrgang 1966, lebt und schreibt in Frankfurt. Für die Reportage über seinen Auftritt als türkische Autorenhoffnung Ertugrul bei der vergangenen Buchmesse erhielt er den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor. Sein jüngstes Werk ist „Der beste Roman aller Zeiten“.