15.10.2009 · Während „Schmitt's Budget Catering“ auf der Buchmesse wegen der Saure-Gurken-Zeit statt Champagner Apfelwein und Kellergeister ausliefert, versucht Dissident Bu Yao weiter auf sich aufmerksam zu machen. Neuerdings gewaltlos. Zweite Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans.
Von Oliver Maria SchmittWährend „Schmitt's Budget Catering“ auf der Buchmesse wegen der Saure-Gurken-Zeit statt Champagner Apfelwein und Kellergeister ausliefert, versucht Dissident Bu Yao weiter auf sich aufmerksam zu machen. Neuerdings gewaltlos. Zweite Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans.
Die beiden ächzten nicht schlecht. Xiao Yun, die wunderschöne kleine Wolke, und Bu Yao, mein dicker Dissident, wuchteten Apfelweinkisten aus meinem Catering-Van. Mit der Sackkarre rollte ich das designierte Leergut in Halle 3.1, zum Stand der Frankfurter Verlagsanstalt, wo mich Joachim Unseld schon erwartete.
„Da sind Sie ja endlich, wird höchste Zeit!“ rief er und schob eine Handvoll Haar zurück aufs Haupt. „Mais oui! Äppelwoi, mon amour! Du rettendes Getränk!“ grölte er und streichelte einen Karton. „Es gibt einfach nichts besseres, um die Schnorrer abzuwimmeln!“ Seinen jährlichen Empfang bei Bier und Champagner lasse er dieses Jahr aus Kostengründen ausfallen, sagte er. „Ich sauf das Zeug lieber selber.“ Statt dessen habe er zum „Äppler-Umtrunk“ am Verlagsstand geladen, und das koste ihn „unterm Strich gar nix“, weil bekanntlich niemand käme, wenn mit dem Ausschank des hessischen Nationalgetränks gedroht werde.
Bu Yao, mein Dissident, war entzückt. „Sie haben durch die Einladung Gesicht gewonnen und dennoch kein Geld verloren. Ich verneige mich vor Ihnen.“ Auch Unseld verneigte sich höflich.
Dann wollte sich Bu Yao aufmachen, die Messe zu erkunden. Nur derentwegen sei er schließlich nach Deutschland gereist. Ich schärfte ihm nochmals ein, den geplanten Anschlag auf die Buchmesse und insbesondere den Chinesischen Pavillon tunlichst zu unterlassen, sonst könne er den Schlafplatz auf meiner Couch vergessen. „Anschläge auf öffentliche Einrichtungen sind in Deutschland verboten“, sagte ich. „Außerdem schaden sie meinem Geschäft.“ Da war er sichtlich platt und ließ, wenn auch nur widerwillig, von seinem Vorhaben ab.
Ich hakte die mandeläugige Xiao Yun unter, um ihr in Halle 6 bei den Indern einige Neuerscheinungen auf dem Kamasutra-Sektor zu zeigen. Ich solle nicht sauer sein auf Bu Yao, sagte meine kleine Wolke, er habe ja nicht ernsthaft jemanden umbringen wollen. „Versteh doch, er ist Dissident, er will nur auf sich aufmerksam machen.“
Das hatte ich wohl mitbekommen. Gestern Abend, bei der Rowohlt-Party, hatte mich Bu Yao bis auf die Knochen blamiert.
Ich hatte ihn und die reizende Xiao Yun in weiße Kittelchen mit der Aufschrift „Schmitt's Budget Catering“ gesteckt, wir fuhren zum Schirn-Café, passierten problemlos die Sicherheitskontrolle und entluden die herrlichen Knabbersachen und die vielen, vielen „Keller Geister“-Kartons. Verlagschef Alexander Fest zahlte bar und war begeistert, dass er fast tausend Menschen für weniger als einen Euro pro Kopf amtlich abfüllen konnte. „Das hat was“, sagte der Bonvivant und goss mir einen ordentlichen Schuss Mariacron aus Maria Ledigs vererbtem Silberflachmann ein.
Bu Yao zückte einen Stift und einige bedruckte Zettel, mischte sich unter die Gäste und wollte wohl Unterstützerunterschriften für oder gegen irgendeine großchinesische Sache sammeln. Die Zettel waren ausschließlich mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt, doch viele Gäste unterschrieben gerne, weil sie dachten, das sei die Essensbestellung. Es gab ja nur Knabberzeug. Die Stimmung war ohnehin nicht gut, und durch die großen Glasfenster sah ich, wie ein kahlköpfiger Mann mit Brille immer wieder mit den Fäusten gegen die Fenster bollerte und schrie: „Ich bin Juuude! Ich bin gebraucht! Lasst mich rein, ihr Nazis, ich bin Juuuuuuuuude!“ Er war modisch gekleidet und hatte sich einen Stern angeheftet, der war beschriftet mit „Converse All Star“ - er hatte ihn offenbar von seinen Turnschuhen abgetrennt.
Plötzlich entstand ein kleiner Tumult. Ein Security-Mann mit beachtlichem Backenbart hatte Bu Yao erblickt, ihn gepackt und aufgefordert, die Party zu verlassen, das Unterschriftensammeln sei hier verboten.
„Dann verlasse ich mit meiner gesamten Delegation unter Protest diese Veranstaltung“, keifte Bu Yao und ich musste ihm folgen, weil er die Autoschlüssel hatte. Am Ausgang trompetete er noch mal los: „Lasst mich raus, ich bin Dissident!“ Und von außen hämmerte noch immer dieser Brillenmann: „Lasst mich rein, ich bin Juuuuude!“ Das war keine schöne Feier gewesen.
Ich eilte mit Xiao Yun übers Messegelände zu den Indern, unterwegs hielten mich verzweifelte Journalisten und Verleger an, die mich von den Feiern der Vorjahre noch kannten. Ob ich denn für heute Abend nicht irgendwo eine Party oder wenigstens einen halbstündigen Gratisausschank wüsste, wo man auch ohne persönliche Einladung reinkäme. Es sei so hart dieses Jahr, meinte ein altgedienter dtv-Mann: „Bei S. Fischer wird man nur noch gegen Vorlage eines gültigen Buchvertrages nebst einer Vorschussabtretung eingelassen.“
Vor dem Chinesen-Pavillon liefen wir Bu Yao wieder in die Arme. Er war auf einmal wie verwandelt und grinste mich triumphierend an.
„Heute Abend Riesenparty, Lao Ou, so groß wie der Schatten des neunköpfigen Drachen. Es wird dir gefallen. Ich habe alle Kollegen eingeladen, es wird die größte internationale Dissidentenparty aller Zeiten!“
„Ich weiß nicht genau, ob ich komme“, sagte ich ein wenig ungehalten und zog Xiao Yun weiter. „Vielleicht schau ich mal kurz vorbei.“
„Es wird dir bestimmt gefallen“, sagte Bu Yao und lachte. „Wir feiern nämlich bei dir zuhause.“
Fortsetzung folgt
Zu allen bisherigen Folgen
Der Autor, Jahrgang 1966, lebt und schreibt in Frankfurt. Für die Reportage über seinen Auftritt als türkische Autorenhoffnung Ertugrul bei der vergangenen Buchmesse erhielt er den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor. Sein jüngstes Werk ist „Der beste Roman aller Zeiten“.