07.10.2010 · Bei unserem ersten Besuch im Gefängnis habe ich meine Eltern nicht viel gefragt. Ich glaube, ich war einfach noch zu perplex. Dritte Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.
Von Annette MingelsRussland! Was habe ich mit Russland zu tun? Aus dem Geographieunterricht kenne ich gerade mal die Namen von ein paar Städten und Gebirgen, ich weiß ungefähr, wo das Schwarze Meer liegt, und dass die Wolga der längste Fluss Europas ist und trotzdem nur in Russland verläuft. Zu Weihnachten haben meine Eltern mir „Anna Karenina“ geschenkt. Aber hätte ich da schon stutzig werden müssen?
Am Anfang gab es ziemlich viel Betrieb hier. Vom Küchenfenster der Nachbarn aus konnte ich beobachten, wie die Polizisten das gesamte Haus auf den Kopf stellten. Alles, was ihnen wichtig erschien, verpackten sie in Bananenkisten, die sie dann in ihre Autos trugen. Nach zwei Tagen versiegelten sie die Tür, knallgelbes Klebeband auf rotem Holz. Das Schlimmste waren die Klassenkameraden, die im Schritttempo am Haus vorbeifuhren. Richtige Ausflugsfahrten waren das. In einem Auto konnte ich Lisa, Sarah und Alexa erkennen. Nie im Leben wären die vorher bei mir vorbeigekommen. Aber jetzt: Bloß nichts verpassen und andächtig wie im Museum!
Bei unserem ersten Besuch im Gefängnis habe ich meine Eltern nicht viel gefragt. Ich glaube, ich war einfach noch zu perplex. Später fing ich aber an, Fragen zu stellen. Die erste klang vielleicht dumm, aber wenn ich eine Psychologin wäre, würde ich sagen: Sie macht klar, wie sehr ich plötzlich an meiner Identität zweifelte.
Ich: Wie heißen wir denn jetzt?
Mein Vater: Rory und Maureen, natürlich.
Ich (genervt): Ja, aber, wie weiter?
Mein Vater: Murphy, schätz ich mal.
Ich: Und ihr? Wie heißt ihr?
Meine Mutter (irgendwie stolz): Wladimir und Lydia Gurijev.
Ich: Und wie müssen wir das nun verstehen? Waren wir nur Mittel zum Zweck, um die Tarnung glaubwürdig zu machen?
Jetzt fing meine Mutter an zu weinen, Rory natürlich auch, und weil ich spürte, dass es bei mir auch gleich losgehen würde, rief ich womöglich ein bisschen zu laut: „Jetzt sagt halt schon!“
„Nein“, sagte mein Vater, „ihr seid einfach unsere Kinder. Fertig aus.“
Im Nachwort zum Buch ist das alles auch beschrieben, aber etwas ausführlicher und auch in einem besseren Stil. Lenny hat das geschrieben, und gar nicht mal so schlecht. Die Buchvernissage, die wir in Montclair in meinem Lieblingscafé abhielten, war natürlich überfüllt. Ich kannte etliche von den Zuhörern, am Anfang winkte ich dauernd von der improvisierten Bühne runter, dann tat ich so, als blendete mich das Licht und als sähe ich nichts mehr. Beim Buchsignieren sagte ein Mann zu mir, er könne das alles gar nicht glauben. „Ihre Mutter“, sagte er, „war so eine gute Gärtnerin. Denken Sie doch nur an ihre Hortensien!“ „Ja“, sagte ich, und dann sah ich tatsächlich kurz ihre Hortensien vor mir: die rosafarben, blau und weiß blühenden Sträucher, die so weich aussahen, als könnte man sich einfach reinschmeißen.
Kurzroman zur Buchmesse: Liebesgrüße aus Montclair (2)
Kurzroman zur Buchmesse: Liebesgrüße aus Montclair (1)
Fortsetzung folgt
Die Autorin, Jahrgang 1971, lebt seit 2009 in Montclair, New Jersey. Soeben ist bei Dumont ihr Neuer Roman „Tontauben“ erschienen.